Er ist auferstanden, und die Welt hat nicht auf ihn gewartet: Sacha Baron Cohen feiert nach 24 Jahren sein Comeback als »Ali G«. Kaum hat der Mann in den übergroßen Hip-Hop-Klamotten und mit den dicken Goldketten wieder einen Fuß in die Öffentlichkeit gesetzt, steht auch schon die moralische Einsatztruppe bereit. Deren Mission: verhindern, dass Menschen im Kino etwas zu sehen bekommen, das sie möglicherweise falsch verstehen könnten. Oder noch schlimmer: das ihnen gefallen könnte.
Der britische Komiker schickt seine Kunstfigur nach mehr als zwei Jahrzehnten also wieder auf die Kinoleinwand. Entstanden ist sie 1998, damals ließ Cohen sie in »Da Ali G Show« im Studio vor Publikum auftreten. Nun heißt der Film Ali G: Who Iz I?. Schon im Trailer – das einzige, was über den Film, der diese Woche in Deutschland teilweise anläuft, bislang zu sehen ist – erklärt »Ali G«, er sei 20 Jahre lang weg gewesen und habe »gechillt«. In dieser Zeit sei die Welt »voll abgekackt«. Als Beispiele für diesen Schrecken nennt er »Covid, Kriege und Ed Sheeran«. Ein Vorgeschmack auf den Film? Er stellt seinen Gesprächspartnern, die nach ahnungslosen Fremden aussehen (aber so sicher ist man sich bei Cohen ja nie) absurde Fragen und bringt sie dazu, sich selbst zu blamieren. Das war früher lustig. Heute reicht ein Trailer, um eine internationale Debatte darüber auszulösen, ob diese Figur überhaupt noch existieren darf
Aufruf zum Boykott
Nur wenige Tage vor der Premiere gelang es der britischen Medienbeobachtungsplattform NewsCord mit einer großangelegten Boykottkampagne, eine Debatte darüber zu lancieren, ob der Film gezeigt werden soll. Durch den Versand von mehr als 36.000 Nachrichten an Kinoketten weltweit hat die Organisation mit Sitz im Vereinigten Königreich zum Filmboykott aufgerufen. In der Kampagne wird Cohen vorgeworfen, Satire als »Deckmantel für die Durchsetzung rassistischer Stereotype« zu verwenden. Sie beruft sich dabei auf einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 2000, worin schwarze britische Komiker behaupteten, der Charakter Ali G sei ein »Alibi für Rassismus«.
Mit ihrer Kritik ist NewsCord, jene Plattform, die während des Gazakriegs von der Organisation Tech for Palestine ins Leben gerufen wurde und untersucht, wie ausgewogen westliche Medien über den Nahostkonflikt berichten, nicht allein: Die Einwände gegen Sacha Baron Cohen gehen viral. Zu den lautesten Kritikern zählt etwa die britische Journalistin Afua Hirsch. Sie selbst gehört zu den prominenten Unterstützerinnen von Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS), jener globalen Kampagne, die Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will – und die der pro-israelische Cohen immer wieder aufs Korn genommen hat.
Next stop: Tarantino
Man muss »Ali G« nicht mögen. Man kann seine Witze für abgestanden, sein Comeback für unnötig halten. Doch seit wann besteht die Antwort auf vielleicht misslungene Satire darin, dafür zu sorgen, dass niemand sie zu Gesicht bekommt?
Dass sich Cohen mit dem Boykott groß beschäftigt, ist indes fraglich. Der Schauspieler hat bereits Neues vor und bereitet sich auf die Hauptrolle in Quentin Tarantinos West-End-Debüt The Popinjay Cavalier vor, das ab März 2027 im Londoner Phoenix Theatre zu sehen ist.
Ab dem 23. Oktober in ausgewählten Kinos