Einer war blond und hatte auch beim zweiten Hinschauen nicht sonderlich viel Ähnlichkeit, beherrschte aber den Akzent perfekt. Der daneben trug einen schlecht sitzenden Anzug in Grau und einen buschigen Oberlippenbart. Die einzige Frau stand mit schwarzem Kunsthaar und falschem Schnauzer da. Und einer sah ihm tatsächlich ähnlich, auch ganz ohne Verkleidung. Ein Dutzend Männer und eine Frau waren an diesem Vormittag in den Charles-Clore-Park an der Tel Aviver Promenade gekommen, um eines herauszufinden: Wer ist der beste Doppelgänger von Sacha Baron Cohen?
Baron Cohen ist ein britisch-jüdischer Schauspieler und Komiker, der für die von ihm erfundenen und verkörperten satirischen Kunstfiguren Ali G, Borat Sagdiyev, Brüno Gehard und Admiral General Haffaz Aladeen bekannt geworden ist. Initiator des Wettbewerbs in Tel Aviv war die Gruppe »Lama lo TLV«, was übersetzt »Warum nicht TLV« heißt. Für das ausgeschriebene Preisgeld von 100 Schekel (umgerechnet knapp 30 Euro) waren sich die Charaktere für fast nichts zu schade: Sie rollten im Gras herum, tanzten mehr schlecht als recht, versuchten, sich im Brüllen von Obszönitäten zu übertreffen, und entblößten beinahe alles. In einem waren sie sich aber alle einig: Borat ist Kult.
In dem Spielfilm mit dem gleichnamigen Titel aus dem Jahr 2006 reist Borat Sagdiyev, ein fiktiver kasachischer Journalist, durch die USA, spricht mit Amerikanern, ohne die lokalen Gepflogenheiten zu kennen.
Oft bis zum Grenzwertigen ausgereizt
Natürlich ist Baron Cohen als Borat unterwegs, der die größtenteils nicht geskripteten Szenen oft bis zum Grenzwertigen ausreizt und dabei in jedes Fettnäpfchen tritt – selbst wenn gar keines vorhanden ist. Sein Charakter ist äußerst schlichten Gemüts, sexistisch, rassistisch und antisemitisch.
Auf diese Weise äußerten sich auch die israelischen Doppelgänger an diesem Tag. Auf die Frage der Moderatorin nach ihrem Namen, antworteten alle unisono: »Borat«. Viele schlüpften ganz und gar in die Rolle und erklärten zum Beispiel, dass sie von den 100 Schekeln Preisgeld »erst einmal ein paar Frauen kaufen wollen«. Tiefschwarzer Humor war an diesem Tag ausdrücklich erlaubt. »Ich sehe wirklich aus wie Borat, nicht wie diese ganzen Juden hier«, schrie einer ins Megafon, machte abfällige Handbewegungen und spuckte auf den Boden. Der mit dem Anzug sagte, dass er in »diesem schrecklichen Land das ganze Geld wohl für einen Parkplatz ausgeben müsse«. Das Tel Aviver Publikum gab ihm für die wahre Aussage mächtigen Applaus.
Der String-Badeanzug trieb allen noch so Ab- und Aufgeklärten die Schamesröte ins Gesicht.
Dann kam der letzte Teilnehmer über den Rasen gerannt. Viel zu spät, aber bestens vorbereitet. Auch er hatte einen dunklen Lockenschopf – »alles echt«, wie er umgehend betonte. Aber noch authentischer war sein Outfit, das er sehr zur Freude der Anwesenden, die aus dem Lachen nicht mehr herauskamen, stolz präsentierte. Denn was sich unter T-Shirt und Shorts verbarg, war nichts anderes als ein »Mankini«. Er trug tatsächlich eine Art String-Badeanzug, der allen noch so Ab- oder Aufgeklärten die Schamesröte ins Gesicht trieb. Jemand hatte den Mankini einmal als »Steinschleuder« für den Körper bezeichnet. Baron Cohen hatte 2006 einen in leuchtendem Grün getragen.
Der Film Borat, dessen vollständiger Titel Borat! Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan lautet, wurde in Kasachstan verboten, da er das Land als sexistisch und primitiv darstellte. 2012 dankte der kasachische Außenminister Baron Cohen jedoch für seinen Beitrag zur Förderung des Tourismus.
Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses
Vor einer Weile war eine Gruppe von sechs Touristen in Kasachstan in Schwierigkeiten geraten, weil die Männer Borat-Mankinis trugen. Jeder erhielt eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und ein Bußgeld von umgerechnet 67 Dollar. Baron Cohen fand den Coup offensichtlich gut und versprach in einem Facebook-Post, das Geld zu erstatten.
In Tel Aviv musste niemand eine Strafe zahlen. Der junge Mann mit dem besonders gewagten Badeanzug kam zusammen mit fünf anderen in die engere Auswahl des Wettbewerbs. Und schließlich gewann der Mankini-Träger sogar. So viel Chuzpe müsse einfach belohnt werden, urteilte die Jury.
»Es ist total bekloppt«, sagte Maya Ben-Ami, die zufällig am Charles-Clore-Park vorbeikam und durch das Gejohle angelockt wurde. »Aber auch wahnsinnig lustig. Und das brauchen wir Israelis im Moment. Wir wollen loslassen, nicht ständig über Krieg und Frieden nachdenken, sondern einfach mal das Leben genießen.« Genau das ist auch das Motto der Initiative »Lama lo TLV«, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Spaß zu verbreiten.
Den hatten an diesem Vormittag in der Tat alle – auch der Gewinner. Auf die Frage, wie er heißt, sagte er knapp »Borat« mit einem rollenden »r«. Dann erzählte er, dass er genau dieses Outfit vor Kurzem in einem Klub in Berlin getragen habe. Auf das ungläubige Starren der Umstehenden hakte er seinen Daumen in einen Träger seines wenig gediegenen Anzuges, ließ den Stoff auf die nackte Haut zurück klatschen und erklärte: »Damit war ich der König vom KitKat!«