Politische Einflussnahme

»Katargate« bringt Netanjahu und sein engstes Umfeld unter Druck

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Foto: copyright (c) Flash90 2026

Ein umfangreicher Bericht des US-Magazins »New Yorker« zeichnet ein detailliertes Bild der Affäre um mutmaßliche Verbindungen zwischen Mitarbeitern des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und Katar. Im Mittelpunkt stehen Berater aus seinem engsten Umfeld, eine angebliche Einflusskampagne zugunsten des Golfstaats sowie Ermittlungen der israelischen Behörden. Die Affäre, die als »Katargate« bekannt wurde, könnte nach Darstellung des »New Yorker« erhebliche politische Folgen haben.

Eine zentrale Rolle in der Geschichte spielt Yisrael Einhorn, ein früherer Wahlkampfberater Netanjahus. Einhorn hatte 2017 die Beratungsfirma Perception gegründet und war anschließend an mehreren Wahlkämpfen der Likud-Partei beteiligt. Gleichzeitig arbeitete das Unternehmen für Katar. Nach Recherchen des »New Yorker« erhielt Perception auch nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 monatlich 45.000 Dollar über eine Drittgesellschaft.

Der Kontakt zu Katar gewann nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 eine neue Bedeutung. Der frühere US-Politikberater Jay Footlik soll Einhorn in London mit dem Wunsch Katars vertraut gemacht haben, in Israel als Vermittler im Gaza-Krieg wahrgenommen zu werden. Dafür sollte sich das Image des Emirats verändern. Katar hatte über Jahre erhebliche Summen nach Gaza überwiesen und unterhielt enge Beziehungen zur Hamas. Zugleich war Doha an den Verhandlungen über Geiseln und eine Waffenruhe beteiligt.

Im Fernsehen aufgegriffen

Laut »New Yorker« entwickelten Einhorn und Footlik gemeinsam mit Mitarbeitern aus Netanjahus Umfeld eine Kampagne, die die öffentliche Wahrnehmung Katars beeinflussen sollte. Dabei sollen Journalisten mit arrangierten Informationen versorgt, Quellen erfunden und Aussagen angeblicher US-Vertreter verbreitet worden sein. Einhorn soll die Entwicklung der Kampagne in einer Nachricht mit den Worten »giving birth to reality« (»die Realität zur Welt bringen«) gefeiert haben.

Besonders im Fokus steht Eli Feldstein, der nach dem 7. Oktober 2023 im Büro des Ministerpräsidenten tätig war. Der ehemalige Militärsprecher hatte Zugang zu Journalisten und galt als geschickter Kommunikator. Nach Darstellung des »New Yorker« wurde er in die Kampagne einbezogen, während sein Vorgesetzter Jonatan Urich gleichzeitig für Netanjahu arbeitete und über Perception Geld aus Katar erhielt. Urich bestreitet Fehlverhalten und erklärte, er sei wegen seiner Tätigkeit als Berater des Ministerpräsidenten ins Visier genommen worden.

Im Frühjahr 2024 sollen über israelische Medien wiederholt Botschaften verbreitet worden sein, die Katar als entscheidenden Akteur bei den Verhandlungen mit der Hamas darstellten. Unter anderem wurde die Behauptung lanciert, Ägypten könne nicht mehr als verlässlicher Vermittler betrachtet werden. In einem Fall wurden die Aussagen laut »New Yorker« angeblich auf nicht existente Gespräche mit hochrangigen US-Vertretern zurückgeführt. Die Geschichte wurde anschließend im israelischen Fernsehen aufgegriffen.

Überweisungen nach Gaza

Eine weitere Kampagne soll den Eindruck vermittelt haben, Katar distanziere sich zunehmend von der Hamas. Auch diese Darstellung habe nach den Recherchen des Magazins keine entsprechende Grundlage gehabt. In internen Nachrichten feierten die Beteiligten anschließend die Wirkung ihrer Veröffentlichungen.

Die Beziehungen zwischen Israel und Katar reichen allerdings weiter zurück. Der »New Yorker« beschreibt Katar als Staat, der seinen begrenzten militärischen Einfluss durch wirtschaftliche Macht, internationale Kontakte und Vermittlungsangebote auszugleichen versucht. Das Emirat gründete 1996 den Sender Al Jazeera, unterhielt Verbindungen zu unterschiedlichen politischen Lagern und beherbergt bis heute einen wichtigen US-Militärstützpunkt. Gleichzeitig unterstützte Katar die Hamas und überwies über Jahre Geld nach Gaza.

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Auch Netanjahu hatte gegenüber Katar über längere Zeit eine widersprüchliche Haltung. Öffentlich wurde das Emirat als Unterstützer der Hamas kritisiert. Gleichzeitig ließ die israelische Regierung weiterhin Geld aus Katar nach Gaza fließen. Netanjahu argumentierte, die Zahlungen könnten zur Stabilisierung der Lage im Süden Israels beitragen. Kritiker innerhalb des Sicherheitsapparats warnten hingegen davor, dass die Hamas die Mittel für ihre militärische Infrastruktur verwenden könne.

Wichtiger Vermittler

Nach dem 7. Oktober geriet diese Politik besonders stark unter Druck. Dennoch blieb Katar ein wichtiger Vermittler zwischen Israel und der Hamas. Später spielte Doha auch bei Vereinbarungen über Geiseln und Waffenruhen eine zentrale Rolle. Der »New Yorker« beschreibt damit ein Spannungsverhältnis: Katar wurde in Israel massiv kritisiert, war für die Verhandlungen über die Freilassung israelischer Geiseln aber zugleich kaum zu umgehen.

Die Affäre nahm schließlich eine juristische Dimension an. Feldstein wurde im Zusammenhang mit der Weitergabe eines geheimen Hamas-Dokuments an »Bild« festgenommen und später angeklagt. Im November 2024 wurde öffentlich, dass es Verbindungen zwischen Netanjahus Beratern und Katar gegeben haben soll. Im Februar 2025 begann eine strafrechtliche Untersuchung. Im folgenden Monat wurden Feldstein und Urich unter anderem wegen des Verdachts auf Kontakte zu einem ausländischen Agenten, Bestechung, Betrug, Untreue und Geldwäsche festgenommen.

Netanjahu hat bestritten, von Urichs Arbeit für Katar gewusst zu haben. Nach Darstellung des »New Yorker« sagte der Ministerpräsident in einer späteren Aussage, selbst eine Kenntnis der Tätigkeit wäre aus seiner Sicht nicht problematisch gewesen, weil Katar kein Feindstaat sei. Urich wird unterdessen von Netanjahus persönlichem Anwalt vertreten. Die Likud-Partei soll seine Verteidigung finanziell unterstützen.

Möglicherweise authentisch

Der Bericht des »New Yorker« behandelt außerdem Vorwürfe, Netanjahu selbst könnte Geld aus Katar erhalten haben. Grundlage dafür sind unter anderem Dokumente, die das französische Recherchemedium »Blast« veröffentlicht hatte. Der frühere Mossad-Mitarbeiter Udi Levi hält die Unterlagen für möglicherweise authentisch.

Zugleich räumt der Bericht erhebliche Zweifel ein: Es konnte nicht nachgewiesen werden, dass Netanjahu die angeblichen Zahlungen tatsächlich erhalten hat, und die Echtheit der Dokumente ist nicht abschließend geklärt. Die katarische Regierung weist die Vorwürfe entschieden zurück und bezeichnet entsprechende Dokumente als Fälschungen.

Inzwischen sind auch andere angebliche Belege für Zahlungen aus Katar als Fälschungen entlarvt worden. Der »New Yorker« schildert etwa, wie der frühere israelische Geheimdienstexperte Yigal Carmon Dokumente kaufte, die angeblich weitere Beweise für die Vorwürfe enthielten. Später stellte sich heraus, dass zumindest ein Teil des Materials offensichtlich manipuliert war. Der Fall nährte bei einigen Beteiligten den Verdacht, dass eine Flut gefälschter Dokumente die tatsächlichen Ermittlungen erschweren sollte. im

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