Essay

Wie die »New York Times« Israel verteufelt

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Immer wenn man glaubt, dass die anti-israelische Besessenheit eine natürliche Grenze erreicht hat, wird man von der Wirklichkeit eines Besseren belehrt. Zuletzt geschah dies durch einen Artikel von Nicholas Kristof in der »New York Times«. Darin berichtet er nicht nur von Missbrauch palästinensischer Gefangener in israelischen Gefängnissen, sondern greift auch die groteske Behauptung auf, Israel nutze Hunde zur sexuellen Gewalt gegen Gefangene. Er lässt dabei keinen Zweifel daran, welche moralische Gleichung er aufstellen will. Denn er schreibt sinngemäß, dass das, was israelischen Frauen am 7. Oktober 2023 widerfahren sei, nun Palästinensern Tag für Tag widerfahre.

Noch Fragen? Wohl kaum. Denn damit ist die Botschaft glasklar: Israel wird nicht nur beschuldigt, einzelne Verbrechen oder Missstände zuzulassen. Nein. Israel soll als moralisches Monster erscheinen. Als Staat, dessen Grausamkeit die der Hamas sogar noch übertrifft. Denn wenn etwas »Tag für Tag« geschieht, während die Hamas ihre Verbrechen an einem einzigen Tag beging, dann lautet die implizite Botschaft: Die eigentlichen Bestien sitzen in Jerusalem.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Natürlich gibt es Gewalt, Missbrauch und Grenzüberschreitungen in israelischen Gefängnissen. So wie es sie auch in anderen Gefängnissen gibt. Überall auf der Welt. Durch Aufseher oder Mitgefangene. In einer Gemengelage aus Frustration, Aggression und Dominanz. Und: Wahrscheinlich gab und gibt es sie seit dem 7. Oktober sogar verstärkt. Sicher ist das nicht. Aber zumindest möglich.

Das Terrain der politischen Dämonisierung

Denn nach einem Massaker wie dem vom 7. Oktober, nach tausenden Festnahmen, unter Bedingungen permanenter Eskalation, Überforderung und Traumatisierung, ist es nicht abwegig anzunehmen, dass einzelne Wärter oder Sicherheitskräfte Grenzen überschritten haben. Vor allem, wenn der für das Gefängniswesen zuständige Minister ausgerechnet der rechtsextreme Itamar Ben-Gvir ist. Fest steht aber: Das ist inakzeptabel. Punkt. Solche Vorfälle müssen untersucht, verfolgt und abgestellt werden. Denn gerade ein demokratischer Rechtsstaat darf auch im Ausnahmezustand seine moralischen Grenzen nicht verschieben. Auch wenn das eine Forderung ist, die in der israelischen Wirklichkeit von palästinensischer Gewalt, islamistischem Terror und dauernder Bedrohung von außen und innen kaum zu bewältigen ist.

Aber darum geht es Kristof gar nicht. Und es geht ihm auch nicht darum, auf Missstände hinzuweisen, um bessere Bedingungen für Gefangene zu erreichen. Denn dafür hätte Kristof auch im eigenen US-amerikanischen Hinterhof kehren können. Stichwort ICE. Oder Guantanamo. Oder er hätte sich mit den Zuständen in palästinensischen, iranischen oder chinesischen Gefängnissen befassen können. Doch es geht nicht um Menschenrechte. Es geht darum, einen Staat, ein Kollektiv, ein System zu diffamieren. Denn zwischen der Feststellung, dass es Misshandlungen in Gefängnissen gibt, und der Konstruktion eines dämonischen Staates, der Hunde zur Vergewaltigung abrichtet, liegt sowohl ein moralischer als auch ein journalistischer Abgrund. Hier verlässt man den Bereich seriöser Aufklärung und betritt das Terrain der politischen Dämonisierung.

Der nicht zufällige Zeitpunkt der Veröffentlichung

Und genau darin liegt das Perfide dieses Artikels. Denn diese Geschichte kursiert seit Jahren in den dunkelsten Ecken der anti-israelischen Onlinewelt. In verschwörungsideologischen Foren. In fanatisch anti-israelischen Milieus. In den digitalen Sümpfen, in denen Israel nicht einfach kritisiert, sondern als das metaphysische Böse imaginiert wird. Dort erzählt man sich seit Jahren die wildesten Fantasien: Israel »vaporisiere« Menschen mit geheimen Waffen. Israel betreibe Organraub an getöteten Palästinensern im industriellen Stil. Israel trainiere Hunde zur Vergewaltigung von Gefangenen. Bisher scheuten seriöse Medien davor zurück, diesen Wahnsinn zu drucken. Doch Kristof nicht. Die New York Times nicht. Der Bann ist gebrochen. Und eine neue Horrorlegende nimmt Fahrt auf.

Dabei wählte Kristof den Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht zufällig. Denn praktisch zeitgleich erschien der seit Langem angekündigte Bericht der israelischen Zivilkommission über die sexualisierte Gewalt der Hamas am 7. Oktober. Ein Dokument des Grauens, das die Abgründe der Hamas in brutaler Klarheit sichtbar macht. Und die Tatsache belegt, dass die Terrorarmee sexualisierte Gewalt systematisch und als Teil ihrer Strategie einsetzt.

Der gesunde Menschenverstand kapituliert vor der anti-israelischen Erregung.

Kristof setzt seinen Text dazu bewusst in Beziehung. Er relativiert die Verbrechen der Hamas nicht explizit. Denn das wäre zu plump. Er tut etwas Raffinierteres: Er konstruiert eine moralische Äquivalenz. Ja mehr noch: Er fabriziert eine moralische Umkehrung. Die Botschaft lautet: Was die Hamas einmal tat, tut Israel systematisch. Und zwar ständig. Oder in seinen eigenen Worten: »In einem Punkt sollten wir uns einig sein: Wir sind gegen Vergewaltigung. Der schreckliche Missbrauch, den israelische Frauen am 7. Oktober erlitten haben, widerfährt nun Tag für Tag den Palästinensern.« Das ist alles andere als eine objektive Analyse. Das ist politische Bildsprache. Das ist in Worte und Sätze gegossene Dämonisierung.

Dabei steht der enorme Umfang der Untersuchungen zu den Hamas-Verbrechen im krassen Gegensatz zu Kristofs Konstruktion. Dort eine mehrere hundert Seiten umfassende Dokumentation mit über 400 Zeugenaussagen, tausenden Bildern und unzähligen Stunden Videomaterial der Hamas sowie Mitschnitten von Mobiltelefonen, Überwachungskameras und Dashcams, die unter Mithilfe von juristischen und forensischen Experten sowie medizinischem Fachpersonal und Traumatherapeuten verfasst wurde. Hier anonyme Aussagen, schwer überprüfbare Berichte, Aktivistennetzwerke und Behauptungen, die jeder Plausibilität trotzen.

Journalistische Vorsicht wäre geboten gewesen

Besonders bemerkenswert ist dabei die Rolle der sogenannten Menschenrechtsorganisation Euro-Med Monitor, auf deren Material sich Teile der Vorwürfe stützen. Kritiker werfen der Organisation und ihrem Gründer nämlich seit Jahren politische Einseitigkeit und eine Nähe zur Hamas vor, zumindest aber die Verbreitung Hamas-naher Narrative und Propaganda. Schließlich war es diese Organisation, die nicht nur die Geschichten von der Vaporisierungs-Waffe und dem systematischen Organraub verbreitet hat, sondern eben auch die von den israelischen Vergewaltigungs-Hunden. Gerade deshalb wäre eigentlich höchste journalistische Vorsicht geboten gewesen. Stattdessen geschieht das Gegenteil: Aus Behauptungen werden Schlagzeilen. Aus Gerüchten werden Gewissheiten. Aus Schauergeschichten werden Meinungsbeiträge.

Bei Israel hingegen genügt oft schon das Raunen. Doch das beschädigt nicht nur das primäre Ziel: Israel. Nein! Es beschädigt den Journalismus selbst.

Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Denn wenn es um Israel geht, scheint bei vielen jede intellektuelle Selbstkontrolle zu versagen. Die Wellenbrecher der Vernunft funktionieren nicht mehr. Behauptungen, die bei jedem anderen Staat sofort kritisch hinterfragt würden oder rundheraus ins Reich der Fabeln verwiesen würden, werden hier mit ehrfürchtiger Empörung weitergetragen. Der gesunde Menschenverstand kapituliert vor der anti-israelischen Erregung.

Monströse Behauptungen in einem Meinungsbeitrag

Man stelle sich nur für einen Moment vor, irgendein westlicher Staat wäre beschuldigt worden, Hunde zur systematischen Vergewaltigung von Gefangenen abzurichten. Journalisten würden Beweise verlangen. Forensik. Namen. Dokumente. Videos. Plausibilität. Experten. Kontext. Zweifel wären Pflicht. Bei Israel hingegen genügt oft schon das Raunen. Doch das beschädigt nicht nur das primäre Ziel: Israel. Nein! Es beschädigt den Journalismus selbst.

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Dabei war es so geschickt eingefädelt: Denn der Text erschien weder als Bericht noch als Reportage, sondern als Meinungsbeitrag. Und unterlag damit einem gewissen Schutzmechanismus. Denn so können monströse Behauptungen in den Raum gestellt werden, ohne denselben Standards harter investigativer Berichterstattung unterworfen zu sein. Es war ja schließlich nur eine Meinung! Auch wenn diese auf Behauptungen ruht. In jedem Fall blieb ein harter Faktencheck aus. Wofür auch: Die Aura der altehrwürdigen New York Times verleiht dem Ganzen schließlich ausreichend Seriosität.

Die Konsequenzen spüren die klassischen Medien

Genau das macht den Vorgang so gefährlich. Und zwar auf zwei Ebenen: Erstens hat die Verteufelung Israels gerade die nächste Stufe gezündet. Der Irrsinn hat also eine weitere Grenze eingerissen. Nichts ist zu abwegig, als dass es von den Israelphoben nicht für ihr Endziel (oder sollte man vielleicht Endlösung sagen?) in Stellung gebracht würde. Zweitens geschah dies ausgerechnet durch einen New-York-Times-Journalisten, dessen Wahnvorstellungen sich zu gedruckter Wirklichkeit verdichtet haben.

Sicher: Die Feinde Israels jubeln, weil nun selbst die New York Times ihre fantastischsten Mythen schwarz auf weiß druckt. Doch die Konsequenzen werden nicht nur Israel treffen. Nein, die Konsequenzen werden auch die klassischen Medien zu spüren bekommen. Denn die Grenzen zwischen Aktivismus und Journalismus verschwimmen immer mehr. Das Vertrauen erodiert. Und die Wahrheit zerbricht an der weit verbreiteten Besessenheit, in deren Zentrum Israel steht. Kann es also noch schlimmer kommen? Bestimmt! Denn die Geschichte ist ein guter Lehrmeister. Auch, wenn das keine guten Nachrichten sind.

Der Autor ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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