Philologie

Mehr als Dolmetscher

A und Alef Foto: KI via ClaWi

Im Jahr 1924 erscheint ein schmaler Band mit Hymnen des mittelalterlichen Dichters und Philosophen Jehuda Halevi, aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen von Franz Rosenzweig. Der Übersetzer ist bereits schwer krank, zunehmend gelähmt und kann sich bald nur noch über eine Buchstabentafel verständigen. Mit seiner Übersetzung geht es ihm darum, das Deutsche mit fremder Kadenz und sakralem Wortschatz zu durchdringen.

An anderer Stelle bringt er das Grundproblem des Übersetzens auf eine Formel: Übersetzen heißt, zwei Herren dienen. Also kann es niemand, und gerade deshalb ist es, so Rosenzweig, jedermanns Aufgabe.

Fast acht Jahrhunderte zuvor hatte Jehuda ibn Tibbon im südfranzösischen Lunel Halevis philosophisches Hauptwerk, den Kuzari, aus dem Arabischen ins Hebräische übertragen. Das große Verteidigungswerk des andalusischen Judentums sollte damit auch jenen zugänglich werden, die kein Arabisch lasen.

72 Gelehrte

Übersetzung ist der jüdischen Tradition eigen und von Beginn an umstritten. Der Talmud beschreibt die Entstehung der Septuaginta als ein Wunder: 72 Gelehrte hätten, voneinander getrennt, die Tora identisch ins Griechische übertragen. Der nachtalmudische Traktat Soferim dagegen vergleicht jenen Tag der Übersetzung mit dem Tag der Sünde des Goldenen Kalbs, weil sich die Tora nicht angemessen übersetzen lasse.

In der Synagoge der Antike gab es mit dem »Meturgeman« ein eigenes Amt: Er übersetzte die Lesung Vers für Vers ins Aramäische. Die rabbinische Tradition schreibt diesbezüglich vor: Vorleser und Übersetzer dürfen nicht dieselbe Person sein, und der Übersetzer darf nicht ablesen. Eine Übertragung ist erwünscht, aber die Grenze zum heiligen Text soll sichtbar bleiben.

Die rabbinische Tradition schreibt vor: Vorleser und Übersetzer dürfen nicht dieselbe Person sein.

Seine folgenreichste Gestalt nahm das jüdische Übersetzen jedoch im Mittelalter an. Als Mitte des 12. Jahrhunderts die Almohaden die Juden aus al-Andalus vertrieben, flohen viele nach Norden, darunter auch in die Provence. Dort las allerdings kaum jemand mehr Arabisch. Also beauftragte der Gelehrte Meschullam von Lunel den aus Granada stammenden Jehuda ibn Tibbon mit Übersetzungen. Dieser begründete eine Übersetzerdynastie, die über mehrere Generationen hinweg das auf Arabisch verfasste philosophische Erbe des Judentums ins Hebräische übertrug.

Sein Sohn Samuel übersetzte Maimonides’ berühmten Führer der Unschlüssigen und korrespondierte darüber mit dem Autor selbst. Der riet, nicht Wort für Wort zu übersetzen, sondern den Sinn so wiederzugeben, dass er in der neuen Sprache klar werde.

Damit wurden die Übersetzungen auch richtungsweisend für ein neues Hebrä­isch. Jehuda ibn Tibbon beklagte in mehreren seiner Vorworte, dass dem Hebräischen Begriffe für die neuen Wissenschaften fehlten, wie sie das Arabische längst ausgebildet hatte. Die Tibboniden schufen sie durch Lehnprägungen und Neubildungen, auch im Rückgriff auf die Sprache der Bibel. Das Ergebnis war ein philosophisches Hebräisch, das Zeitgenossen sperrig fanden und das dennoch über Jahrhunderte hinweg zum Standard wurde.

Für eine jüdische Leserschaft

Ganz neu war hebräische Wissenschaft dabei nicht: Schon im frühen 12. Jahrhundert hatte Abraham bar Hiyya in Barcelona als wohl erster jüdischer Gelehrter gewagt, sein gesamtes Werk auf Hebräisch zu verfassen.

Lange prägte ein anderes Bild die Forschung. 1893 veröffentlichte Moritz Steinschneider sein Hauptwerk Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher. Das Werk gilt bis heute als Fundament der modernen jüdischen Bibliografie. Für die Wissenschaft des Judentums seiner Zeit ließ es sich als Emanzipationsargument verstehen: Wer Europa Wissen gebracht hatte, gehörte dazu. Doch ebenso ließ sich der Titel derart lesen, als hätten Juden vor allem das Wissen der Araber an das lateinische Europa weitergereicht, ohne selbst etwas beizutragen.

Neuere Forschung hat dieses Bild korrigiert und die Originalität der Übersetzer gewürdigt. Übersetzen hieß auswählen und kommentieren – und das ausdrücklich für eine jüdische Leserschaft. Gersonides kommentierte im 14. Jahrhundert die Aristoteles-Kommentare des muslimischen Denkers Averroes und betrieb dabei eigenständige Philosophie. Zur selben Zeit kehrte sich die Richtung sogar um: Jehuda Romano übertrug Thomas von Aquin aus dem Lateinischen ins Hebräische. Auch hier bedeutete Übersetzung eine eigene Lesart.

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Wie stark Übersetzung eine Sprache prägen kann, zeigt das Judenspanische. »Ladinar« hieß ursprünglich schlicht »übersetzen«, und zwar die heiligen Texte Wort für Wort aus dem Hebräischen ins Spanische. Der Linguist Haïm Vidal Séphiha (1923–2019) zeigte, wie daraus eine eigene Sprachform entstand: spanische Wörter in hebräischer Syntax (genannt Ladino), unterschieden vom gesprochenen Judezmo.

Die Ferrara-Bibel von 1553 wurde für Conversos gedruckt, die zum Judentum zurückkehrten und das Hebräische verlernt hatten. Übersetzung bot hier einen Weg zurück. Und in Konstantinopel wurde 1547 der Pentateuch in vier Spalten gedruckt, auf Hebräisch, Aramäisch, Judenspanisch und Judengriechisch: die Diaspora in einem Buch.

Wie stark Übersetzung eine Sprache prägen kann, zeigt das Judenspanische. Nach Moses Mendelssohns Tora-Übersetzung, deutsch in hebräischen Lettern und ein Tor zur deutschen Kultur, setzten Martin Buber und Franz Rosenzweig 1925 mit umgekehrtem Vorzeichen an. Ihre Verdeutschung der Schrift wollte die Bibel eben nicht ins vertraute Deutsch einpassen, sondern im Gegenteil das Deutsche dem Hebräischen öffnen.

Der Sinn des Wortes

Die Übersetzung folgte hebräischen Wortwurzeln und unterwarf sich dem Rhythmus des Hebräischen. Aus dem »tohu wa-bohu« der Schöpfung wurde bei ihnen »Irrsal und Wirrsal«. Wo Maimonides den Sinn über das Wort gestellt hatte, stellten Buber und Rosenzweig das Wort über das Vertraute. Buber, 1938 nach Jerusalem emigriert, vollendete das Werk nach dem Tod Rosenzweigs erst 1961, nach der Schoa.

Zur Feier seiner Vollendung hielt Ger­shom Scholem eine der bittersten Reden der deutsch-jüdischen Geschichte. Die Übersetzung sei eigentlich als Gastgeschenk an die Deutschen gedacht gewesen, sagte er sinngemäß, doch nun sei sie zum Grabmal einer im Grauen erloschenen Beziehung geworden.

Keiner der jüdischen Übersetzer war bloßer Vermittler zwischen Kulturen; sie bewegten sich immer zwischen dem Bewahren und Neuschöpfen von Wissen. Heute, da das Ladino kaum noch gesprochen wird, übersetzt man den Kleinen Prinzen ins Ladino, damit die Sprache überlebt.

Einst rettete die Übersetzung den Zugang zum Text, nun rettet der Text die Sprache. Wer zwei Herren dient, gehört keinem ganz. Und vielleicht liegt gerade darin die Berufung, von der diese Übersetzungsgeschichte erzählt.

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