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Der »Tag des Sieges« und der Krieg heute

Irina Bondas Foto: Daria Krotova

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Der »Tag des Sieges« und der Krieg heute

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges müssen wir die Geschichte neu aufrollen und hinterfragen, wie wir mit dem stets pompös begangenen 9. Mai umgehen sollen

von Irina Bondas  08.05.2026 09:34 Uhr

An einem 9. Mai starb meine Großmutter. Dem Massaker von Babyn Jar war sie als Kind nur knapp entkommen und hatte den Krieg durch die Evakuierung nach Usbekistan überlebt. Sie kehrte nach Kyjiw zurück, wo mein Vater zur Welt kam. Sein Vater hatte als Feldarzt gedient, war als Alkoholiker wiedergekommen und starb nach wenigen Jahren. Während über die zahllosen Kinder ohne Väter noch vorsichtig gesprochen wurde, herrschte überwiegend Schweigen über die Opfer der deutschen und stalinistischen Lager. Der stets pompös begangene »Tag des Sieges« kannte keine sinnlosen Verluste.

Der ukrainisch-jüdische Schriftsteller Wassili Grossman hielt das unermessliche Leid jener Zeit fest. Sein erschütternder Bericht Ukraine ohne Juden von 1943 und sämtliche Folgewerke durften nie in der Sowjetunion erscheinen. Die Komplexität der sowjetischen Geschichte und die Schicksale ihrer Bevölkerungsgruppen fielen der Zensur zum Opfer. Weltweit setzte sich das Bild fest, Russland sei alleiniger Sieger über den Faschismus. Diese Kontinuität nutzt der Kreml, um russische Kriegsverbrechen heute zu rechtfertigen.

Die ideologische Manipulation des Erinnerns hat zu einer kollektiven Amnesie geführt.

Am 9. Mai ziehen Massen mit echten, aber auch vermeintlichen Porträts ihrer Vorfahren durch russische Städte, nach den Paraden liegen die Plakate geknickt am Straßenrand oder stecken in Mülltonnen. Die ideologische Manipulation des Erinnerns hat zu einer kollektiven Amnesie geführt.

Zeit ihres Lebens hat meine Oma den 9. Mai gefeiert, auch in Deutschland. Ausgerechnet an einem 9. Mai starb sie. Den aktuellen Krieg hat sie nicht mehr erlebt und musste sich nicht fragen, wie es dazu kommen konnte.
Ich frage mich aber, welche Bedeutung dieser Tag, der in den meisten Ländern am 8. Mai begangen wird, heute hat. Er fühlt sich eher an wie ein kurzes Innehalten, nicht wie ein Ende, und erinnert vor allem an Verluste. Wir müssen die Geschichte neu aufrollen und hinterfragen, wie wir damit umgehen. Wir müssen neu lernen, an unsere Verluste zu erinnern. Doch dafür muss die Kontinuität der Gewalt erst einmal enden.

Die Autorin wurde in Kyjiw geboren und arbeitet in Berlin als Übersetzerin.

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