Was ist bloß in den Papst gefahren? Jetzt wurde bekannt, dass Leo XVI. vergangene Woche die höchste Auszeichnung, die der Vatikan zu vergeben hat, an den Botschafter der Islamischen Republik Iran beim Heiligen Stuhl, Seine Exzellenz Dr. Mohammad Hossein Mokhtari, verliehen hat. Das zumindest gab die iranische Botschaft in Rom am Dienstag stolz bekannt.
Mehrere Medien veröffentlichten zudem Fotos der päpstlichen Urkunde sowie ein Bild Mokhtaris mit dem Oberhaupt der Katholischen Kirche. Es stammt zwar aus dem vergangenen Jahr, soll aber wohl vermeintlich Nähe zwischen Teheran und Rom demonstrieren.
Sicher, der Preis wurde nicht von Leo XIV. persönlich übergeben, sondern von einem Mitarbeiter des Staatssekretariats. Die Verleihung wurde vom Vatikan auch nicht öffentlich kommuniziert. Zunächst zumindest nicht. Am Mittwoch erschien dann eine Meldung auf »Vatican News«, mit einem Gruppenbild, das alle diesjährigen Empfänger der Auszeichnung zeigte, und dem Hinweis, dass der Orden zum ersten Jahrestag der Besteigung des Stuhls Petri durch Leo XIV. an 13 Diplomaten verliehen worden sei.
Der fragliche Orden (es gibt auch noch andere im Vatikan) ist nach seinem Stifter, Papst Pius IX., benannt. Der hatte Mitte des 19. Jahrhunderts auch das Dogma der Unfehlbarkeit für die Päpste eingeführt, welches aber längst nicht alle Entscheidungen betrifft.
Offiziell sollen mit der Auszeichnung Personen gewürdigt werden, die sich um die Stärkung der diplomatischen Beziehungen und die Förderung des Friedens verdient gemacht haben. In der Praxis besteht jedoch ein gewisser Automatismus: So erhalten zumindest die Botschafter die Auszeichnung nach zwei bis drei Jahren Amtszeit.
Der Papstorden ist dennoch mehr als nur eine nette Aufmerksamkeit. Er kann auch ein Ritterschlag sein, im wahrsten Sinne des Wortes: Die in die erste oder zweite Klasse Aufgenommenen - meist sind das Staatsoberhäupter oder Regierungschefs - werden zu Rittern ernannt. Die dritte Klasse ist für Diplomaten vorbehalten. Zu den Insignien gerhört ein achtzackiger Stern, auf dem rückseitig die Devise Virtuti et merito (»Tugend und Verdienst«) eingraviert ist.
PR-Geschenk für das Regime
Für Botschafter Mokhtari, der erst seit 2023 in Rom amtiert, ist päpstliche Auszeichnung ein unverhofftes PR-Geschenk, vertritt er doch ein Regime, das erst im Januar wieder zeigte, zu was es bereit ist: Ohne jede Skrupel und binnen weniger Tage wurden mehr als 35.000 Menschen umgebracht, das Ausmaß der Massaker ist noch immer unklar. Klar ist hingegen seit Langem, dass das Regime seine Macht um jeden Preis sichern will - nach innen und nach außen.
Aber hatte nicht der aus Amerika stammende Papst im April US-Präsident Donald Trump scharf wegen des Iran-Kriegs und seiner Rhetorik angegangen? Hatte er nicht Trumps wütende Drohungen, die iranische »Zivilisation« auszulöschen, falls das Regime nicht klein beigebe, als »inakzeptabel« bezeichnet, und das völlig zurecht?

Die Haltung von Leo XIV. zum Iran ist aber ambivalent. Die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung verurteilte der katholische Pontifex erst, nachdem Trump ihn für sein Schweigen gerügt hatte. Und der Papst blieb reichlich unkonkret: »Wenn ein Regime, wenn ein Land Entscheidungen trifft, das Menschenleben kostet, dann ist das etwas, das natürlich verurteilt werden sollte«, sagte er Ende April, fast vier Monate nach den schrecklichen Ereignissen im Iran. Er sagte es erst auf Nachfrage von Journalisten. Nicht vor den Gläubigen auf dem Petersplatz, sondern im Flugzeug auf dem Rückflug aus Afrika.
Dass das iranische Regime seit 47 Jahren Entscheidungen trifft, die Menschenleben kosten, weiß auch der Papst. Und auch, dass Christen und andere nicht-schiitische Minderheiten im Iran verfolgt und unterdrückt werden. Der Heilige Stuhl pflegt trotzdem mit dem Regime diplomatische Beziehungen. Das mag man noch hinnehmen, denn auch andere Staaten tun dies - unter anderem, um Menschen dort helfen zu können.
Der Papst hätte anders entscheiden können
Dass aber Papst Leo und sein diplomatisch versierter Kardinalstaatsekretär Pietro Parolin ausgerechnet den Repräsentanten dieses Regimes mit einer Auszeichnung bedacht haben, ist empörend. Das Argument, das sei doch geübte Praxis und man könne den Iraner doch nicht »diskriminieren«, zieht nicht.
Sie ist genauso wenig einleuchtend wie die Begründung, die Frank-Walter Steinmeier einst genannt hatte, um zu rechtfertigen, dass er zum Jahrestag der Islamischen Revolution ein Glückwunschschreiben nach Teheran geschickt hatte. Das gehöre zu den »diplomatischen Gepflogenheiten«, ließ Frank-Walter Steinmeier damals mitteilen. Aber wenn dem wirklich so ist, sollte man dann nicht die Gepflogenheiten ändern?
Auch António Guterres, der UN-Generalsekretär, gratulierte der Islamischen Republik zu ihrem Nationalfeiertag - nur wenige Wochen nach den Massakern vom Januar 2026.

»Put your money where your mouth is«, sagt man in Amerika, dem Heimatland des Papstes. Mit anderen Worten: Handele so, wie du redest, und rede so, wie du handelst. Das möchte man auch dem Papst zurufen, denn genau das tut Leo XVI. in seiner Nahostpolitik momentan nicht. Sicher, der Vatikan hat nicht viele Möglichkeiten, politisch Einfluss zu nehmen. Aber die wenigen, die er hat, sollte er schon nutzen.
Die Misere ist eigentlich verwunderlich, denn in seinem ersten Amtsjahr war der Papst ansonsten sehr trittsicher auf der diplomatischen Bühne. Aber seine Appelle für Frieden im Nahen und Mittleren Osten klingen hohl, wenn er gleichzeitig eines der brutalsten Regime hofiert, das die Welt gerade zu bieten hat.
Die Verleihung des Piusordens an Mohammad Hossein Mokhtari ist ein diplomatisches Unding. Symbolisch tritt der Papst so der iranischen Freiheitsbewegung in die Magengrube und untergräbt seine Autorität als Kämpfer für Frieden und Menschenrechte.
Ja, Mokhtari war nicht der einzige Vatikan-Botschafter, der die Auszeichnung bekam. Aber der Papst hätte ein Zeichen setzen und dem Regime diesen Ritterschlag verweigern können.
Der Autor ist Europa-Korrespondent der Jüdischen Allgemeinen in Brüssel.