Meine Damen und Herren,
liebes Redaktions-Team der Jüdischen Allgemeinen Zeitung,
lieber Philipp Peyman Engel,
wir alle kennen sie, die »einseitige Berichterstattung« über Israel, ich will nur ein paar Beispiele nennen:
Premierminister Netanjahu habe den Gaza-Krieg »zu seinem politischen Vorteil verlängert«. Außerdem habe er versucht, unabhängige Institutionen »mundtot machen zu wollen«.
Oder die Warnung vor einem »Abbau demokratischer Strukturen« durch die Regierungspolitik.
Und in Sachen Justizreform: Die Demokratie sterbe »in kleinen Schritten«.
Meine Damen und Herren, das sind Zitate aus der Jüdischen Allgemeinen, aus dem Medium, dessen Berichterstattung im vergangenen Jahr in einem Offenen Brief aus der deutschen Kulturszene als »nicht nur einseitig, sondern auch gefährlich verkürzt« kritisiert wurde.
Manch einer sollte genauer hinschauen, bevor er pauschal verurteilt.
Diese Redaktion leistet großartige Arbeit, bereichert mit wertvollem Journalismus, und diskutiert intern so kontrovers, das sollten sich einige Redaktionen in Deutschland abgucken.
Liebes Redaktions-Team, lasst Euch nicht einreden, dass Ihr ein einseitiges politisches Sprachrohr seid. Diese Zeitung ist von Journalisten gemacht, mit Qualitätsstandards - und wenn Ihr Sprachrohr seid, dann zurecht für die jüdische Community.
Und die ist bekanntlich divers aufgestellt. Allein dadurch zeigt Ihr eine enorme Perspektivenvielfalt in den Artikeln und Geschichten – und in den Kommentaren. Zuletzt mit einer klaren Haltung gegen die Todesstrafe in Israel.
Und dass die Jüdische Allgemeine auch mal zuspitzt und dass sie eine deutsch-jüdische Perspektive oder eine israelische Perspektive vertritt, ja, das ist auch ihre Aufgabe.
Wer sich nicht nur an Gedenktagen mit dem Judentum beschäftigen will, der sollte feiern und wertschätzen, dass es seit inzwischen 80 Jahren diese Zeitung gibt, die Jüdische Allgemeine.
Hier wird jüdisches Leben in Deutschland sichtbar gemacht, in all seinen Facetten. Und wer glaubt, die Zeitung drehe sich ausschließlich um Israel und Antisemitismus, der hat sie offenbar nicht gelesen.
Ich sehe die Jüdische Allgemeine nicht ausschließlich als Medium von Juden für Juden – sondern ganz besonders auch für Nicht-Juden.
Apropos Gedenktage: Für die meisten Nicht-Juden in Deutschland tauchen Juden zwei Mal im Jahr auf: am 27. Januar und am 9. November.
Da wird entweder über tote Juden gesprochen oder den Worten von Überlebenden der Schoa gelauscht. Beides ist wichtig.
Das merken wir erst recht, wenn die Stimmen der Zeitzeugen immer mehr verstummen, wenn ein Mensch wie Margot Friedländer nicht mehr unter uns ist.
Allerdings: All diese Rituale des Gedenkens sind nur nachhaltig, wenn wir auch das heutige, das lebendige jüdische Leben sichtbar machen.
Ich nehme jedoch wahr, dass dem vor allem Gleichgültigkeit im Wege steht – in unserer Gesellschaft, oft auch in der Politik und in den Medien.
Gleichgültigkeit, sich der Verantwortung tatsächlich anzunehmen. Viele werden denken: Reicht doch, wenn man zwei Mal im Jahr offizielle Gedenktage hat und als Ritual die »Nie wieder«-Bilder auf Social Media postet.
Ehrlicher wäre es, jüdisches Leben zu suchen, zu entdecken, es kennen lernen zu wollen.
Und das jüdische Leben in Deutschland ist an so vielen Stellen so lebendig.
Zeigen wir es doch! Alle gemeinsam, auch in den Medien. Und am besten weit über die Jüdische Allgemeine Zeitung hinaus.
Mich bereichern die Geschichten, die Informationen, die Portraits, die Einordnungen, die überraschenden Einblicke in das jüdische Leben in Deutschland, genauso wie die politischen Diskussionen.
Ich sehe die Jüdische Allgemeine nicht ausschließlich als Medium von Juden für Juden – sondern ganz besonders auch für Nicht-Juden.
Was für ein Privileg, Debatten aus der jüdischen Community mitzubekommen, oder an ihnen teilnehmen zu können.
Meine Damen und Herren, ich bin stolzer Abonnent der Jüdischen Allgemeinen Zeitung, seit fünf Jahren.
Mich bereichern die Geschichten, die Informationen, die Portraits, die Einordnungen, die überraschenden Einblicke in das jüdische Leben in Deutschland, genauso wie die politischen Diskussionen.
Es ist mir eine Ehre heute hier sprechen zu dürfen. Worte zur Auszeichnung der journalistischen Arbeit an Sie und Euch richten zu dürfen.
Hier spreche ich heute nicht nur als Journalist, sondern vor allem als Mensch und als Leser der Jüdischen Allgemeinen.
Als Elio Adler sich meldete, war ich nicht nur in Amt und Würden in der ARD, der Wechsel zu Axel Springer stand noch nicht einmal fest.
Dass die Wahl für die Laudatio auf mich fiel, ist für viele Außenstehende wahrscheinlich ganz klar: natürlich, der von Axel Springer!
Doch es war anders. Als Elio Adler sich meldete, war ich nicht nur in Amt und Würden in der ARD, der Wechsel zu Axel Springer stand noch nicht einmal fest.
Ich habe das Abonnement damals auch abgeschlossen, um Themen für die tagesthemen zu finden, mit denen wir das jüdische Leben in Deutschland sichtbarer gemacht haben. Durch Geschichten genauso wie durch Persönlichkeiten.
Ich habe über viele Persönlichkeiten der jungen jüdischen Generation in Deutschland zuerst in der Jüdischen Allgemeinen gelesen. Daniel Donskoy, Anna Staroselski, und natürlich Philipp Peyman Engel.
Ich wünsche der jungen jüdischen Generation in Deutschland ganz besonders viel Mut und Kraft, und ja, auch Freude und Zuversicht. Eure Stimmen werden gebraucht.
Ich kann nur erahnen, wie schmerzhaft, wie intensiv, wie herausfordernd die Wochen und Monate ohnehin und dann in dieser neuen Rolle gewesen sein müssen.
Lieber Philipp Peyman Engel, kurz vor dem 7. Oktober 2023 hast Du die Chefredaktion der Jüdischen Allgemeinen übernommen. Ich weiß nicht, wie es sich angefühlt hat, ich kann nur erahnen, wie schmerzhaft, wie intensiv, wie herausfordernd diese Wochen und Monate ohnehin und dann in dieser neuen Rolle gewesen sein müssen.
Wir erinnern uns, die Jüdische Allgemeine musste in München ihre Zeitungen in neutralen Umschlägen ausliefern, aus Sicherheitsgründen.
Und dabei galt auch vor dem 7. Oktober schon: Für jede und jeden in der Redaktion bedeutet es Mut, für die Jüdische Allgemeine zu schreiben, sich öffentlich zu zeigen und zu positionieren. Ihr erfahrt so viel mehr Hass und Bedrohungen als andere Menschen, als andere Journalisten in unserem Land.
Nach dem 7. Oktober haben wir in den »tagesthemen eine Reportage über Eure Redaktion gezeigt. Das war mir wichtig. Über Euch als Stimme, Übersetzer, Erklärer der jüdischen Community in Deutschland. In der schlimmsten Zeit seit vielen Jahrzehnten.
In einer Zeit, in der es auf Medien ankommt, in der Medien ihre Verantwortung wahrnehmen und manches einfach aussprechen müssen:
Für die Hamas ist es wichtiger, den israelischen Staat zu zerstören, als einen palästinensischen Staat zu errichten. Eine Tatsache, so etwas lässt sich nicht wegdiskutieren.
Die Wunden und Schmerzen des 7. Oktober werden bleiben. Und das, was Ihr als Redaktion durchgemacht habt, ebenfalls.
Hier tragen Medien in Deutschland und weltweit Verantwortung, das klar und unmissverständlich einzuordnen.
Ein Jahr nach dem 7. Oktober haben wir die tagesthemen« zwei Abende live aus Tel Aviv gesendet. Auch das war mir wichtig.
Wir habe die Orte des Horrors, der Massaker besucht.
Ich habe in meinem Leben noch nie so eine Stille erlebt, so eine intensive, so eine schmerzhafte Stille, wie auf dem Gelände des Nova-Festivals. Ein Jahr nach dem Massaker. Und in die Stille hinein waren die Einschläge in Gaza zu hören.
Die Wunden und Schmerzen des 7. Oktober werden bleiben. Und das, was Ihr als Redaktion durchgemacht habt, ebenfalls. Angegriffen zu werden, und schon am nächsten Tag sich plötzlich verteidigen zu müssen. Noch bevor irgendein Krieg begonnen hatte.
Es hätte in dieser Zeit und überhaupt niemand besseres als Dich an der Spitze der Jüdischen Allgemeinen geben können, lieber Philipp - Du kommst aus der Redaktion, Du hast fast alle Positionen und Aufgaben durchlaufen, vom Volontär, Redakteur und CvD bis zum Chefredakteur.
Du kennst die Redaktion, das Team in- und auswendig.
Du hast es auf Anhieb geschafft, der JA zu einer enormen Relevanz zu verhelfen. In der jüdischen Community, und genauso im politischen und medialen Diskurs aller.
Der heutige Tacheles-Preis steht für mich symbolisch für viele Auszeichnungen, die Ihr für Eure journalistische Arbeit längst verdient hättet.
Nach dem 7. Oktober wurde die JA zur Orientierungs-Instanz in einer aufgeladenen Debatte. Die JA benennt früh problematische Narrative.
Ihr habt Interviews mit den Spitzenkandidaten vor der Bundestagswahl geführt und innenpolitisch mitdiskutiert, Diskurse angestoßen und geführt.
Zurecht wurdest Du bereits 2023 zum Chefredakteur des Jahres gewählt.
Leider sind die Berührungsängste vieler in den Medien und in der Gesellschaft mit jüdischen Einrichtungen oder einem Medium wie der Jüdischen Allgemeinen in den vergangenen drei Jahren nicht zu übersehen.
Und das steht unserem Land, unserer Gesellschaft und unserer Medienbranche nicht gut.
Der heutige Tacheles-Preis steht für mich symbolisch für viele Auszeichnungen, die Ihr für Eure journalistische Arbeit längst verdient hättet.
Lieber Philipp, liebe Redaktion, Ihr tragt Verantwortung. Mit Eurer Arbeit prägt Ihr für viele Menschen in unserem Land das Bild des Judentums in Deutschland.
Ich wünsche Euch viele Abo-Verkäufe, eine enorme Reichweite und viele wertvolle Recherchen und Geschichten.
Ihr prägt den Journalismus, Ihr prägt unser Land.
Ihr macht das Judentum sichtbar und lebendig, als Teil unserer Gesellschaft.
Ich wünsche Euch viele Abo-Verkäufe, eine enorme Reichweite und viele wertvolle Recherchen und Geschichten.
Sie werden bei mir auf dem Wohnzimmertisch liegen. Sie werden mich weiter bereichern - und uns alle als Gesellschaft.
Danke, lieber Philipp, liebe Redaktion, danke für Eure wertvolle Arbeit! Und herzlichen Glückwunsch zum Tacheles-Preis 2026.