Was ist bloß in den Papst gefahren? Jetzt wurde bekannt, dass Leo XVI. vergangene Woche die höchste Auszeichnung, die der Vatikan zu vergeben hat, an den Botschafter der Islamischen Republik Iran beim Heiligen Stuhl, Seine Exzellenz Dr. Mohammad Hossein Mokhtari, verliehen hat. Das zumindest gab die iranische Botschaft in Rom am Dienstag stolz bekannt.
Mehrere Medien veröffentlichten zudem Fotos der päpstlichen Urkunde sowie ein Bild Mokhtaris mit dem Oberhaupt der Katholischen Kirche. Es stammt zwar aus dem vergangenen Jahr, soll aber wohl vermeintlich Nähe zwischen Teheran und Rom demonstrieren.
Sicher, der Preis wurde nicht von Leo XIV. persönlich übergeben, sondern von einem Mitarbeiter des Staatssekretariats. Die Verleihung wurde vom Vatikan auch nicht öffentlich kommuniziert. In Rom zeigt man sich in solchen Sachen manchmal zugeknöpft. Doch wird man um die politische Sprengkraft des Vorgangs wissen, obgleich einige die Verleihung als reinen Routinevorgang bagatellisieren.
Der Piusorden ist nach seinem Stifter, Papst Pius IX., benannt, der auch das Dogma der Unfehlbarkeit der Päpste eingeführt hatte. Offiziell bekommen ihn Personen, die sich um die Stärkung der diplomatischen Beziehungen und die Förderung des Friedens verdient gemacht haben. In der Praxis besteht jedoch ein gewisser Automatismus: So erhalten Vatikan-Botschafter die Auszeichnung in der Regel schon nach zwei bis drei Jahren.
Der Papstorden ist nicht nur eine nette Aufmerksamkeit. Er kann auch ein Ritterschlag sein, im wahrsten Sinne des Wortes: Die in die erste oder zweite Klasse Aufgenommenen - meist Staatsoberhäupter oder Regierungschefs - werden zu Rittern ernannt. Die dritte Klasse ist für Diplomaten vorbehalten. Zu den Insignien gerhört ein achtzackiger Stern, auf dem rückseitig die Devise Virtuti et merito (»Tugend und Verdienst«) eingraviert ist.
PR-Geschenk für das Regime
Für Botschafter Mokhtari, der erst seit 2023 in Rom amtiert, ist päpstliche Auszeichnung ein unverhofftes PR-Geschenk, vertritt er doch ein Regime, das erst im Januar wieder zeigte, zu was es bereit ist: Ohne jede Skrupel und binnen weniger Tage wurden mehr als 35.000 Menschen umgebracht, das Ausmaß der Massaker ist noch immer unklar. Klar ist hingegen seit Langem, dass das Regime seine Macht um jeden Preis sichern will - nach innen und nach außen.
Aber hatte nicht der aus Amerika stammende Papst im April US-Präsident Donald Trump scharf wegen des Iran-Kriegs und seiner Rhetorik angegangen? Hatte er nicht Trumps wütende Drohungen, die iranische »Zivilisation« auszulöschen, falls das Regime nicht klein beigebe, als »inakzeptabel« bezeichnet, und das völlig zurecht?

Die Haltung von Leo XIV. zum Iran ist aber ambivalent. Die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung verurteilte der katholische Pontifex erst, nachdem Trump ihn für sein Schweigen gerügt hatte. Und der Papst blieb reichlich unkonkret: »Wenn ein Regime, wenn ein Land Entscheidungen trifft, dass Menschenleben kostet, dann ist das etwas, das natürlich verurteilt werden sollte«, sagte er Ende April, fast vier Monate nach den schrecklichen Ereignissen im Iran. Er sagte es erst auf Nachfrage von Journalisten. Nicht vor den Gläubigen auf dem Petersplatz, sondern im Flugzeug auf dem Rückflug aus Afrika.
Dass das iranische Regime seit 47 Jahren Entscheidungen trifft, die Menschenleben kosten, weiß auch der Papst. Und auch, dass Christen und andere nicht-schiitische Minderheiten im Iran verfolgt und unterdrückt werden. Der Heilige Stuhl pflegt trotzdem mit dem Regime diplomatische Beziehungen. Das mag man noch hinnehmen, denn auch andere Staaten tun dies - unter anderem, um Menschen dort helfen zu können.
Der Papst hätte anders entscheiden können
Dass aber Papst Leo und sein diplomatisch versierter Kardinalstaatsekretär Pietro Parolin ausgerechnet den Repräsentanten dieses Regimes mit einer Auszeichnung bedacht haben, ist empörend. Das häufig vorgebrachte Argument, das sei doch geübte Praxis und man könne den Iraner doch nicht »diskriminieren«, zieht nicht. Das ist genauso wenig einleuchtend wie die Begründung, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einst genannt hatte, um zu rechtfertigen, dass er zum Jahrestag der Islamischen Revolution ein Glückwunschschreiben nach Teheran geschickt hatte. Das gehöre zu den »diplomatischen Gepflogenheiten«, ließ Steinmeier damals ausrichten. Wenn dem so ist, dann sollte man die Gepflogenheiten ändern.

»Put your money where your mouth is«, sagt man in Amerika, dem Heimatland des Papstes. Mit anderen Worten: Man soll so handeln, wie man redet, und so reden, wie man auch handelt. In seiner Iran-Politik tut Leo XVI. das momentan nicht.
Das ist eigentlich verwunderlich, denn in seinem ersten Amtsjahr war der Papst ansonsten sehr trittsicher. Doch seine Appelle für Frieden im Nahen und Mittleren Osten klingen hohl, wenn er gleichzeitig eines der brutalsten Regime hofiert, das die Welt gerade zu bieten hat.
Die Verleihung des Piusordens an Mohammad Hossein Mokhtari ist ein diplomatisches Unding. Symbolisch tritt der Papst so der iranischen Freiheitsbewegung in die Magengrube und untergräbt seine Autorität als Kämpfer für Frieden und Menschenrechte.
Ja, Mokhtari war nicht der einzige Vatikan-Botschafter, der die Auszeichnung bekam. Aber der Papst hätte ein Zeichen setzen und dem Regime diesen Ritterschlag verweigern können.
Der Autor ist Europa-Korrespondent der Jüdischen Allgemeinen in Brüssel.