Meinung

Der Antisemitismus und wie Sir Tony ihn (nicht) sah

Letzte Woche schickte Sir Tony Brenton, ehemaliger britischer Botschafter in Russland, einen Leserbrief an die »Times«. Zuvor waren zwei jüdische Männer in Golders Green, einem Stadtteil im Norden Londons, in dem viele Juden leben, auf offener Straße niedergestochen worden.

Der Leserbrief war empörend und nützlich zugleich. Empörend, weil Sir Tony suggerierte, dass britische Juden gewissermaßen persönlich für die israelischen Militäroperationen im Gazastreifen in Mithaftung genommen werden sollten. Und nützlich, weil er sehr klar offenlegt, warum sich so viele weigern, den enormen Anstieg des Antisemitismus im Vereinigten Königreich seit den Massakern vom 7. Oktober 2023 auch nur zur Kenntnis, geschweige denn ernst zu nehmen.

Im Jahr 2023 meldete der Community Security Trust (CST) 4298 antisemitische Vorfälle, damals schon ein Allzeithoch. In den ersten sechs Monaten des Folgejahres kam es zu fast 2000 Vorfällen, und im vergangenen Jahr gab es laut CST 3700 antisemitische Vorkommnisse - immer noch die zweithöchste Zahl seit Beginn der Erfassungen. Jeden Monat wurden 2025 im Durchschnitt also mehr als 300 judenfeindliche Vorfälle registriert, doppelt so viele wie im Durchschnitt vor dem 7. Oktober 2023.

Doch für Sir Tony waren wohl die wenigsten davon tatsächlich antisemitisch. In seinem Leserbrief schreibt er: »Der große Anstieg des ‚Antisemitismus‘ fand Ende 2023 statt und war daher gar kein oder größtenteils kein Antisemitismus, sondern eine weit verbreitete Wut in der Bevölkerung über die israelische Überreaktion auf die Gräueltaten der Hamas im Oktober desselben Jahres.«

Nicht antisemitisch, sondern nur Israelkritik?

Mit anderen Worten: Wenn jemand eine Synagoge mit Brandbomben angreift, wie zuletzt gleich zweimal geschehen ist, oder Krankenwagen einer jüdischen Wohltätigkeitsorganisation anzündet oder mit einem Auto in eine Synagoge rast und versucht, jüdische Beter zu ermorden, wie es letztes Jahr in Manchester geschehen, dann ist das für Sir Tony nicht antisemitisch, sondern nur Ausdruck von tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten über die Verteidigungspolitik eines anderen Staates.

Wenn Sie jetzt denken, dass das doch das Ausmaß und die Tiefe der antisemitischen Angriffe in empörender Weise verharmlost, sollten Sie weiterlesen. Denn Sir Tony hat noch mehr zu bieten. So schreibt er: »Die jüdische Gemeinschaft im Vereinigten Königreich könnte dazu beitragen, die Wahrscheinlichkeit solcher Gräueltaten zu verringern, indem sie deutlich macht, dass sie von der Brutalität der israelischen Politik genauso entsetzt ist wie fast alle anderen.«

Lassen wir mal beiseite, warum Sir Tony die Verantwortung für die Verteidigungspolitik eines fremden Landes den britischen Juden auferlegt, sondern fragen wir uns lieber, was wir als Juden tun können. Vielleicht könnten wir eine Art Symbol tragen. Damit können wir so unseren potenziellen Mördern, soweit sie nicht von Judenhass getrieben sind, sondern nur Israel kritisieren wollen, signalisieren, dass wir natürlich mit Sir Tony übereinstimmen und verschont werden sollten. Das Symbol sollte natürlich auffallen. Vielleicht könnte es eine Art Stern sein. Ein gelber womöglich…?

Fast schon wieder normal

Aber ernsthaft: Sir Tonys Vorschlag ist nicht nur empörend. Er ist auch nützlich, macht er doch die Haltung vieler im Land gegenüber den aktuellen Ereignissen sehr deutlich. Es ist eine beunruhigende Zeit, als Jude in Großbritannien zu leben. Der Antisemitismus nimmt nicht nur zu, er wirkt fast schon wieder normal.

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Seit dem 7. Oktober 2023 fanden regelmäßig »Hassmärsche« statt, wie die ehemalige Innenministerin Suella Braverman sie bezeichnet hat. Offiziell spricht man von »propalästinensischen« Demonstrationen. Dort hört man Parolen wie »Globalisiert die Intifada«. Man sieht Transparente, die zur Unterstützung von Hamas, Hisbollah oder dem Regime im Iran aufrufen. Bislang haben die britischen Behörden nichts unternommen, um das zu unterbinden oder gar, um die Demonstrationen zu verbieten.

Die erschreckende Erkenntnis ist: Antisemiten dürfen offen durch unsere Städte marschieren und niemand, der Verantwortung trägt, sagt oder tut etwas dagegen. Erst jetzt, nach den Messerattacken von Golders Green, hat Sir Keir Starmer es für angemessen erachtet, in deutlicher Form Kritik zu üben. Der Premierminister hat angedeutet, dass Aufrufe zur Intifada offenkundige Aufforderungen zum Angriff auf Juden sind und sie strafrechtlich geahndet werden sollten.

Doch unsere Sorgen sind nicht weg. Der offen zur Schau gestellte Antisemitismus hat sich längst festgesetzt. Es erscheint schwer vorstellbar, wie er wieder eingedämmt werden soll.

Der Autor ist Journalist und ehemaliger Chefredakteur des »Jewish Chronicle«.

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