Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Seit mehr als 2000 Jahren bewahren die legendären Schriftrollen vom Toten Meer manche Geheimnisse. Nun hoffen Wissenschaftler, mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI), Chemie sowie Handschriftenanalyse und der Untersuchung der physischen Struktur der Manuskripte endlich Fragen zu beantworten, die sie seit vielen Jahrzehnten beschäftigen.

Die Schriftrollen vom Toten Meer, die unter der Obhut der israelischen Altertumsbehörde in Jerusalem stehen, zählen zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Sie umfassen die ältesten bekannten Handschriften vieler biblischer Bücher sowie eine Sammlung jüdischer Literatur aus der späten Zeit des Zweiten Tempels. Trotz jahrzehntelanger Forschung sind die genauen Orte, an denen viele der Schriftrollen entstanden, weiterhin unbekannt.

Genau das will der Judaist Mladen Popović von der Universität Groningen ändern. Mithilfe von Fördermitteln des Europäischen Forschungsrats (ERC) in Höhe von 2,5 Millionen Euro möchte er die Entstehungsgeschichte der Schriftrollen rekonstruieren. Denn wenn man mehr über die Orte weiß, wo sie niedergeschrieben und kopiert wurden, erhält man genauere Einblicke in das Netz der Schreibkultur und Wissensvermittlung im antiken Judäa. In fünf Jahren wollen er und das internationale Forschungsteam um ihn herum darauf Antworten liefern. In Kooperation mit der Altertumsbehörde soll das Team rund 250 Proben aus der Sammlung der Schriftrollen analysieren, darunter Pergament, Papyrus und Tinte.

»Auf den Spuren von Schreibern und Schriftrollen«

Eingebunden in das Projekt »Auf den Spuren von Schreibern und Schriftrollen« sind neben den Wissenschaftlern der Universität Groningen auch die Labore der Universitäten von Pisa und Neapel sowie von Odense im Süden Dänemarks. In Groningen spielt der Informatiker Maruf Dhali eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Implementierung der Methoden der KI. Mit einbezogen sind außerdem die Ägyptischen Museen in Berlin und Turin sowie die Katholieke Universiteit Leuven im Rahmen einer vergleichenden Studie von Papyri aus Ägypten und der Judäischen Wüste.

Modernste Techniken sollen Einblicke in die Geisteswelt des antiken Judäa vermitteln.

Im Mittelpunkt stehen die Fragen, ob zumindest einige der Schriftrollen in Qumran von einer dort zurückgezogen lebenden jüdischen Gemeinde verfasst wurden oder ob sie aus anderen Zentren schriftlicher Gelehrsamkeit in Judäa, möglicherweise aus Jerusalem, in Zeiten drohender Gefahr in die Höhlen gebracht und dort versteckt wurden. Auch soll geklärt werden, ob die Höhlen als Bibliothek oder als eine Art antiker Genisa, also ein Aufbewahrungsort für alte oder beschädigte religiöse Schriften, dienten. Durch die Kombination modernster chemischer Analysen, KI, Paläografie (Wissenschaft von alten Schriften und Handschriften) und Kodikologie (Wissenschaft von der materiellen Beschaffenheit und Herstellung alter Schriften) wollen die Forscherinnen und Forscher die geografischen und kulturellen Kontexte rekonstruieren, in denen die Schriftrollen entstanden sind.

Zuvor musste man aber die KI anhand von 24 Manuskripten mit zuverlässiger Radiokarbondatierung »trainieren«. Anschließend nutzten die Wissenschaftler das so generierte Modell als Vorlage, um den Handschriftenstil von 135 Schriftrollen mit unbekanntem Entstehungsdatum zu analysieren, deren Entstehung sich über einen Zeitraum von etwa drei Jahrhunderten ab ca. 200 v.d.Z. erstreckt. Darauf will man aufbauen.

Verbindungen zwischen verschiedenen Zentren der Schreibtätigkeit

Erstmals werden auch Papyri aus Ägypten mit solchen aus Qumran und anderen Fundstätten der Judäischen Wüste untersucht. Dadurch soll ihre chemische Zusammensetzung verglichen werden. Die Analysen könnten dazu beitragen, die materiellen »Fingerabdrücke« der Schriftrollen zu identifizieren, die Herkunft der Rohmaterialien, Produktionsmethoden und Verbindungen zwischen verschiedenen Zentren der Schreibtätigkeit zu klären.

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Die chemischen Daten sollen dann mithilfe von KI-Tools verarbeitet werden. Sie sind in der Lage, komplexe Muster zu erkennen, die mit herkömmlichen Analysemethoden schwer zu erfassen sind. Sämtliche Ergebnisse werden anschließend mit Untersuchungen der Handschrift sowie Analysen der physischen Beschaffenheit der Schriftrollen, einschließlich Blattvorbereitung, Spaltenanordnung sowie Rändern und Hefttechniken, als linguistische und literarische Zeugnisse verknüpft.

All das soll es den Forschern ermöglichen, ein neues Modell zur Kartierung der über 25.000 Fragmente der sogenannten Qumran-Rollen zu entwickeln. Das Projekt zielt darauf ab, einzelne Manuskripte und Schreiber in ihren geografischen und chronologischen Kontext einzuordnen und so Zentren des Schreibens, Lernens und der literarischen Produktion im antiken Judäa zu identifizieren.

Erstmals werden auch Papyri aus Ägypten mit solchen aus Qumran verglichen.

Ilit Cohen-Ofri von der Altertumsbehörde und eine der Projektmitarbeiterinnen ist überzeugt, dass durch die Forschung »eine beispiellose Datenbank zur chemischen Zusammensetzung« von Proben der Rollen entstehen werde. »In den vergangenen Jahren haben wir erkannt, welche Fülle an Informationen sich aus den Materialien selbst, also Pergament, Papyrus und Tinte, gewinnen lässt und wie sie verborgene Erkenntnisse enthüllen, die in den Manuskriptfragmenten erhalten sind, obwohl sie mehr als zwei Jahrtausende überdauert haben.«

Das bisher größte Forschungsprojekt, das KI zur Untersuchung einsetzt

Laut Mladen Popović ist es das bisher größte Forschungsprojekt, das KI zur Untersuchung des kulturellen Kontextes der Schriftrollen vom Toten Meer einsetzt. Der Projektleiter ist überzeugt, dass »diese Manuskripte einen außergewöhnlichen Einblick in die Geisteswelt des antiken Judäa« geben werden.

»Durch die Kombination modernster Laboranalysen mit der Untersuchung antiker Handschriften und den bemerkenswerten Fortschritten der Künstlichen Intelligenz der vergangenen Jahre können wir so Fragen beantworten, die zuvor unlösbar schienen: Wer hat diese Manuskripte kopiert, wo wurden sie angefertigt, wie zirkulierte Wissen, und welche Rolle spielten diese Texte in der damaligen Gesellschaft?«

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