Bachelor, Master, Promotion. Gleich dreimal trägt mein Lebenslauf das Siegel der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Es gibt Universitäten, an denen man studieren kann. Und es gibt Universitäten, die Teil der eigenen Identität werden.
Die LMU war für mich nie nur eine Bildungsstätte. Sie ist meine Alma Mater, ein Versprechen, ein Ort, an dem das Denken größer sein sollte als die Ideologie. Ich habe diese Universität geliebt. Nicht blind, aber mit jenem Stolz, den man empfindet, wenn ein Ort mehr bedeutet als nur Hörsäle und Prüfungen. Wer als junger Mensch durch die Lichthöfe geht, spürt das Gewicht der Geschichte. Hier ist der Name der Geschwister Scholl kein Straßenschild, sondern eine moralische Messlatte.
Vielleicht war ich naiv.
Immer dasselbe Ergebnis
Vielleicht wollte ich glauben, dass eine Universität mit dieser Vergangenheit besonders wachsam sein müsste, wenn Ressentiments in neuem akademischen Gewand zurückkehren. Wenn Begriffe instrumentalisiert werden, um politische Erzählungen salonfähig zu machen, die am Ende immer beim selben Ergebnis enden: Der jüdische Staat ist das Problem.
Aktuell findet an der Universität eine Vortragsreihe statt: »Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland«. Der Rahmen liest sich wie eine Übung in rhetorischer Akrobatik. Man beklagt die Einseitigkeit bestehender Diskurse, nur um sie durch eine sorgfältig komponierte, eigene Einseitigkeit zu ersetzen. Israelische Universitäten werden explizit ausgeklammert.
Ich bin Teil des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender, das vor dieser Reihe ausdrücklich gewarnt hat. Die Fakten liegen auf dem Tisch: Referentinnen und Referenten, die den 7. Oktober rhetorisch vernebeln, Terroristen als »Ikonen des Widerstands« verklären oder jüdische Psalmworte aus ihrem historischen Kontext herauslösen. Die Warnung wurde gehört, dennoch läuft die Veranstaltung.
»Genozid« oder »Annihilation«
Das ist kein rein administratives Problem. Wo bleibt die Genauigkeit, die wir unseren Erstsemestern in der ersten Vorlesung predigen? Wenn Referenten Begriffe wie »Genozid« oder »Annihilation« verwenden, ohne die Hamas und den 7. Oktober mit derselben analytischen Schärfe zu behandeln, dann ist das kein pluralistischer Diskurs. Es ist der Verzicht auf intellektuelle Redlichkeit.
Diese akademische Schieflage bleibt nicht im Seminarraum. Sie hat ein Echo auf dem Campus.
In diesem Frühjahr 2026 ist in München etwas Fundamentales zerbrochen. Erst der Sprengstoffanschlag auf das israelische Restaurant Eclipse. Dann, am Jom HaSchoa, dem Gedenktag für die Opfer der Schoa, hängt an der Fassade der LMU eine Puppe am Galgen. Man muss kein Prophet sein, um zu verstehen: Wer am Jom HaSchoa Galgen an eine deutsche Universität bringt, meint nicht nur die israelische Regierung. Er spielt mit Bildern, die jüdische Menschen in Deutschland nicht auf eine abstrakte Art und Weise lesen können.
Mörderische Botschaft
Und dann finden sich in den Toiletten meiner Alma Mater Schmierereien, die keine intellektuelle Auslegung mehr erfordern: »KILL ALL JEWS«. Das ist keine »aufgeladene Debatte«. Das ist eine mörderische Botschaft in einem Raum, der eigentlich Schutz und Freiheit bieten sollte.
Ich schreibe das als jüdischer Deutscher. Als Israeli. Als Münchner. Aber vor allem schreibe ich als jemand, der diese Universität einmal mit Stolz als seine bezeichnet hat. Als ich an der LMU studierte, habe ich mich nie versteckt. Ich war Israeli und ehemaliger Offizier der IDF. Das war Teil meiner Biografie. Es war kein Makel, kein Sicherheitsrisiko, kein Satz, den man flüstern musste.
Heute höre ich von jüdischen Studierenden, die sich nicht mehr trauen, Hebräisch zu sprechen oder ihren Davidstern zu zeigen. Die Universität wird für sie zum Raum der Vorsicht. Dass die LMU eine ähnliche Veranstaltung vor einiger Zeit mit dem Hinweis absagte, man zweifle am »erforderlichen Niveau«, zeigt, dass das Problem bekannt ist. Doch Niveau ist kein statischer Zustand, sondern eine tägliche Aufgabe für jeden Lehrenden und jeden Lernenden.
Institutionelles Wegducken
In den offiziellen Stellungnahmen der LMU fällt ein Wort auffallend selten: Antisemitismus. Man spricht von »pluralistischem Diskurs« oder »respektvoller Rede«. Das klingt sauber. Aber wenn Mordaufrufe an den Wänden stehen und Galgen an der Fassade hängen, ist »respektvoll« keine präzise Formulierung mehr. Es ist institutionelles Wegducken.
Dieser Text ist kein klassischer Protest. Er ist ein Liebesbrief aus Enttäuschung. Man schreibt solche Briefe nicht an Orte, die einem egal sind. Man schreibt sie an Orte, von denen man noch etwas erwartet.
Ich appelliere an meine Kolleginnen und Kollegen, an die Hunderten Dozierenden und an die Tausenden Studierenden: Lasst nicht zu, dass wissenschaftliche Standards einer politischen Einseitigkeit geopfert werden. Eine Universität darf alles fragen. Sie darf provozieren. Aber sie darf nie vergessen, auf welchem Fundament sie steht.
Die Geschichte beginnt nicht erst dort, wo es politisch bequem ist. Und sie endet auch nicht dort, wo jüdische Stimmen beginnen zu stören.
Der Autor ist Hochschulprofessor und Mitbegründer der Münchner Initiative »Run for their Lives«.