Uhren mit Stunden- und Minutenzeiger, Kalender aus Papier, Portemonnaies voller Münzen und das Kartenspiel Uno in der Pause. Wir sind nicht am Anfang der 90er-Jahre, sondern im Hier und Jetzt. Doch so sollen die Pausen in sämtlichen Schulen von Tel Aviv – und eventuell bald in ganz Israel – nach den Hohen Feiertagen aussehen. Denn das neue Motto lautet: »Handys weg!« Und zwar nicht nur im Unterricht, sondern generell.
Ariel Pariente ist Direktor der Oberschule Gymnasia Herzliya in der Jabotinsky-Straße in Tel Aviv. Er weiß, dass israelische Kinder durchschnittlich 9,2 Stunden am Tag vor irgendwelchen Bildschirmen sitzen. »Es ist ein erschreckendes Bild. Zwar können wir den Kampf gegen die Nutzung von Technologie nicht gewinnen. Aber wir wollen trotzdem etwas dafür tun, dass es sich bessert«, sagt er.
»Wir wollen einen Schritt zurückgehen«
Natürlich gebe es auch weiterhin Bereiche, in denen Technologie in der Schule eingesetzt wird. »Aber generell wollen wir einen Schritt zurückgehen.« Pariente betont, dass man zwar offensichtlich Vorreiter dabei sei, aber dass sich dieser Trend bereits durch die ganze Welt zieht.
Im vergangenen Monat kündigte der dänische Bildungsminister an, einen Gesetzentwurf zum Verbot von Mobiltelefonen und privaten Tablets an Schulen vorzulegen. Auch Brasilien, wo es mehr Smartphones als Einwohner gibt, hat Anfang dieses Jahres Schritte unternommen, um die Geräte an Schulen zu verbieten. Nach Angaben der UNESCO galt Ende 2024 in 40 Prozent der Bildungssysteme weltweit irgendeine Form von Verbot der Smartphone-Nutzung an Schulen. Im Jahr zuvor waren es 30 Prozent.
Osnat Levy ist nicht beeindruckt. Zwei ihrer Kinder gehen auf das Gymnasia Herzliya, und sie ist sicher: »Die werden Wege finden, ihre Handys auch in den Pausen zu benutzen. Das jetzt zu einem Verbot hochzustilisieren, gefällt mir nicht.« Außerdem meint sie, sei es ein »falsches Zeichen, sich rückwärtszubewegen, wenn die ganze Welt immer technologischer wird, vor allem in Sachen KI«.
Doch der Schulleiter widerspricht: »Wir müssen den Kindern nicht beibringen, wie sie mit Künstlicher Intelligenz umgehen. Sie müssen ihre eigene benutzen – und kritisches Denken lernen.« Er ist sicher, dass es möglich ist. »Denn wir schauen in die Zukunft und wollen langfristige Lösungen.«
Jahre der Unterbrechungen, Pandemie und Kriege
Darüber hinaus gibt er zu bedenken, dass die israelischen Schülerinnen und Schüler Jahre der Unterbrechungen hinter sich haben. »Erst die Pandemie, dann die Kriege. Sie sind nicht so, wie wir es damals waren, weder auf der sozialen noch auf der akademischen Ebene.«
Das zeigt die aktuelle PISA-Studie deutlich. Das Abschneiden Israels hat einen historischen Tiefstand erreicht und belegt schwache Ergebnisse in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Es sind die schlechtesten Werte, die je bei israelischen Schülern gemessen wurden, seit das Land vor 20 Jahren erstmals an der internationalen Studie teilnahm. Es ist der stärkste Rückgang der Schülerleistungen in der Geschichte Israels – und das Ausmaß dieses Einbruchs gehört zu den größten, die jemals bei OECD-Ländern im Rahmen von PISA verzeichnet wurden.
Lehrer berichten von deutlich mehr positiven sozialen Interaktionen auf dem Pausenhof.
Auch deshalb würden die Handys aus den Schulen verbannt, argumentiert der Initiator der Initiative »Aufmerksamkeit gewinnen«, Tel Avivs Bürgermeister Ron Huldai. »Wir lassen uns nicht von Technologie beherrschen. Mein Traum ist es, dass es uns gemeinsam gelingt, uns selbst und das Bildungssystem unserer Stadt voranzubringen und unsere Komfortzone zu verlassen. Dass wir die Bedeutung von Aufmerksamkeit neu lernen und ganz bewusst am richtigen Ort und zur richtigen Zeit präsent sind.«
Nach einem Pilotprogramm, das im vergangenen Jahr an einer begrenzten Anzahl von Schulen lief – darunter sämtliche Grundschulen –, weitete die Stadtverwaltung von Tel Aviv-Jaffa die Aktion im Schuljahr 2026/2027 auf alle 37 weiterführenden Bildungsreinrichtungen der Stadt aus. Während des gesamten Aufenthalts auf dem Schulgelände müssen die Handys in dafür speziell installierten Schließfächern mit Codes, die nur die Kinder kennen, eingeschlossen werden – Pausen inklusive.
Die Zeit ohne Smartphone bleibt offenbar nicht ungenutzt
Vorläufige Ergebnisse einer Studie der Universitäten Tel Aviv und Bar-Ilan zeigen, dass 74 Prozent der Mädchen und Jungen an Schulen, die an dem Projekt teilnehmen, ihre Smartphones in den Pausen nie oder nur selten nutzen. Im Vergleich dazu waren es lediglich 21 Prozent der Kinder an jenen Schulen, die bislang nicht mitgemacht haben. Die Zeit ohne Smartphone bleibt offenbar auch nicht ungenutzt. Lehrer berichteten von deutlich mehr positiven sozialen Interaktionen unter den Schülern während der Pausen.
Wichtig sei auch, betont die Studie, dass der Rückgang der Smartphone-Nutzung während der Schulzeit nicht mit einem signifikanten Anstieg der Nutzung außerhalb der Schule einherging. Auch seien keine alternativen Bildschirme wie Tablets mehr genutzt worden. Zwar sei die Zufriedenheit der Schüler mit der neuen »Handy-weg-Regelung« anfangs gering gewesen, heißt es, »doch sie stieg im Laufe des Schuljahres deutlich an«. Vor allem bei denen, die zu Beginn sehr dagegen gewesen seien.
Die meisten befragten Schüler gaben an, ihr Smartphone mehr als drei Stunden täglich zu nutzen. Gleichzeitig erkennen viele von ihnen selbst, dass es ihnen schwerfalle, ihre Smartphone-Nutzung zu regulieren, und dass sie das Gerät häufiger verwenden, als es ihrer Meinung nach gut für sie ist. Mehr als ein Drittel glaubt, dass eine Einschränkung der Nutzung Schlaf, Konzentration und schulische Leistungen verbessern könnte.
Bedeutung des sozialen Umfelds
Die Ergebnisse unterstreichen auch die Bedeutung des sozialen Umfelds. Die Schülerinnen und Schüler sind der Ansicht, dass eine Reduzierung der Smartphone-Nutzung für sie deutlich vorteilhafter wäre, wenn die gesamte Klasse daran teilnimmt. Dies bestärkt laut den Forschern das Argument für einen »gemeinschaftlichen, schulweiten Ansatz«, anstatt die Verantwortung allein den einzelnen Schülern und deren Familien zu überlassen.
An diesem Punkt setzt Bürgermeister Huldai an. Zwar sei Innovation ein wesentlicher Bestandteil des Lebens in Tel Aviv, »aber wir wollen den Kindern auch einfache Momente des Miteinanders ermöglichen«.
»Es ist wie ein ›anderes Leben‹«, sagen die, die es durchgezogen haben», berichtet auch Schulleiter Pariente.«Sicherlich wird es nicht leicht werden, doch wir müssen die Kinder zu Heften und Büchern zurückbringen», ist er überzeugt.«Und besonders dazu, dass sie gemeinsam Zeit verbringen, reden, spielen, sich bewegen – und all das Miteinander wieder ihre volle Aufmerksamkeit hat.»