Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Erstmals rückt eine profunde Schau die gezielte Zerschlagung der meist avantgardistischen Sammlungen in der NS-Diktatur in den Fokus der Öffentlichkeit: Blick in die Hamburger Ausstellung Foto: Ulrich Perrey

Paula Modersohn-Becker, Claude Monet, Pablo Picasso und Max Pechstein – es sind einzigartige Werke von Künstlern der klassischen Moderne, die seit Mitte September im Hamburger Bucerius Kunst Forum gezeigt werden. Da ist im expressionistischen Farbrausch Max Pechstein als »Selbstbildnis, liegend« (1909) im Gras zu sehen, eine Pfeife schmauchend. Und einen Ausstellungsraum weiter blickt Vincent van Goghs »Mädchen mit zerzaustem Haar« (1888) die Besucher an, während etwas weiter entfernt Max Liebermann »Hängende Wäsche zwischen Bäumen« (um 1890) im Winde wehen lässt.

Allein diese Werke faszinieren. Doch bei der Ausstellung »Von Monet bis Picasso« mit rund 100 Gemälden, Grafiken und Skulpturen aus der Zeit von Realismus und Impressionismus bis zu Expressionismus und Neuer Sachlichkeit geht es vor allem um jene Menschen, die diese Werke einst erworben und zusammengetragen haben: jüdische Kunstsammlerinnen und -sammler in Deutschland.

»Wir wollen zeigen, dass viele Werke noch verschollen sind.«

Kuratorin Kathrin Baumstark

Erstmals rückt eine so profunde Schau die gezielte Zerschlagung und den Raub der meist avantgardistischen Kollektionen in der NS-Diktatur, das Verfolgungs- und Ermordungsschicksal der Sammlerinnen und Sammler sowie die heutige Frage der Rückgabe des Raubguts in den Fokus der Öffentlichkeit. So erfahren die Besucher der bisher größten und aufwendigsten Ausstellung des Bucerius Kunst Forums, dass jenes »Selbstbildnis, liegend« von Max Pechstein ursprünglich Eigentum des Kölner Sammler-Ehepaars Martha (1891–1935) und Walter Blank (1889–1938) war. Nachdem die Provenienzforschung zu dem Ergebnis gekommen war, dass es sich bei diesem Werk um NS-Raubkunst handelte, konnte mit öffentlichem Protest im Jahr 2023 dessen Versteigerung verhindert und eine Einigung zwischen den beteiligten Parteien erzielt werden. Erworben wurde das Gemälde von einem deutschen Privatsammler.

Die Hamburger Ausstellung berührt Klaus Walter Blank, den Enkel des Radiologen Walter Blank, der 1938 im Spanischen Bürgerkrieg an Nierenversagen starb, auf besondere Weise, weil sie die Geschichte der eigenen Familie widerspiegelt. »Während der NS-Zeit mussten meine Vorfahren 1936 unter dem Druck der Verfolgung Deutschland über Nacht verlassen.« Neben den damit verbundenen existenziellen Ängsten sei ihnen ihr gesamter Besitz, zu dem auch eine bedeutende Sammlung moderner Kunst zählte, gewaltsam entzogen worden, sagt er. Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Holz- und Porzellanplastiken von Chagall, Mense, Vlaminck, Segall, Dix, Hoerle, Seiwert, Adler, Hofer und Barlach seien geraubt worden und gelten seitdem als verschollen. Der in Süddeutschland lebende Nachfahre fordert daher eine breitere Unterstützung der Provenienzforschung, anonyme und vertrauliche Meldestellen sowie »personelle und finanzielle Unterstützung bei erforderlich werdendem Rechtsbeistand«.

Kein Schlussstrich

Kathrin Baumstark, Direktorin des Bucerius Kunst Forums und Kuratorin der Ausstellung, führt die Jüdische Allgemeine durch 15 Ausstellungsräume, die beispielhaft den 15 jüdischen Sammler-Familien, -Paaren und -Einzelpersonen aus allen Teilen des damaligen Deutschen Reiches gewidmet sind. »In einer Zeit, in der die AfD die staatliche Unterstützung für die Provenienzforschung streichen will, ist diese Ausstellung wichtiger denn je. Denn einen Schlussstrich kann und darf es nicht geben«, sagt sie. Die Wände der Räume hat man farblich so gestalten lassen, dass sie in verschiedenen sanften Grüntönen die Besucher empfangen und somit eine geradezu private Wohnzimmeratmosphäre für jede Sammlung schaffen sollen.

Die Idee für die Ausstellung sei vor fünf Jahren bei einem gemeinsamen Kaffeetrinken mit dem Kulturjournalisten Stefan Koldehoff, dem Co-Kurator der Schau, entstanden. Zwar habe es immer wieder wissenschaftliche Beiträge zu diesem Thema gegeben, aber noch keine Ausstellung mit dem Ziel, einen Teil der inzwischen weltweit verstreuten Werke an einem Ort zu vereinen. »Dafür haben wir 500 Leihanfragen an Museen gestellt«, berichtet Kathrin Baumstark. »Aber lediglich 90 Antworten erhalten.«

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In akribischer Arbeit bei intensiven 80-Stunden-Wochen wurden historische Auktionskataloge aus der Nazi-Zeit, Fotos und Dokumente analysiert und Kontakt zu den Nachfahren der Sammlerinnen und Sammler aufgenommen. Die weiteste Dienstreise führte die Kuratorin nach New York. Die spontanen Reaktionen berührten sie zutiefst, und sie zitiert eine Enkelin: »Sie wollen an unsere Oma erinnern, das beseelt uns.«

Liebermanns »Hängende Wäsche«

Manchmal kam das Team des Bucerius Kunst Forums bei den Recherchen nicht weiter, das Projekt stand schon auf der Kippe. Doch dann ging es wieder aufwärts. Mit wirklich berührendem Ergebnis. »So können wir erstmals seit 80 Jahren Werke aus der Sammlung von Margarete Mauthner (1863–1947) aus Berlin wieder in Deutschland zeigen – aufgrund von Leihgaben aus Südafrika«, so die Kuratorin. Dazu gehört auch Liebermanns »Hängende Wäsche zwischen Bäumen«.

Im Ausstellungsraum für die Sammlerin Margarete Oppenheim (1857–1935) aus Berlin sind van Goghs »Mädchen mit zerzaustem Haar«, aber auch plötzlich mehrere leere Bilderrahmen zu sehen. »Damit wollen wir zeigen, dass so viele Werke noch verschollen sind«, erklärt Baumstark. Im ausführlichen Katalog zur Ausstellung mit dem Titel Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland (Hirmer Verlag) heißt es: »Zahlreiche der über 1200 Stücke aus den Oppenheim-Auktionen von 1936 sind bis heute verschwunden geblieben.«

Die Ausstellung »Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland« ist noch bis zum 29. März 2027 zu sehen.

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