Hintergrund

Das steckt hinter »Katargate«

Zentrale Figur: Eli Feldstein vor Gericht (Archivfoto) Foto: copyright (c) Flash90 2025

Ein einziges Wort steht derzeit in Israel für einen Vorgang, der immer weitere Kreise zieht und fast täglich neue Schlagzeilen schreibt: »Katargate«. In der Affäre geht es vor allem um den Vorwurf, dass hochrangige Berater des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu als bezahlte Lobbyisten für Katar, dem Sitz der Hamas-Führung, tätig waren, während sie gleichzeitig für ihn arbeiteten.

Katar hat lange die Hamas in Gaza finanziert und galt Israel gegenüber als feindlich gesinnt. Während des Krieges zwischen Israel und der Terrororganisation fungiert es jedoch auch als Vermittler zwischen den beiden Seiten. Die Berater Jonathan Urich und Eli Feldstein aus dem Büro des Premiers in Jerusalem seien angeblich angeheuert worden, um das Image des kleinen Golfstaates im Westen aufzupolieren. Doha wollte nicht mehr als »Terrorunterstützer« gesehen werden.

Derzeit prüfen israelische Ermittlungsbehörden, ob dadurch Gesetze der politischen Einflussnahme, nationalen Sicherheit oder Offenlegung von Interessen verletzt wurden. Dafür würden sie sich auch um die Auslieferung des ehemaligen Wahlkampfberater Netanjahus, Yisrael (Srulik) Einhorn, der ebenfalls in den Skandal verwickelt sein soll. Er bestritt, wissentlich die Interessen Katars gefördert zu haben, und sagte, die anderen Berater hätten ihn »ausgenutzt«.

Angeblich sollte Berichterstattung in eine Richtung gelenkt werden

Parallel wird untersucht, wie geheime Informationen an die deutsche Boulevardzeitung Bild gelangt sein könnten. Denn der komplexe Vorgang im Zusammenhang mit Katar ist eng verknüpft mit weiteren brisanten Entwicklungen, darunter dem Durchsickern sensibler Informationen an ausländische Medien, bekannt als die sogenannte »Bild-Affäre«.

Der Vorwurf lautet, dass israelische Regierungsdokumente gezielt außerhalb der offiziellen Kanäle weitergegeben wurden, mutmaßlich, um Berichterstattung in eine für die Regierung positive Richtung zu lenken – insbesondere im Zusammenhang mit den Verhandlungen über die Freilassung von Geiseln während des Gaza-Krieges.

Hier wird überprüft, ob dabei militärische Zensurvorschriften verletzt wurden, die in Kriegszeiten die Weitergabe sicherheitsrelevanter Informationen ohne Genehmigung verbieten.

Premier Netanjahu: »Katar ist ein komplizierter Akteur in der Region.«

Ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter, der im Zentrum dieser Vorwürfe steht, ist Eli Feldstein, einst Sprecher und Medienberater für Netanjahu. Er wurde bereits im Oktober 2024 wegen des Verdachts angeklagt, geheime Informationen an die Bild-Zeitung weitergegeben zu haben, und ist zugleich einer der Verdächtigen bei den »Katargate«-Ermittlungen.

In einem Interview mit dem öffentlichen Sender Kan erklärte Feldstein vor Kurzem, dass Netanjahu selbst hinter dem Leak der geheimen Dokumente an Bild gestanden habe. »Um so ein Dokument zu veröffentlichen, muss der Ministerpräsident im Bilde sein, von Anfang bis Ende«, sagte Feldstein dabei. Er behauptete, Netanjahu sei »derjenige, der letztlich hinter dem Leak stand«, und dass er dies wiederholt gegenüber Ermittlern bestätigt habe.

Er erläuterte zudem, dass das veröffentlichte Dokument – ein internes Hamas-Memo über die Haltung der Organisation zu Geiselverhandlungen – bewusst dazu genutzt worden sei, um die israelische Öffentlichkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dann sprach er von einer Telefonkonferenz, in der er, Netanjahu und ein weiterer enger Berater darüber gesprochen haben sollen, wie die Öffentlichkeit über den Ursprung des Dokuments informiert werden sollte. Feldsteins Worten zufolge habe Netanjahu später »fälschlicherweise« behauptet, erst aus den Medien von dem Papier erfahren zu haben.

Die Aussagen Feldsteins widersprechen der offiziellen Darstellung aus dem Büro des Premierministers, das betont, Netanjahu sei nicht in das Leak involviert gewesen. Netanjahu bezeichnete die Vorwürfe als »Hexenjagd«.

Vorwürfe lösen parteiübergreifend starke Reaktionen aus

Netanjahu hat sich mehrfach zu den Geschehnissen geäußert. Er wies unter anderem zurück, seine Erlaubnis, dass »Koffer voller Bargeld aus Katar an die Hamas in Gaza gebracht wurden« in irgendeiner Form zum Massaker der Terrororganisation vom 7. Oktober 2023 beigetragen hätte.

Zugleich bezeichnete er Katar als einen »komplizierten Akteur« in der Region, der zwar kein Feindesstaat, aber in seiner Rolle widersprüchlich sei. Doha »stärkt, beherbergt und finanziert die Hamas«, sagte er. Das katarische Außenministerium verurteilte diese Aussagen scharf.

Die Vorwürfe haben parteiübergreifend starke Reaktionen ausgelöst. In einer aktuellen Umfrage des Medienunternehmens »Walla« meinen etwa 50 Prozent der Israelis, dass es, so sich die Anschuldigungen bestätigen, als »Hochverrat« gelten könnte, wenn man gleichzeitig für Israel und Katar arbeitet.

Ex-Premier Bennett: »Wenn es sich bewahrheitet, ist es der schwerste Verrat in der Geschichte Israels.«

Der frühere Generalstabschef Gadi Eizenkot, Mitglied der Opposition, sprach sich öffentlich dafür aus, auch Netanjahus eigene Rolle und sein Wissen über die Vorgänge zu prüfen. Andere Oppositionsvertreter verlangen ebenfalls eine umfassende Untersuchung.

Der ehemalige Premierminister Naftali Bennett, derzeit nicht in der Politik aktiv, forderte sogar den Rücktritt des Ministerpräsidenten und warf ihm vor, die Katar-Affäre vertuscht zu haben. Bennett bezeichnete dies als »den schwersten Verrat in der Geschichte Israels«.

Sogar mehrere Koalitionspolitiker fordern nun Konsequenzen. Energieminister Eli Cohen erklärte, er würde jeden Berater sofort entlassen, der für Katar arbeite. Diese Äußerungen folgen auf Forderungen des Likud-Ministers für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli, und des rechtsextremen Finanzministers Bezalel Smotrich, den Skandal »ernsthaft anzugehen«.

Chikli bezeichnete ihn als »schockierend und fügte hinzu, «alles muss umfassend untersucht werden». Andere Regierungsmitglieder indes bezeichnen die Vorwürfe als gänzlich politisch motiviert.

Zusätzliche Brisanz bringen iranische Hacker

Zusätzliche Brisanz erhält das Geschehen durch Berichte über iranische Hacker, die angeblich an sensible Dokumente zu Netanjahu und seinem Umfeld gekommen sein wollen. Israelische Sicherheitsbehörden bestätigten, dass zumindest ein Teil des Materials authentisch sei und die Hacks untersucht werden. Zwar stehe dieser Vorfall nicht unmittelbar im Zusammenhang mit «Katargate», doch er verstärkt die Sorgen über Sicherheitslücken und den Umgang mit vertraulichen Informationen in politischen Kreisen.

Gegen Netanjahu persönlich sind bislang im Zusammenhang mit dem sogenannten «Katargate-Komplex» keine Vorwürfe erhoben worden. Die Behörden prüfen allerdings Finanzströme, Kommunikationsdaten sowie mögliche Verstöße gegen Sicherheits- und Transparenzgesetze. Parallel dazu läuft die Untersuchung des angeblichen Leaks an die Bild-Zeitung.

Nach Angaben der Behörden hänge es vom Verlauf der derzeitigen Ermittlungen ab, ob der Fall strafrechtliche Folgen nach sich ziehen wird. Es könnte auch sein, dass er politisch aufgearbeitet wird oder dass die Israelis bei den Wahlen zur nächsten Knesset im Oktober 2026 mit ihren Stimmzetteln über den Fall entscheiden.

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