Eins vorweg: Jeder Mensch, der auf der Flottille mitfährt, um sich im vermeintlichen Gutmenschentum zu sonnen – und das auf Kosten der Zivilbevölkerung in Gaza und Israel gleichermaßen – ist mir zuwider. Ich würde sie vor Gericht wegen der Verletzung des internationalen Seerechts stellen, gegebenenfalls würden sie verurteilt werden. Mitleid hätte ich nicht mal im Ansatz.
Was ich nicht tun würde, obwohl sie glühende Israel- und Judenhasser sind: sie körperlich angreifen, demütigen oder auslachen und das Ganze dann öffentlich zur Schau stellen.
So hat es leider der israelische Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, getan. Es ist nicht das erste Mal, dass er negativ auffällt, aber dieses Mal bekommt er sowohl von seinen Ministerkollegen wie Außenminister Gideon Sa’ar die Leviten gelesen: »Er hat Israel großen Schaden zugefügt.«
Wir müssen Antisemiten nicht den roten Teppich ausrollen. Aber Menschen demütigen und sich dafür abfeiern? Das geht nicht.
Auch die Streitkräfte, die bereits bei Hunderten Flottille-Schiffen und ihren Insassen vorgemacht haben, wie man es richtig macht – Wasser und Sandwiches reichen, freundlich und professionell sein – verurteilen dieses Benehmen aufs Schärfste.
Ben-Gvirs Reaktion? Er verteidigt sein Verhalten, weil »Israel nicht länger die andere Wange hinhält« und »sich gegen seine Feinde wehrt«. Da wird ihm die Mehrheit des jüdischen Volkes wohl zustimmen – doch die Art und Weise, wie er das tut, ist falsch.
Denn ja, wir müssen Antisemiten nicht den roten Teppich ausrollen, und ja, wir dürfen uns gegen Anti‑Israel‑Propaganda wehren, und ja, auch gegen Terror und Raketen dürfen wir uns schlagkräftig zur Wehr setzen. Menschen demütigen und sich dafür abfeiern? Nein, das können wir nicht, und das entspricht auch nicht der Essenz unseres Landes, unserer Religion, unseres Volkes.
Das Einzige, was Ben‑Gvir dadurch geschafft hat, ist, dass dank seiner extremen Handlungen Israel‑Hasser ihn fälschlicherweise wieder einmal als XXL‑Plakat benutzen, um ein ganzes Land und seine Armee weltweit in Verruf zu bringen.
Obwohl Außenminister Sa’ar es auf den Punkt bringt, dass Itamar Ben‑Gvir nicht das Gesicht Israels sei, muss sich der Rest der Welt allerdings auch die Frage gefallen lassen, warum es nicht ebenso viel Aufsehen und Kritik an den täglich (!) steigenden körperlichen Angriffen auf jüdische Kinder, israelische Reisende und Synagogen gibt (zuletzt am Wochenende, als ein Israeli in England brutal zusammengeschlagen wurde).
Denn eins ist klar: Je mehr die Welt israelfeindliche Aktivisten und Terroristen schützt und unterstützt, je mehr man die einzige Demokratie im Nahen Osten im Stich lässt, desto mehr spielt dieser Doppelstandard am Ende den Ben‑Gvirs dieser Welt in die Hände.
Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Israel.