Kino

Wiener Blut

»Völlig entleerte Opfer!« - die Aufregung ist groß in Wien. Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert) interessiert sich eigentlich nur dafür, jeden Tag im Kaffeehaus frisch gebackene Buchteln zu verspeisen. Doch nun ist seine Tante zurück in der Stadt: »Die Blutgräfin« Erzsébet Báthory (The one and only: Isabelle Huppert).

Bubi ist selbst Vampir, allerdings Vegetarier. Seine zahlreichen Probleme mit dem vampirischen Dasein bespricht er mit dem Psychoanalytiker Theobald Tandem (Lars Eidinger). Doch während Bubi die Buchteln sättigen, hat die frisch auferstandene Tante »richtigen« Hunger.

Und dabei sieht »Madame Dracula« im neuen Film der Regisseurin Ulrike Ottinger besser aus als Max Schreck, Gary Oldman und Robert Pattinson zusammen, was man besonders gut beobachten kann, wenn sie auf einer Barke unter der Stadt minutenlang durch die Grotten des Wienflusses gleitet - eingepackt in blutroten Tüll und ausgestattet mit metallenen Dracula-Krallen auf den Seidenhandschuhen. Gemeinsam mit ihrer Zofe Hermine (einfach genial: Birgit Minichmayr) taucht sie nach Jahrhunderten wieder in Wien auf und schreitet so elegant durch die Zeiten, als wäre sie nie weg gewesen.

Nepomuk Nachbiss und Theobastus Bombastus

Geweckt wurde sie offensichtlich durch das Auftauchen eines mysteriösen Buches, dessen Zeilen Vampire wieder in gewöhnliche Sterbliche verwandeln kann. Sie will es vernichten. Währenddessen laufen die Ermittlungen bereits: Oberinspektor Unglaube (Karl Markovics) und sein Assistent sind der Gräfin auf den Fersen, ebenso die Vampirologen Nepomuk Nachbiss und Theobastus Bombastus (Netti und Basti), die sich in Anekdoten und Besserwisserei ergehen, natürlich alles in Wiener Schmäh. Und alles mit wunderbar schrägem Horrorhumor, der zwischen und rot und schwarz oszilliert.

Gar nicht witzig ist die historische Vorlage für die immer wieder in Büchern und Filmen erweckte Erzsébet Báthory. Die ungarische Adelige soll Ende des 16. Jahrhunderts rund 650 junge Frauen zu Tode gefoltert haben. Was dazu passt, dass sie angeblich eine Großnichte von Vlad Tepes war, der Bram Stoker einst als Vorlage für seine Romanfigur Dracula diente. Báthory wurde nachgesagt, sie habe in »Jungfrauenblut« gebadet, um die eigene Jugend und Schönheit zu erhalten. Ein gefundenes Fressen fürs Kino.

Ottingers Faszination für künstliche Welten und bizarre Personenkonstellationen spitzt sich zu in einer regelrechten Ausstattungsorgie.

In Peter Sasdys trashiger Horrorfilm »Comtesse des Grauens« (1971) dient das Blut neben aller Groteske dem schlichten Vorhaben der Verjüngung, Walerian Borowczyks »«Unmoralische Geschichten»(1974) fokussierten sich auf ein morbid-erotisch-ästhetisches Blutbad und in«Die Gräfin»(2009) mit Julie Delpy und Daniel Brühl machen die Umstände und ein gebrochenes Herz die mächtige Frau zum Monster. Kein Vergleich mit Ottingers distinguiertem Vampirismus.

Auch ihre Gräfin ist verrückt nach hübschen jungen Frauen und fährt beim Anblick eines schönen Halses die Fangzähne aus. Doch ihr anmutiger Biss hinterlässt gerademal einen kleinen Blutstropfen an den Lippen. Contenance muss sein, selbst beim Aussaugen. Überhaupt geht es in «Die Blutgräfin» meist äußerst gesittet zu. Selbst die Opferungszeremonien folgen strikten Regeln, angeleitet durch Zeremonienmeisterin Conchita Wurst.

Wanne voll Kunstblut

An den Dialogen hat die Autorin Elfriede Jelinek mitgearbeitet, entsprechend entstand eine Mischung aus Kalauer, Schmäh und blasiertem Tiefsinn, der herrlich gut in dieses von Untoten nur so wimmelnde Wien passt.

Ottingers Faszination für künstliche Welten und bizarre Personenkonstellationen spitzt sich zu in einer regelrechten Ausstattungsorgie zu. Da wird durch Gruften, Beinhäuser und über den erleuchteten Prater geschwebt. Überall Samt, Brokat, Tüll, Seide, vorzugsweise in Blutrot, Granatapfelrot, Weinrot. Wien als begehbares Kuriositätenkabinett, in dem selbst die Vergänglichkeit nur mit einem kleinen amüsierten Lachen abgetan wird.

Bei aller Absurdität erwartet man jeden Moment den Gipfel der Groteske. Die Bühne mit den merkwürdigen Figuren, prächtigen Kostümen und haarsträubenden Dialogen ist doch schon so vielversprechend bereitet. Aus unerfindlichen Gründen explodiert die Rakete jedoch nicht, und das Feuerwerk bleibt aus. Liegt es daran, dass selbst die Geschmacklosigkeit hier noch geschmackvoll arrangiert ist? Schade eigentlich, denn ständig lässt sich erahnen, welche Ungeheuerlichkeiten noch möglich gewesen wären. Aber zu gern legt man sich gedanklich hinein in die wohltemperierte Wanne voll Kunstblut und lässt sich treiben.

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