Liebe Freunde,
es ist mir eine große Ehre, hier und heute Abend stehen zu dürfen und diesen Preis stellvertretend für die Jüdische Allgemeine entgegennehmen zu dürfen. Die Freude darüber kommt von Herzen.
Das ist ehrlicherweise bei jedem Preis der Fall, hier gilt das aber umso mehr, da diese Ehrung aus der Mitte der jüdischen Gemeinschaft kommt und - man kann das glaube ich so sagen - auch vom allergrößten Teil der jüdischen Gemeinden in Deutschland zwischen Konstanz und Kiel getragen wird.
Ich sage Ihnen und Euch ganz offen und ehrlich: Dieser Preis tut uns, der Redaktion der Jüdischen Allgemeinen, außerordentlich gut. Es hätte für diese Auszeichnung, für diese Würdigung unserer Arbeit, keinen besseren Zeitpunkt geben können als jetzt.
Warum ist das so? Ich möchte das gerne kurz erklären.
Es gab nach dem 7. Oktober 2023, nach den furchtbaren Massakern der Hamas auf über 1200 unschuldige israelische Zivilisten, durchaus ein kleines Zeitfenster der Solidarität. Nicht der überbordenden Solidarität neben als dem lauten Schweigen insbesondere linker politischer Milieus, die sonst bei jeder tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Mikroaggression Foul schreien, aber eben doch eine wahrnehmbare Unterstützung des brutal überfallenen jüdischen Staates und der in der Folge auch in der Bundesrepublik wie nie zuvor angefeindeten Juden.
In diesem Zeitraum bekamen auch wir als Zeitung von unseren Journalistenkollegen Unterstützung, Aufmerksamkeit und ja, auch Preise. Nachdem aber Israel als wehrhafter Staat agieren musste, um seine 251 entführten Staatsbürger lebend zurück nach Hause zu holen, den Beschuss aus Gaza und dem Libanon zu stoppen und um in diesem 7-Fronten-Krieg gegen die Feinde Israels und des Westens insgesamt zu bestehen, wurde diese Solidarität, diese Unterstützung, das Verständnis ebenso schnell wie konsequent auf quasi null zurückgefahren.
Wir mussten beobachten, was selbst wir bei der Jüdischen Allgemeinen in der Ausprägung zumindest nicht für möglich gehalten hätten. An die Stelle des jahrtausendealten Gerüchts über die Juden trat medial – infolgedessen auch politisch und gesellschaftlich – das Gerücht über den jüdischen Staat: Was früher dem Juden als Individuum unterstellt wurde, wurde und wird seitdem nun dem jüdischen Staat, der Heimstatt von Millionen Juden, unterstellt.
Und wieder funktioniert es: Ausgrenzung, Dämonisierung, Delegitimierung, Gewaltandrohung – nicht trotz, sondern wegen massiver Desinformation.
Genozid, Aushungern, gezielte Hinrichtungen Unschuldiger, das Abrichten von Hunden, um Menschen zu vergewaltigen: Je kontrafaktischer die Vorwürfe, desto »besser«. Hand aufs Herz: Das Gift der Hamas-Propaganda ist schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, während auf den Straßen Abertausende Demonstranten die Auslöschung Israels erfolgreich als »propalästinensisch« verschleiern können.
Die Wahrheit ist: Dieses Land, unser Land ist gekippt.
Lassen Sie es mich ganz deutlich sagen: Die vergangenen zweieinhalb Jahre waren hart, sehr hart für die jüdische Diaspora. Da waren zum einen der Schock und die Trauer über die 1200 ermordeten unschuldigen israelischen Zivilisten vom 7. Oktober 2023. Juden weltweit litten mit den 251 Geiseln, von denen man immer wusste, dass sie jeden einzelnen Tag von ihren Peinigern der Hamas brutal gequält und misshandelt wurden.
Zum anderen traf und trifft der Hass auf den jüdischen Staat unterdessen in seiner ganzen Tragweite auch Juden in ganz Deutschland. Die Täter: zumeist linksorientierte Aktivisten und arabischstämmige Migranten. Ein Orkan des Judenhasses wütet bis heute durch Europa, wie wir ihn seit Jahrzehnten nicht erleben mussten.
Die Antisemitismusfallzahlen sind seit dem 7. Oktober 2023 geradezu explodiert – und die Statistiken waren schon zuvor besorgniserregend. Die Juden, die erkennbar als Juden auf die Straße gehen, kann ich persönlich an einer Hand abzählen.
Und ja, das hat auch mit der oft einseitigen, verzerrten und tendenziösen Berichterstattung über Israel zu tun. Doch die alte jüdische Redewendung ist und bleibt ebenso aktuell wie treffend: Auch die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge.
Überschriften wie »Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza« (»Der Spiegel«) oder »Israel droht mit Selbstverteidigung« (»Focus«) überlassen wir, die Jüdische Allgemeine, gern den Kollegen.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Es gibt unzählige Gründe, Israel zu verteidigen, aber selbstverständlich – wie sollte es auch anders sein – manche Gründe die israelische Regierung maximal hart zu kritisieren – ich denken an die beabsichtigte Einführung der Todesstrafe, die Schwächung demokratischer Instanzen, rechtsextreme Politiker und immer öfter auch an menschenverachtende Aussagen einzelner Minister.
Israel verteidigen, wenn es geboten ist, und Israel kritisieren, wenn es geboten ist: Wir tun beides. Es ist kein entweder oder. Es ist ein sowohl als auch.
In aller Bescheidenheit, aber schon auch klar und deutlich sei gesagt: Hier kann – und sollte! – das Gros der Journalistenkollegen von uns lernen.
Der Antisemitismus im Alltag hat ein Maß erreicht, das jüdisches Leben auch in Deutschland vor enorme Probleme stellt. Immer mehr Juden haben seit dem 7. Oktober den Eindruck, ihre Heimat Stück für Stück zu verlieren. Sie haben sich von ihrer Heimat ein Stück weit entfremdet. Zunehmend wird nach den viel zitierten Koffern geschaut, die doch eigentlich längst ausgepackt und im Keller verstaut waren.
Verschwindet nun der Antisemitismus, weil der Krieg vorbei ist? Wohl kaum. Es sollte sich niemand wundern, wenn angesichts dessen langfristig auch hierzulande wie in Frankreich oder Großbritannien zunehmend mehr Juden ihre Heimat verlassen, weil der Hass von links, aus der muslimischen Community, von rechts - und vor allem die Gleichgültigkeit der Mehrheit - nicht mehr auszuhalten sind.
Noch sehen wir diese Entwicklung Gottlob in Deutschland nicht. Noch nicht. Aber ich persönlich habe in den letzten zweieinhalb Jahren noch nie so häufig gehört von jungen jüdischen Familien gehört: Wie können wir denn in Berlin leben, wenn mehrere Hundert »pro palästinensische Demonstranten« auf dem Alexanderplatz, ungestraft unter den Augen der Polizei, rufen: »Wer sich an die Seite Israels stellt, den werden wir vernichten!«
Wenn die Kundgebung beendet ist, sind diese »Demonstranten« ja immer noch Bürger dieser Stadt. Sie sind unsere Nachbarn, unsere Arbeitskollegen, ihre Kinder besuchen die dieselben Schulen und Hochschulen wie unsere Kinder.
In dieser Gemengelage haben wir - die Journalisten bei der Jüdischen Allgemeinen - begriffen, dass wir vielleicht gefordert sind wie nie zuvor, unseren journalistischen Auftrag zu erfüllen, mit allem was wir haben, mit vollem Einsatz.
Mit Rudolf Augstein gesprochen: zu schreiben, was ist. Abzubilden, was ist. Dasjenige zu veröffentlichen, was andere so gar nicht veröffentlicht sehen möchten. In jedes Mikrofon, auf jeder Bühne, das zu sagen, was viele andere nicht sagen möchten oder nicht sagen können: Dass der Judenhass nicht allein unser Problem ist, der jüdischen Gemeinschaft. Sondern elementar auch das Problem der Mehrheitsgesellschaft.
Unsere nichtjüdischen Mitbürger müssen das auch für sich selbst machen, das Gift des Judenhasses nicht zuzulassen. Denn eines ist klar: Eine Gesellschaft, die den Judenhassern Spielräume lässt, taumelt in den Abgrund.
Auch aus diesem Grund, als mediales Korrektiv – aber auch als publizistische Heimat vieler Menschen, die nicht unkritisch, aber fair, kompetent und unvoreingenommen auf Israel blicken – ist die Jüdische Allgemeine, so glaube ich, in den vergangenen Jahren noch wichtiger geworden, als sie es bereits war.
Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir lassen uns von den Antisemiten nicht tyrannisieren.
Klar ist doch aber auch: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir lassen uns von den Antisemiten – sei es von Links, von Rechts, aus der Mitte der Gesellschaft oder von einem entfesselten arabisch-muslimischen Mob – nicht tyrannisieren. Die Zeiten des Stetls, die Zeiten des Ghettos sind zum Glück vorbei. Wir sind genauso Bürger wie jeder andere auch. Wir lassen uns aus unserer Heimat nicht vertreiben. Nicht noch einmal.
Wir wollen hier keine französischen Verhältnisse, ein Land, wo knapp ein Drittel der Juden in den letzten drei Jahrzehnten aufgrund höchst aggressiver Muslime ihre Heimat verlassen hat, verlassen musste. Wir wollen hier keine Verhältnisse wie im Heimatland meiner Mutter, dem Iran, wo zehntausende Menschen von den Islamisten, von den Mullahs vertrieben wurden, schlicht und einfach, weil sie Juden.
Wir wollen hier auch kein Land, in dem die rechtsextreme AfD das Sagen hat und das Land nach ihren Vorstellungen umbaut, sprich nach Vorstellungen, die mit Demokratie, Gewaltenteilung, Selbstbestimmung des Individuums und Freiheit als oberstem Prinzip sicher nichts zu tun haben.
Wir wollen aber auch kein Land, das wie vielleicht künftig wie Berlin von der Linkspartei regiert oder mitregiert wird, deren Werte mehr mit Fatah, Hamas und SED zu tun haben als mit unserem Grundgesetz.
»Nie wieder!« und mit den Mullahs kuscheln wie unser bräsiger Bundespräsident - das geht nicht zusammen.
Zugleich bereitet es uns Sorgen, dass die großen demokratischen Parteien durch ihre oftmals denkfaule, ideologisch geprägte, wirtschaftsfeindliche und blind migrationsunkritische Politik die extremen politischen Kräfte stärken, anstatt sie zu schwächen, während unser bräsiger Bundespräsident im Namen aller Deutschen den Mullahs in Teheran - deren Hände in Blut getränkt sind - zum Jahrestag ihrer islamistischen Revolution gratuliert, nur rum kurz bedeutungsvoll-staatstragend am Holocaust-Gedenktag »Nie wieder!« zu schwören.
Wie erwähnt: Schreiben, was ist. Sagen, was ist. Das ist unser Auftrag als Journalisten. Auch und insbesondere, wenn es unbequeme Wahrheiten sind.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde,
es freut uns ungemein, dass dies beispielsweise nun von der WerteInitiative gesehen, wahrgenommen und nun auch mit diesem Preis wertgeschätzt wird.
Wir von der Jüdischen Allgemeinen freuen uns sehr darüber. Wir begreifen diesen Preis deshalb auch als Ermutigung, mit voller Kraft und mit starker Stimme weiterzumachen.
Vielen Dank für diesen Preis!
Lchaim! Betaavon!
engel@juedische-allgemeine.de