Tel Aviv

Sirenen und Schlagzeilen

Ich habe eine feste Morgenroutine: Während ich den ersten Kaffee zubereite, schaue ich die aktuelle Nachrichtenlage an. Über die Jahre ist das fast ein Reflex geworden. In einem Land wie Israel kann sich über Nacht alles ändern. Das ist kein Klischee, oft geschieht genau das.

Seit 22 Jahren arbeite ich als Auslandskorrespondentin in Israel. Es ist ein kleines Land im Nahen Osten mit rund zehn Millionen Einwohnern und prägt doch regelmäßig die internationale Nachrichtenlage. Entscheidungen aus Jerusalem, Entwicklungen in oder mit einem der Nachbarländer haben oft Auswirkungen weit über die Region hinaus. Entsprechend hoch ist die Aufmerksamkeit in der ganzen Welt.

Es ist mein Tagesgeschäft, unter erheblichem Zeitdruck zu informieren, einzuordnen und zu analysieren – auch im Krieg und unter Raketenbeschuss. Die Grundlagen dafür habe ich in meiner Ausbildung bei einer deutschen Tageszeitung gelernt. Das journalistische Volontariat hat mich vor allem in einer Fähigkeit geprägt, die hier unverzichtbar ist: Schnelligkeit.

Zwei, besser drei Stifte und zwei Notizbücher

Mein Handwerkszeug ist schlicht. Zwei, besser drei Stifte und zwei Notizbücher. Mein Volontärvater sagte immer: »Ein Stift kann kaputtgehen, einer verloren, dann ist es gut, einen dritten zu haben.« Schreiben ist für mich das A und O. Interviews nehme ich zwar auf, aber ich notiere parallel handschriftlich. Alles wird klarer, wenn ich es wortwörtlich »zu Papier bringe«. Während ich zuhöre und mitschreibe, sortiere und gewichte ich bereits. Vieles für die Geschichte, die ich erzählen werde, entscheidet sich in diesen Momenten.

Gleichzeitig gehört natürlich heute Technik dazu. Ein aufgeladenes Tablet ist unverzichtbar. In den vergangenen Wochen hatte ich es ständig griffbereit, als ich aus einem öffentlichen Luftschutzbunker während des Krieges gegen den Iran berichtete. Texte entstehen dann nicht am Schreibtisch, sondern unter Bedingungen, die mit klassischem Redaktionsalltag wenig zu tun haben: in der Kakophonie von Alarmsirenen, weinenden Kindern, bellenden Hunden und verunsicherten Menschen, mitten in der Nacht mit wackeligem Internet unter der Erde.

Über zwei Jahrzehnte habe ich Kontakte in alle Bereiche des Landes geknüpft: Ministerien, Militär, Parlament, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Ein weiteres zentrales Werkzeug ist mein Netzwerk. Über zwei Jahrzehnte habe ich Kontakte in alle Bereiche des Landes geknüpft: Ministerien, Militär, Parlament, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Diese Quellen sind unerlässlich, um Informationen zu verifizieren und Hintergründe zu verstehen. Doch es sind nicht nur offizielle Stellen, sondern auch Stimmen des Alltags: Ärzte aus Krankenhäusern im Ausnahmezustand, Ladeninhaber, für die politische Spannungen unmittelbare Auswirkungen auf ihre Geschäfte haben, und viele Menschen, die mir erzählen, wie sie ganz persönlich die Lage erleben. Ohne diese Perspektiven gäbe es Schlagzeilen, aber wenig Verständnis.

Eine weitere Voraussetzung, um aus Israel berichten zu können, sind Sprachen. Ich kommuniziere und recherchiere auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. Pressekonferenzen, Hintergrundgespräche und informelle Unterhaltungen laufen in mehreren Sprachen ab. Manchmal wechselt man sogar innerhalb eines Gespräches hin und her. Menschen erzählen in ihrer Muttersprache meist direkter und offener, besonders wenn es emotional wird.

Geografisch klein, aber journalistisch extrem dicht

Israel ist geografisch klein, aber journalistisch extrem dicht. Politische, militärische und gesellschaftliche Entwicklungen greifen hier regelmäßig ineinander. Ein Ereignis kann gleichzeitig innenpolitisch, sicherheitspolitisch und international relevant sein. Kaum ein Thema lässt sich isoliert betrachten. Wer von hier berichtet, muss jederzeit auf neue Entwicklungen reagieren, unabhängig von Tageszeit oder Planung.

Besonders deutlich wurde das an einem Tag, der alles veränderte: der 7. Oktober 2023. Das Massaker der Hamas an israelischen Zivilisten hat die Israelis – und auch mich – in den Grundfesten erschüttert. Innerhalb weniger Stunden wurden mehr als 1200 Menschen ermordet, 251 als Geiseln nach Gaza verschleppt. Als Mensch war ich geschockt, als Journalistin musste ich funktionieren. Die Berichterstattung bedeutete permanente Aktualisierung, widersprüchliche Informationen und fehlende Übersicht. Nachrichten wurden zu Echtzeitkatas­trophen, Gespräche zu Fragmenten aus Angst und Überforderung.

Als Mensch war ich geschockt. Als Journalistin musste ich funktionieren.

In den zwei Jahren danach bestimmten oft hochemotionale Begegnungen meine Arbeit: Gespräche mit Angehörigen von Getöteten und Geiseln. Es war belastend und prägend zugleich und hat mir menschlich viel abverlangt. Ich habe versucht, vor allem die Geschichten der Geiseln in den Tunneln der Hamas in Gaza nicht im Strom der Aktualität untergehen zu lassen, mit einer wöchentlichen Kolumne, Berichten, Reportagen und Interviews.

Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht darin, Entwicklungen zu strukturieren, bevor ich sie aufschreibe. Ich muss aus einer Vielzahl von Informationen, die nicht selten unvollständig und gegensätzlich sind, verlässliche Nachrichten machen, Zusammenhänge herstellen und Komplexität verständlich erklären. Israel ist kein Land für einfache Narrative. Viele Themen sind historisch, politisch und gesellschaftlich vielschichtig.

Zugleich versuche ich, auch die »anderen Geschichten« zu erzählen, das »normale« Israel sichtbar zu machen, das im Schatten der Schlagzeilen oft in den Hintergrund gerät: die Innovationskraft der Start-up-Szene, wissenschaftliche Durchbrüche, hoch entwickelte Medizin, Bemühungen um Koexistenz zwischen Juden und Arabern, die vielschichtige Kultur und die Menschen, die dieses Land ausmachen.

Der Blick von außen

Zunehmend beschäftigt mich auch der Blick von außen. Die Stimmung gegenüber Israel ist in vielen Teilen der Welt spürbar härter geworden. Alles, was geschieht, polarisiert oft in extreme Richtungen. Dabei wirken Erklärungen häufig verkürzt und einseitig. Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell Urteile gefällt werden über ein Land, dessen Komplexität selbst Experten manchmal überfordert. Mir fällt auch auf, wie wenig Hintergrundwissen meist vorhanden ist und wie schnell dennoch geurteilt wird. Vielleicht nehme ich es so stark wahr, weil ich erlebe, wie viele Perspektiven und gleichzeitige Wahrheiten es gibt.

Wenn abends das Land langsamer wird, sitze ich oft am Schreibtisch. Aus Gesprächen, Notizen und Eindrücken entsteht dann ein Text, der zusammenbringt, was tagsüber auf mich einprasselte. Aber auch wenn ich den Rechner ausschalte, gibt es selten Pausen. Die Nachrichtenlage endet anscheinend nie. Für meine Arbeit liegt darin das Schwierige und Anstrengende – und zugleich das Aufregende. Ich berichte aus einer Wirklichkeit, die selten einfache Antworten zulässt, aber mich immer wieder aufs Neue begeistert.

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