Kommentar

Wenn das kein Antisemitismus ist, was dann?

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Kommentar

Wenn das kein Antisemitismus ist, was dann?

Ein Mann wollte in Zürich eine Synagoge in Brand stecken. Der Täter gestand die Attacke. Er kam vor Gericht. Nun wurde er freigesprochen

von Nicole Dreyfus  04.05.2026 19:19 Uhr

Ein Mann wollte im August 2024 eine Zürcher Synagoge in Brand stecken. Die Tat misslang ihm, er flüchtete und wurde noch in derselben Nacht festgenommen. Die Polizei ging nicht von einem extremistischen Motiv aus, der Mann sei schließlich psychisch verwirrt gewesen.

Der Täter gestand den Brandanschlag auf das jüdische Gotteshaus. Er kam vor Gericht. Nun wurde er freigesprochen.

Zur Erinnerung: Die Attacke stürzte Zürichs jüdische Gemeinde in große Verunsicherung. Es war kein halbes Jahr her, nachdem ein islamistisch motivierter Täter einen orthodoxen Juden mit einem Messer niedergestochen hatte, der die Attacke damals nur knapp überlebte. Gewalt gegen Juden findet überall statt, auch in der Schweiz.

Davon will die Zürcher Justiz aber offensichtlich nichts wissen - und folgte implizit dem Narrativ des Täters. Es sei »nur ein Schauspiel gewesen«, das er vor der Synagoge habe inszenieren wollen, beteuerte er, der wegen versuchter Brandstiftung vor dem Zürcher Bezirksgericht stand.

Für seine Tat schäme er sich, aber er habe sich damals in einem psychotischen Zustand befunden. Für das Zürcher Gericht scheint die Sache deswegen klar: Der Mann war damals für seine Tat nicht zurechnungsfähig. Sie spricht den heute 34-Jährigen frei.

Die Staatsanwaltschaft stufte die Tat dagegen als vorsätzliche Brandstiftung ein. Entsprechend forderte sie eine stationäre Therapie. Dem gab das Gericht aber nicht statt: ambulante Therapie und Verzicht auf Cannabis-Konsum reiche vollkommen.

Lesen Sie auch

Aber darin liegt genau das Problem: Es soll also plötzlich kein Hassverbrechen mehr sein. Selbst wenn gemäß Aussage der Verteidigerin der Gaza-Konflikt den Täter stark beschäftigt und dieser sich vorgestellt habe, mit seinen Aktionen Kriege beenden zu können: Hier vermischen sich individuelle Wahnvorstellungen mit gesellschaftlich verankerten Feindbildern.

Und was macht die Justiz? Sie verharmlost diese Mischung und erliegt einem bekannten Muster: Sobald bei einem Hassverbrechen eine psychische Erkrankung festgestellt wird, entzieht sie dem Verbrechen seine Gerichtsbarkeit – und damit auch die klare Benennung als das, was es ist: ein Akt des Hasses. Und zwar auf Juden. Wenn das kein Antisemitismus sein soll, was dann?

dreyfus@juedische-allgemeine.de

Jerusalem

Ben-Gvir präsentiert israelische Fahne auf dem Tempelberg

Ausschreitungen und anti-arabische Gesänge während israelischen »Flaggenmarsches« – Polizei nimmt 13 Randalierer fest

 14.05.2026

Mittelmeer

Gaza-Hilfsflotte sticht von Türkei aus erneut in See

Israel wirft einigen Aktivisten Verbindungen mit der islamistischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen vor

 14.05.2026

Israel

Netanjahus Gesundheit vor Gericht

Der Premier erklärt sich in Verleumdungsprozess für »topfit« – doch Widersprüche bei Angaben zu seiner Krebsbehandlung werfen neue Fragen auf

von Sabine Brandes  14.05.2026

Nahost

Drei israelische Zivilisten durch Hisbollah-Sprengstoffdrohne verletzt

In der Mitteilung der israelischen Armee war die Rede von einem schweren Verstoß der Hisbollah gegen die Waffenruhe

 14.05.2026

Westjordanland

»Peace Now«: Friedensaktivist von Siedlern im Gesicht verletzt

Der Leiter von »Peace Now«, Lior Amichai, wurde nach Angaben der Organisation von gewalttätigen Siedlern geschlagen

 14.05.2026

Israel

Neue Hoffnung auf günstige Flugtickets

Nach monatelangen Flugausfällen kehren internationale Airlines zurück – Lufthansa und Wizz Air machen den Anfang

von Sabine Brandes  14.05.2026

Israel

Parlamentswahl könnte vorgezogen werden

Der Vorsitzende der Regierungskoalition, Ofir Katz, reichte einen entsprechenden Gesetzesentwurf zur Auflösung der Knesset ein

 14.05.2026

Nahost

Netanjahus Büro: Premier hat während Iran-Kriegs heimlich Emirate besucht – der Golfstaat dementiert

Laut dem Büro des Regierungschefs habe der Besuch zu »einem historischen Durchbruch in den Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten« geführt

 14.05.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026