London

Banal, schlicht und ironisch

Helen Goldwyn, Ariella Barnett, Anja Fahlenkamp, Mai Weisz, Anna Eckhard und Pat Dynowska Foto: Alex Brenner

Eine Frau steht allein im dunklen Raum und rezitiert aus einem Brief: »Paris 5. Mai 1940« Es ist die politische Theoretikerin Hannah Arendt. Ihr Brief ist an die Jewish Agency in New York gerichtet: »Was können wir unternehmen? Zunächst müssen wir den Nazis entkommen, dann über die Barrieren der Briten schreiten. Wenn wir als Juden angegriffen werden, müssen wir als Juden zurückschlagen (...) eine Armee gründen, uns in Männer verwandeln!«

Die Künstlerin Charlotte Salomon folgt dem und schwört alles aufzumalen, Männer, glückliche Frauen und Kinder und das Hakenkreuz. Eine dritte Frau erscheint, Eva Daube. Sie spricht vom Starksein für den kommunistischen Kampf. Ein paar Szenen weiter befinden sich alle drei inmitten einer fensterlosen Baracke des Gefangenenlager Gurs an der spanischen Grenze. Hierfür war das Kellergewölbe des Arcola Theaters im Londoner Stadtteil Hackney, wo das Theaterstück zwischen dem 8. Oktober und 7. November uraufgeführt wurde Surrogat.

»The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« entstammt der jüdisch-britischen Dramaturgin Julia Pascal. Die politische Theoretikerin Arendt, die Künstlerin Salomon und die Kommunistin Daube waren drei von Tausenden in Gurs Inhaftierten, unter denen sich 1940 auch spanische Antifaschisten und sogar deutsche Nationalsozialisten befanden. Dies war noch vor Beginn des Vichy Regimes. Zwischen 1939 und 1945 kamen in Gurs über 1100 Menschen ums Leben, weitere 2600 wurden nach Auschwitz deportiert.

Stück erinnert an Brecht

Pascal erfuhr über Gurs durch einen Cousin, dessen Tante Daube war. Daube gelang 1941 genau, wie Arendt die Flucht in die USA, während Salomon später in Auschwitz ermordet wurde. Nur ihr heute gefeiertes gemaltes Lebenswerk, eine Inszenierung ihres Lebens, überlebte die Schoa: »Leben oder Theater? Leben? Oder Theater? Ich werde jeden Moment, den ich atmen kann, aufzeichnen (...) werde alles zeigen, niemand kann mich aufhalten!«, versichert sie auf der Bühne.

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Spärlich im Bühnenbild hat das Stück viele musikalisch-tänzerischen Einlagen, die sich an Brecht orientieren. Der Diebstahl eines Stücks Brots Salomons führt zu einem Gerichtsprozess unter den Frauen, indem Arendt als Richterin auftritt. Die Täterin ist eine schlichte Frau und ehemalige Prostituierte. »Du bist die Mörderin [der Frau, der das Brot gehörte, Anm. d. Autors], ihre Vernichtung, du machst aus uns das Nichts«, urteilt Arendt der Diebin entgegen. Daube verteidigt sie, die Frau entkommt der suggerierten Todesstrafe.

Fragen über Gurs hinaus

Als Pascal nach verfügbaren Theatersälen für das Stück über die Schicksale dieser jüdischen Frauen suchte, hätte sie teils ominösen Absagen bzw. Ausreden erhalten, sagt Pascal. Ihre drei Hauptdarstellerinnen Ariella Barnett (Eva), Mai Weisz (Hannah) und Anna Eckhard (Charlotte) haben jüdischen Familienhintergrund, letztere sogar israelischen. Die andren Schauspielerinnen sind britisch-jüdisch, deutsch und polnisch, jedenfalls alles Frauen, die womöglich auch wegen ihres Hintergrunds und Akzentes von britischen Bühnen gerne ausgegrenzt werden und hier heroisch glänzen.

Entgegen der Kritik einiger, die wegen des Titels hochintellektuelle Diskurse erwarteten, nutzt Pascal das zufällige Zusammentreffen von Arendt, Salomon und Daube als Ausgangspunkt für ein bewusst kämpferisches Stück. Es richtet sich gegen das Verdrängen und Verleugnen jüdischer Schicksale – in Gurs und darüber hinaus. Pascal lässt die Frauen auch darüber diskutieren, was jüdisch sein bedeuten könnte, darunter auch die Frage des Zionismus.

Mitten in Hackney, besonders dort, wo die antizionistischen und antisemitischen englischen Grünen die Kommunalregierung leiten, wirken Arendts Worte hierzu besonders scharf: »Ich war nie politische Zionistin, aber ich kann nicht zusehen, wenn Juden terrorisiert werden.« Am Ende entschlüsselt Arendt, was sie mit dem Begriff Banalität des Bösen eigentlich ausdrücken wollte: den Antisemitismus – schlicht und ironisch.

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