Shkoyach!

Alles auf Pro oder Die Sehnsucht nach neuer Übersichtlichkeit

Pro-Demo in Frankfurt Foto: picture alliance/dpa

Ich frage Sie prophylaktisch: Sind Sie pro-jüdisch? Falls Sie sich fragen, was das bedeuten soll, sind wohl auch Sie Produkt einer vergangenen Epoche, die noch nicht alles und alle nach »Haltung« sortierte. Mittlerweile aber leben wir im Pro-Zeitalter: Wo sämtliche Krisen- und Konfliktlagen eskalieren und Protestbewegungen Straßen und Kommentarspalten fluten, herrscht große Sehnsucht nach neuer Übersichtlichkeit.

Prototypisch ist dabei der sogenannte Nahostkonflikt, der mit den islamistischen Terrorangriffen vom 7. Oktober 2023 eine neue Eskalationsstufe erlangt hat. Während die Hamas-Terroristen es offenkundig schafften, ihre Propagandamacht auf weite Teile der westlichen Welt zu projizieren, flüchtet sich die deutsche Öffentlichkeit in hilflose Zuschreibungen. So gelten die einen Personen und Organisationen als »pro-israelisch«, während andere Aktivistinnen und NGOs als »pro-palästinensisch« etikettiert werden. Die Protagonisten dieser binären Logik bilden zwei entgegengesetzte Pro-»Teams«.

Pro-Pessach? Pro-Parve? Pro-Purim?

Zwischentöne kommen im Pro-Zeitalter nicht mehr vor, Radikale jeglicher Couleur profitieren davon. Die jüngste Wortkreation der neuen Zeit ist »pro-jüdisch«: So kommentierte der »Tagesspiegel« das langwierige Auswahlverfahren des Antisemitismusbeauftragten an Berliner Hochschulen mit der Headline »Pro-jüdische Bewerber im Nachteil?« Und die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« lichtete den Berliner CDU-Politiker Stefan Evers »bei einer pro-jüdischen Demonstration« ab.

Wofür steht eigentlich »pro-jüdisch«? Pro-Pessach? Pro-Parve? Pro-Purim? Interessant ist auch, wie die Pro-Logik den allgegenwärtigen Antisemitismus zum Verschwinden bringt. Antizionismus ist dann etwa »pro-palästinensisch«. Und wenn Jüdinnen und Juden sich pro-palästinensisch äußern, werden sie proaktiv als progressiv protegiert. »Anti« hat jedenfalls ausgedient. »Jetzt kommt Pro, Bro!«, möchte man in Straßenprosa ausrufen.

Lesen Sie auch

Und tatsächlich macht sich das Pro-Zeitalter nicht nur in der Nahostdebatte bemerkbar: Hobbysportler halten Ausschau nach muskelaufbaufördernden Proteinen; prollige Typen werden zu Prototypen; Kriegsinvaliden bekommen Prothesen; an Pro-Thesen für allerlei Verrücktheiten wie »Ukraine-Hilfen stoppen« oder »Immobilienunternehmen enteignen« herrscht kein Mangel.

Die Welt in »Pro«-Teams einzuteilen, kann ein produktiver Zeitvertreib sein. In Zeiten des Bildungsverfalls sind viele Schüler Pro-Fehler, beim CSD sind viele schwule Männer wiederum Pro-Fetisch, und in der Corona-Pandemie lautete der politische Konsens Pro-Testen. Dass man viele Schülerinnen und schwule Männer bei pro-palästinensischen Protesten erblickt, lässt Akteure zu Profiteuren werden, die beiden Gruppen gegnerisch gesinnt sind. Auf Russisch heißt Gegner übrigens Protiwnik.

Ich bin jedenfalls kein Pro-Fan. Die Einteilung in Pro-Dieses und Pro-Jenes halte ich für profan. Aber, wenn Sie mich fragen: Für Prokrastination bin ich immer zu haben.

Aufgegabelt

Fenchel-Tarte-Tatin mit Trauben und Oliven

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  25.10.2026

Kino

Ali G ist zurück – und stößt auf Ablehnung

Nach 24 Jahren schlüpft Sacha Baron Cohen wieder in die Rolle seiner Kultfigur. Doch die Branche will ihn boykottieren

von Nicole Dreyfus  25.10.2026

Zahl der Woche

90,8 Prozent

Funfacts & Wissenswertes

 25.10.2026

NS-Verbrechen

Nach abgesagter Auktion: Holocaust-Dokumente übergeben

Briefe aus Konzentrationslagern und Gestapo-Karteikarten sollten in Deutschland meistbietend versteigert werden. Nun hat die Stiftung Auschwitz-Birkenau die Dokumente an Archive übergeben

 25.10.2026

Film

Serienhit geht weiter: Warum will jeder »Nobody Wants This«?

Eine freizügige Sex-Podcasterin und ein charmanter Rabbiner verlieben sich. Ihre Geschichte ist ein gelungener Gegenentwurf zu klischeehaften Rom-Coms. So geht die Erfolgsserie weiter

von Simone Andrea Mayer  23.10.2026

Berlin

Wenn Wolf Biermann den roten Bademantel trägt

Die Stasi wollte den Liedermacher zum Alkoholmissbrauch verleiten und seine Beziehungen zerstören. Ein Film zeigt, wie er das überstand - und was er mit fast 90 macht: Kraulen in der Ostsee zum Beispiel

von Lisa Forster, Sven Gösmann  23.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus  22.10.2026

Berlin

Igor Levit spricht über eigenes Label

Der Starpianist will andere Künstler unterstützen

 22.10.2026