Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: picture alliance / Panama Pictures

Sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender Elio Adler,

sehr geehrter Herr Verbandsgeschäftsführer der Sparkassen Kai Uwe Peter,

sehr geehrter Herr Chefredakteur Helge Fuhst,

Sehr geehrter Herr Beauftragter Dr. Felix Klein,

Sehr geehrte MdB’s, sehr geehrte Mitglieder des Abgeordnetenhauses,

sehr geehrter Herr Abteilungsleiter im BMI Dr. Lothar Müller,

verehrte Kollegen aus dem Zentralrat der Juden, lieber Daniel Neumann,

liebe Rebecca Seidler und lieber Daniel Botmann,

und last but not least sehr geehrter Herr Chefredakteur Peyman Engel,

lieber Philipp, liebe Miriam,

liebe Mitglieder der Redaktion,

verehrte Damen und Herren,

»Wer fragt, ist unwissend für einen Augenblick. Wer nicht fragt, bleibt unwissend für immer.« Dieser Ausspruch stammt von Raschi, Rabbiner Schlomo ben Jitzchak, einem der wichtigsten und anerkanntesten Rabbiner des Mittelalters.

Sich ermutigt zu fühlen, Fragen zu stellen, ist in einer demokratischen Gesellschaft entscheidend. Sie ist darauf angewiesen, dass ihre Bürgerinnen und Bürger kritisch denken und bestehende Verhältnisse infrage stellen. Was würde Raschi wohl zur aktuellen Debattenkultur in Deutschland sagen?

Immer häufiger erleben wir, dass komplexe Themen reduziert werden. Differenzierung geht verloren, der Raum für konstruktiven Austausch schrumpft. Viele Menschen trauen sich nicht, provokante Fragen zu stellen und Debatten offen zu führen.

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Sie haben Angst, vorschnell verurteilt zu werden, die »falsche« Meinung zu haben oder dauerhaft in eine bestimmte Ecke gestellt zu werden. Im öffentlichen Raum entstehen Leerstellen, Fronten verhärten sich.
Ich freue mich deshalb sehr, dass die Jüdische Allgemeine den Tacheles-Preis 2026 erhält! Der Preis wird erst zum zweiten Mal überhaupt verliehen. Er würdigt Verdienste rund um das jüdische Leben in Deutschland. Tacheles – die meisten hier im Raum wissen es – heißt so viel wie Klartext.

Ursprünglich bedeutet das jiddische Wort »Tacheles« »Ziel«, »Zweck« oder »Ergebnis«. »Jetzt rede doch Mal Tacheles«, diese Redewendung ist auch in nichtjüdischen Teilen der Gesellschaft bekannt. Diese Fähigkeit – Klartext zu sprechen – wird heute von der WerteInitiative ausgezeichnet.

Die Jüdische Allgemeine spricht Klartext. Sie stellt viele Fragen. Sie stellt Fragen, die andere Medien nicht stellen. Das ist ihr Alleinstellungsmerkmal.

Wo wurden etwa am Tag der Beisetzung der deutsch-israelischen Familie Bibas Worte über diese Tragödie gefunden? Zur Erinnerung: Die beiden Jungs – zum Zeitpunkt ihrer Verschleppung waren sie zehn Monate und vier Jahre alt – wurden von der palästinensischen Terrororganisation Hamas nach ihrer Entführung am 7. Oktober 2023 mit bloßen Händen ermordet. Davor hatte ganz Israel mehr als 500 Tage lang für sie gebetet und um ihr Schicksal gebangt.

Lediglich eine knappe Meldung wurde an dem Tag des Bekanntwerdens ihres Todes in den Leitmedien veröffentlicht.

Wo wurden am Tag der Beisetzung der deutsch-israelischen Familie Bibas Worte über diese Tragödie gefunden?

Die Jüdische Allgemeine hingegen hat ausführlich berichtet. Sie hat sich nicht gescheut, zu fragen: Warum gibt es diese Leerstelle im öffentlichen Raum? Warum fällt es so schwer, der Familie zu gedenken? Wo sind solidarische Worte aus der Politik, wo ist die Empathie von Kollegen anderer Redaktionen?

Die Jüdische Allgemeine jedoch spricht unbequeme Wahrheiten aus jüdischer Perspektive an, gerade dort, wo andere laut schweigen. Sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie ist mutig.

Die jüdische Allgemeine füllt die Leerstelle, die allzu oft in der gesellschaftlichen Debatte klafft.

Und genau diese Haltung macht sie zur idealen Trägerin des Tacheles-Preises. Sie ist mit ihrer klaren Stimme eine Inspiration für einen mutigen und offenen Diskurs. Wir brauchen sie. Und das dringender denn je. Im Namen des Zentralrats der Juden – sowie ganz persönlich – gratuliere ich der Werteinitiative zu einer hervorragenden Wahl des Preisträgers. Als Vertreter des Herausgebers kann ich das wohl behaupten.

Der Jüdischen Allgemeinen gratuliere ich zur wohlverdienten Auszeichnung: herzlichen Glückwünsch und Mazal Tov!

Möge der Tacheles-Preis vielen weiteren mutigen Fragen den Weg ebnen!

Vielen Dank.

Der Autor ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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