Rohe, dicke Backsteinwände, gedimmtes Licht, ein lauter werdendes, tiefes Grollen, das aus Lautsprechern dringt. Wer die neue Dauerausstellung im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände betritt, wird förmlich hineingesogen. »Wir haben uns bewusst für einen künstlerischen Ansatz entschieden, um die Gäste aus dem Alltag heraus in die Thematik der Ausstellung zu führen«, sagt Martina Christmeier, Historikerin und eine der Kuratorinnen im Museum.
Hinter der nüchternen Überschrift »Nürnberg und die Reichsparteitage« stehen vier Kapitel mit vier Fragen:
Warum wurde Nürnberg von Adolf Hitler zur »Stadt der Reichsparteitage« bestimmt?
Wie liefen diese ab?
Was ist mit dem Gelände während des Zweiten Weltkriegs passiert?
Und wie kann mit dem historischen Erbe heute umgegangen werden?
»Wir erzählen die Geschichte von Nürnberg aus«, erklärt Christmeier. Man verwende historische Dokumente und Objekte aus der Stadt, weite den Blick aber immer wieder auf die nationale oder internationale Ebene.
Fokus auf Barrierearmut
Rund fünf Jahre lang wurde das Dokuzentrum renoviert. Eine Erweiterung auf 1.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche, Investitionen von mehr als 28 Millionen Euro: Der eigene Anspruch an die neue Ausstellung war hoch. Sie sollte möglichst vielen Menschen einen Zugang zu diesem dunklen Teil der Nürnberger Geschichte ermöglichen.
Deshalb gibt es einen kostenlosen Mediaguide für alle Besuchenden, mit einer Kurz- und einer Langversion der Audioführung in aktuell acht Sprachen, bald auch mit Gebärden und in einfacher Sprache.
»Barrierearmut war bei der Konzeption essenziell«, sagt die Kuratorin. Etabliert wurden ein ebenerdiger Eingang mit Aufzug, ein Bodenleitsystem, »das nicht nur nicht sehenden Menschen hilft, sondern eine gute Orientierungshilfe für alle Besuchenden ist«.
Vitrinen seien oft auch mit einem Rollstuhl unterfahrbar und taktile Stationen ermöglichten es nicht nur, Texte in Blindenschrift zu lesen, sondern auch Nachbildungen historischer Objekte mit den Händen zu erkunden. »Wir haben kein Extraprogramm für verschiedene Zielgruppen, sondern unsere Rundgänge sind so aufgebaut, dass sie für alle Menschen gemeinsam zugänglich sind.«
Anpassung an moderne Sehgewohnheiten
Dazu gehört auch die Gestaltung der Informationstafeln. Eine zusammenfassende Wand- und eine detailreiche Pultebene ermöglichen es den Besuchenden, selbst zu entscheiden, wie viele Informationen sie aufnehmen möchten. Deren Aufbereitung ist zudem an moderne Sehgewohnheiten angepasst. Fotos werden zerlegt und Stück für Stück analysiert, Propagandamaterial wird in Kernaussagen eingeordnet. Die Informationstafeln erinnern an Infoposts auf Social Media, ohne dabei oberflächlich zu sein.
An mehreren interaktiven Medienstationen können Menschen eigenen Input geben, zum Beispiel an Abstimmungen teilnehmen oder Stichworte zum Thema Demokratie hinterlassen. Mithilfe des eigenen Mediaguides lassen sich Videos starten oder Augenzeugenberichte abrufen. Zum Beispiel an einer gigantischen Videowand, auf der in Comicform verschiedenste Menschen abgebildet sind, die die Reichsparteitage in Nürnberg erlebt haben.
Vom Probebetrieb zur feierlichen Eröffnung
»Ich wusste nicht, dass zu dieser Zeit in Nürnberg so viel geschehen ist«, sagt der Rheinländer Dirk Pfaffhausen, der sich die Ausstellung ansieht. Der Mediaguide helfe ihm beim Verständnis, er habe sich bisher fast alle Inhalte angesehen. Für Rita Hannemann aus Hamburg schafft es die Ausstellung, Emotionen zu wecken, gerade durch Zeitzeugenberichte, Einzelschicksale und die verschiedenen Medien.
»Vor ein paar Tagen haben wir uns das Außengelände angesehen. Ich dachte erst, es geht hier vor allem um die Architektur, aber die Ausstellung ist viel weitreichender.«
Am 4. November, genau 25 Jahre nach der ursprünglichen Eröffnung des Museums, folgt nun die feierliche Wiedereinweihung. Zwischen Ende Mai und Anfang Oktober kamen im Rahmen eines Probebetriebs bereits mehr als 90.000 Gäste ins Museum, »der Zuspruch ist größtenteils unglaublich positiv«, sagt Christmeier.