Philipp Peyman Engel, Chefredakteur
Manchmal sind die Geschichten hinter den Texten viel spannender als die Texte selbst. Unvergesslich für mich der Moment im Bundeskanzleramt, als der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), fünf Tage vor seiner Abwahl, die Kollegin Mascha Malburg und mich während unseres Interviews mit ihm aus dem Kanzleramt schmeißen wollte. Dem hypernervösen Kanzler, der in diesem Moment so gar nichts mehr vom technokratischen »Scholzomaten« hatte, waren die Fragen nicht genehm.
Selbiges drohte uns der cholerische damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel während eines Interviews zum 150. Geburtstag seiner Partei und ihrer jüdischen Wurzeln an. Wir haben in beiden Fällen natürlich dagegengehalten. Und dachten gar nicht daran, das Feld zu räumen.
Ein Highlight anderer Art und Weise war das Gebaren des Chefs einer Jüdischen Gemeinde in Berlin, dem nachgesagt wird, ebenso kleptokratisch wie undemokratisch zu sein, und der sich nur dank »gelenkter« Wahlen seit Jahren an der Spitze halten kann. Ein Interview mit ihm verlief dennoch erstaunlich offen und streitbar.
Anscheinend zum Ärger seines Pressechefs, der bei der Autorisierung des Interviews – ich übertreibe nicht – nahezu jeden Satz seines Vorgesetzten strich und durch komplett neue Aussagen ersetzte. Das Interview ist nie erschienen. Auf weitere Gespräche mit dem Gemeindechef verzichteten wir.
Apropos organisierte Kriminalität: Nur im Rückblick und mit viel Abstand ein bisschen lustig war das Versäumnis unserer Zeitung, bei der Berichterstattung über den Millionenraub eines großen arabischen Clans aus Berlin die Gesichter der Täter nicht verpixelt zu haben. Ein journalistisches Versagen – und ein sehr teures obendrein. Hoffen wir, dass der Clan unser Geld in gesetzeskonforme Unternehmen investiert hat.
Trotz allem und gerade deswegen: Es gibt wohl keinen Job auf dieser Welt, der so spannend, faszinierend, befriedigend – aber auch so hart und unmöglich – ist wie der des Zeitungsmachens. Davon sind wir, die Redakteure und die Autoren der Jüdischen Allgemeinen, fest überzeugt. Jede Ausgabe ist ein kleines Wunder. Oder mit dem genialen Komiker Karl Valentin ausgedrückt: »Es ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genau so viel passiert, wie in eine Zeitung passt.«
Eine gute Zeitung sollte, nach bestem Wissen und Gewissen, schreiben, was ist. Abbilden. Einordnen. Kommentieren. Aber auch unterhalten, Spaß machen und überraschen. Seien Sie sich sicher, liebe Leserinnen und Leser, dafür geben wir alles. Und versprochen: Bei unserer geplanten Reihe »Die Jüdische Allgemeine trifft ihre Leser« werden wir auf Wunsch noch viele weitere Geschichten hinter den Geschichten mit Ihnen teilen.
Tobias Kühn, Stellvertretender Chefredakteur
Als ich 2001 zur Jüdischen Allgemeinen kam, war die Zeitung gerade einmal 55 Jahre alt. Heute bin ich der Dienstälteste in der Redaktion und inzwischen stellvertretender Chefredakteur. In dieser Funktion koordiniere ich vor allem die Arbeit der Redaktion und halte die redaktionellen Abläufe zusammen. Ich sorge dafür, dass die Redakteurinnen und Redakteure gut arbeiten können und die Zeitung zum Redaktionsschluss pünktlich fertig wird. Nur selten komme ich noch selbst zum Schreiben. Umso mehr bedeutet es mir, dass ich die Seite 3 mit ihren ganzseitigen Reportagen und Porträts betreue – und gelegentlich doch noch selbst eine Reportage schreibe, etwa über ein skurriles Denkmal in Wien oder einen Rabbiner, der koscheren Wein produziert. Es sind diese Momente draußen, das Beobachten und anschließende Erzählen, die mich antreiben. Jene Form des Erzählens hat mich einst in diesen Beruf gelockt – Texte, die den Blick festhalten, genauer hinschauen lassen und den Leser für einen Moment aus dem Takt des Alltags lösen.
Bettina Piper, Textchefin
Ich hatte schon immer eine Schwäche für Sprache und Schrift. Bereits in sehr viel jüngeren Jahren ließ ich mich während der Schullektüre oder beim Lesen eines spannenden Romans von Buchstabendrehern oder einem falschen Satzzeichen ablenken und fragte mich, ob sich der Autor wohl darüber ärgern würde. Als Studentin besuchte ich zum ersten Mal Israel und traf auf der Jerusalemer Buchmesse Jehuda Amichai, Ruth Klüger und Tim Gidal. Dann kam eins zum anderen. Nach meiner Tätigkeit in Lektorat und Presse bei verschiedenen Verlagen kam ich zur Zeitung – die Jüdische Allgemeine feierte gerade ihr 60-jähriges Bestehen. Anfangs noch die Korrektorin, die mit Rotstift auf Papierfahnen hantierte und die Redakteurinnen und Redakteure mit ihrer Hartnäckigkeit und dem Hang zur Perfektion nervte, bin ich heute Textchefin des Blattes. In dieser Funktion ist es vor allem meine Aufgabe, sprachlich aus jedem Satz, Wort und Buchstaben das Beste herauszuholen. Wenn ich Zeit finde, eigene Beiträge zu schreiben, beschäftige ich mich gern mit Themen aus Kunst und Kultur. Hinzu kommt die redaktionelle Verantwortung für die deutsch-russische »JA kompakt«, die aufgrund unterschiedlicher inhaltlicher und gestalterischer Schwerpunkte eine schöne Abwechslung zum »Alltagsgeschäft« ist.
Sophie Albers Ben Chamo, Redakteurin (Jüdische Welt)
Zuerst wollte ich Archäologin werden, dann Tänzerin und schließlich – wenn auch nur sehr kurz – Diplomatin. Das erste Praktikum aber machte ich zum Glück doch bei einer Zeitung: bei der »Hannoverschen Allgemeinen«, unter den Fittichen von Oda Wallbaum. Es war der Anfang, zu dem ich immer wieder zurückkehren sollte. Denn Frau Wallbaum wusste damals schon mehr als ich, nämlich dass Schreiben wie Atmen ist. Mit mehr Glück als Verstand landete ich nach dem Studium zuerst beim »Spiegel« und später beim »stern«. Ich hatte schon länger unter Pseudonym an die JA geliefert, wo ich über Jüdisches und Israel schreiben konnte, ohne dass es in der Redaktion als Spezialthema galt. Dann endlich fanden die JA und ich richtig zusammen. Drei Wochen nach dem 7. Oktober 2023 habe ich hier angefangen, wofür ich in all der Trauer und Wut zutiefst dankbar bin. Seitdem möchte ich für keine andere deutsche Zeitung arbeiten.
Imanuel Marcus, Online-Redakteur
Erschreckenderweise ist es 40 Jahre her, dass ich meine Zeit beim Hörfunk begann. Als Moderator, Lokal-, Regional- und Nachrichtenredakteur bediente ich Regler und Mikrofone, bis ich mich plötzlich als Reporter im Bosnien-Krieg wiederfand. Bill Clinton wurde wiedergewählt, als ich Jahre später USA-Korrespondent wurde. Fast sechs Jahre in Washington und New York zu verbringen, war eine bleibende Erfahrung, obwohl ich mehr Zeit am Bildschirm verbrachte, als mir lieb war. Nach einem langen Aufenthalt in Bulgarien kam mit der Gründung einer englischsprachigen Publikation für Ausländer in Deutschland das nächste Projekt. Dann entschloss ich mich, zu dem Medium zu gehen, zu dem ich aus meiner Sicht einfach gehöre, nämlich diesem. Als Online-Redakteur schreibe ich über so ziemlich alles, von Politik bis hin zum allgegenwärtigen Judenhass. Es ist erfrischend, die Probleme der Welt öfter mal zeitweilig zu ignorieren und sie gegen kulturelle Themen einzutauschen – darunter meine Musik-Kolumne »Imanuels Interpreten«.
Katrin Richter, Redakteurin (Unsere Woche)
Da saß er, Jeff Goldblum. In der Hand die Jüdische Allgemeine, versuchte er, mit ungemeiner Gesichtsmuskelanstrengung die Überschrift zu lesen. Später sang er sie. Was für ein verrückter Moment. Das sind die kleinen Augenblicke mit den vermeintlich Großen, die nette Anekdoten liefern. Die größeren Momente allerdings sind immer wieder Begegnungen, die jenseits von Stars und Glamour stattfinden. Wie haben es Ruthi und Herbert Rubinstein geschafft, so lange glücklich zu sein? Wie war die Mutter des Berliner Historikers Hermann Simon? Wie geht es den Jugend-
lichen kurz vor ihrem Auftritt bei der Jewro? Oder wie ist es für den Schoa-Überlebenden Naftali Fürst, im Flugzeug der Bundeswehr zu sitzen? Wie war es für Lily Brett, im rosa Cadillac ihres Vaters zu fahren? Und warum ist Adam Cohen so unausgeschlafen beim Interview? Alle diese Begegnungen, Geschichten, Menschen sind Teil meines Berufs. So lange bei der Jüdischen Allgemeinen zu sein, seit 2003 als Studentin, seit 2007 als Volontärin und seit 2009 als Redakteurin, klingt vielleicht etwas »old-fashioned«? Ist es absolut nicht. Interviews, Reportagen und Termine vor Ort sind alles andere als eintönig. Ich sage nur: Jeff Goldblum.
Ayala Goldmann, Redakteurin (Kultur/Wissen)
»Alle auf den Boden!« Zehn Tage nach dem 7. Oktober 2023 flog Bundeskanzler Scholz in Begleitung von Journalisten nach Israel. Am Ben-Gurion-Flughafen, kurz vor dem Weiterflug nach Ägypten, wurden wir Zeugen eines Raketenangriffs der Hamas. Wir mussten uns auf das Rollfeld legen, bis der »Iron Dome« die Geschosse abgefangen hatte. Es war nicht der schönste Moment meines Journalistenlebens, aber eine wichtige Lehre: Krieg ist etwas, das der Körper nicht vergisst. Lange vor diesem Israel-Flug, in den 90er-Jahren, habe ich in Jerusalem jüdische Geschichte und hebräische Literatur studiert. 1998 wurde ich Redakteurin der dpa. 2013 kam ich zur Jüdischen Allgemeinen, seit 2021 verantworte ich das Kulturressort. Im Jahr 2024 habe ich die Kolumne »Shkoyach!« initiiert, in der ich abwechselnd mit vier wunderbaren Autorinnen und Autoren kulturelle und kulturpolitische Betrachtungen anstelle – mit spitzer Feder und manchmal tiefschwarzem Humor. Ich liebe meine Arbeit und begreife sie als Chance, die Dinge aus mehr als einer Perspektive zu sehen und zu zeigen.
Petra Henkel, Redaktionsassistentin
Wenn das Telefon bei mir klingelt, kann sich dahinter vieles verbergen. Neben dem Erteilen von Auskünften über die Zeitung bin ich manchmal auch einfach Seelentrösterin. Oft bedanken sich unsere Leser, dass es die Zeitung gibt, was ich dann gern an die Redaktion weitergebe. Seit fünf Jahren manage ich das Front Office, bin für den Kontakt zur Redaktion verantwortlich, sorge dafür, dass vom Schreibblock bis zur Druckerpatrone alles zur rechten Zeit vorrätig ist. Ich bereite die Honorare für die Buchhaltung vor, verschicke Belegexemplare an Autoren, halte Kontakt zu den Gemeinden und produziere die Gottesdienst-Seite. Vor meiner Zeit bei der Jüdischen Allgemeinen war ich Flugbegleiterin in der First Class der Lufthansa und habe viel von der Welt gesehen, Tel Aviv war eines meiner Lieblings-Layover. Die Lebensfreude in Israel hat mich immer inspiriert, denn ich weiß, wie wichtig es ist, die schönen Seiten des Lebens zu betonen. Deshalb bin ich auch die gute Fee, die an die Geburtstage erinnert und Blumensträuße besorgt. Gute Laune zu verbreiten, das ist meine Lieblingsaufgabe.
Nils Kottmann, Online-Redakteur
Als Kind wollte ich Priester oder Soldat werden. Stattdessen bin ich Journalist geworden. Ein schöner Kompromiss, finde ich: einer guten Sache dienen, nämlich die Öffentlichkeit informieren, und dabei Abenteuer erleben. Mein Presseausweis ist wie eine Eintrittskarte in das Leben anderer Menschen. Als Reporter durfte ich den Sohn von Pablo Escobar, aber auch den Weihnachtsmann im KaDeWe interviewen. Zur Jüdischen Allgemeinen kam ich fünf Tage vor den Massakern vom 7. Oktober 2023. Eine historische Katastrophe, die auch die Redaktion mehr als zwei Jahre lang in den Ausnahmezustand versetzt hat. Zum ersten Mal in der Geschichte der Zeitung haben wir auch am Schabbat Artikel veröffentlicht, später bei jeder Geiselfreilassung mitgefiebert und live berichtet. Als Redakteur für unsere Online-Berichterstattung ist es mein Job, dafür zu sorgen, dass wir unsere Leser möglichst schnell, detailliert und umfassend informieren.
Mascha Malburg, Redakteurin (Religion)
Einen Monat vor dem 7. Oktober 2023 rief mich Philipp Peyman Engel an und fragte, ob ich in sein Team kommen möchte. »Aber ich will nicht nur über Antisemitismus schreiben!« – das war meine Bedingung. Ein paar Wochen später war die Welt eine andere. Und ich heilfroh, dass meine neuen Kollegen das genauso spürten. An meinem ersten Tag berichtete ich über eine jüdische Trauerhalle, die angezündet worden war. Die Welle des Hasses schwappte jeden Tag auf unsere Schreibtische. Und trotzdem war es wichtig, dabei nicht den Horizont aus den Augen zu verlieren. Mit meinem Kollegen Joshua Schultheis bringe ich seit zwei Jahren Jüdinnen und Juden zu Gesprächen zusammen, in denen es um so viel mehr geht als die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind: um ihre Familiengeschichten, Identitätskrisen, Politik. Das ist es, worüber ich schreiben möchte! Am liebsten als Reportage für die Seite 3. Als Redakteurin betreue ich außerdem eine Israel- und die Religionsseite.
Sabine Brandes, Israel-Korrespondentin
Ich schreibe viel über Politik – ein Muss für Journalisten in Nahost. Aber es sind die »kleinen Geschichten«, die ich oft bedeutender finde: der Überlebende aus dem Kibbuz, der kranke Gazaner in israelische Krankenhäuser gefahren hat – und es wieder tun würde. Die junge Frau, die ihre ultraorthodoxe Welt verließ und nun Unternehmerin ist. Oder einfach Menschen, die trotz Kriegszustand versuchen, Normalität zu leben. In der Welt stehen diese Themen selten im Mittelpunkt. Für mich aber liegt der Reiz der Berichterstattung gerade darin, ein Israel zu zeigen, das in anderen Medien oft viel zu kurz kommt. Ich freue mich über jedes Feedback, auch kritisches, denn es zeigt, dass meine Arbeit ankommt. Eine Reaktion aber bleibt besonders: Bei einer Pressekonferenz stellte ich mich mit meinem Namen und dem unserer Zeitung vor. Die damalige Kanzlerin Angela Merkel lächelte und sagte: »Ach, Sie sind das …«
Christine Schmitt, Redakteurin (Unsere Woche)
Ein Porträt über Helga Simon – so lautete einer der ersten Aufträge bei der Jüdischen Allgemeinen für mich. Das war 2003. Die legendäre, mittlerweile verstorbene Berliner Gemeindefotografin empfing mich in ihrer Wohnung, in der sich Bücher und Papiere stapelten. Dann begann sie zu erzählen; oft musste sie Pausen einlegen, weil ihr die Tränen kamen, wenn sie von ihrer Familie und ihrem Leben sprach. Ich hörte ihr mehrere Stunden gebannt zu und fragte mich insgeheim, wie ich ihr facettenreiches Leben in nur 100 Zeilen unterbringen sollte. Eine Frage, die ich mir bis heute immer wieder stelle. Ich fing als freie Journalistin bei der Zeitung an, später wurde ich fest angestellte Redakteurin für den Lokalteil: In »Unsere Woche« berichten wir über die jüdischen Gemeinden. Immer noch fasziniert mich, wie sich in jeder Biografie eine ganze Welt auftut und welch spannende Entwicklungen die mehr als 100 Gemeinden in Deutschland durchmachen, die ich journalistisch begleiten darf.
Joshua Schultheis, Redakteur (Politik)
Journalismus war lange nicht mein Traumberuf. Ich bin da so reingerutscht. Richtig »klick« hat es bei mir gemacht, als ich verstanden habe, dass man als Journalist fremde Menschen auf der Straße ansprechen oder wichtigen Personen Mails schreiben kann – und meistens eine Antwort bekommt. Wie cool ist das denn! Bei der Jüdischen Allgemeinen habe ich im März 2022 als Volontär angefangen, heute bin ich Redakteur mit Politik-Schwerpunkt. Der Wow-Effekt ist zum Glück nie verloren gegangen. Einmal bin ich mit Bundesaußenminister Johann Wadephul und weiteren Journalisten nach Israel und ins Westjordanland gereist. Das Programm für 24 Stunden: Abflug in Berlin, Landung in Tel Aviv, Gespräche in Jerusalem, Fahrt nach Ramallah, Rückflug samt Interview mit dem Außenminister im Flieger. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wie cool ist das denn!
Nicole Dreyfus, Schweiz-Korrespondentin
Kurz nach der Jahrtausendwende irgendwo in Israel: Ich war 17 Jahre alt und auf einer vierwöchigen Reise. Das erste Mal so lange im Land und mitten in der Zweiten Intifada. Ich durfte für unsere Gruppe kleine Reisereportagen schreiben, die wir regelmäßig nach Hause schickten. Das war mein inoffizieller Einstieg in den Journalismus. Früh war mir klar: Die Welt beobachten und Gedanken, die mich beschäftigen, in Worte zu fassen, das ist meine Berufung. Dass ich das als Redakteurin bei der Jüdischen Allgemeinen tun darf und mit Aspekten kombinieren kann, die mir auch als Frau, Mutter und Jüdin, die in der Diaspora lebt, wichtig sind, macht den Job so vielschichtig. Als Schweiz-Korrespondentin beschäftigen mich politische Themen ebenso wie die Frage, was es heißt, ein sichtbares jüdisches Leben in einem kleinen Land zu führen, das auch Teil globaler Spannungen ist. Mein Arbeitstisch steht in Zürich, natürlich am Fenster platziert – den Blick nach draußen gerichtet und offen für jede Geschichte.
Jan Feldmann, Video-Redakteur
Es gibt eine Redewendung im Hebräischen, die ich sehr mag: »Hakol min haSchamajim« – alles kommt von oben. Oder anders gesagt: Vieles im Leben fügt sich auf eine Weise, die wir oft erst im Nachhinein verstehen. Mein Weg zur Jüdischen Allgemeinen führte mich vom Bundeskanzleramt in Österreich über den Axel Springer Verlag schließlich hierher. Spätestens nach dem 7. Oktober 2023 ist vielen Jüdinnen und Juden bewusst geworden, wie wichtig es ist, jüdische Perspektiven sichtbarer zu machen – um gesellschaftliche Missstände zu benennen und auf Probleme hinzuweisen, aber auch, um Mut zu geben und Zuversicht zu vermitteln. Umso mehr hat es mich gefreut, dass die JA sich kontinuierlich weiterentwickelt und entschieden hat, den Videobereich auszubauen, um journalistische Inhalte verstärkt auch im Bewegtbild zu erzählen. Es ist etwas Besonderes, in einem familiären Team zu arbeiten, in dem Menschen ihren Beruf nicht einfach als Arbeit verstehen, sondern aus Überzeugung ausüben.
Detlef David Kauschke, Politischer Korrespondent
Zeiten ändern sich. Als ich im Jahr 2000 zur Jüdischen Allgemeinen kam, war die Zeitungsnutzung stark durch die gedruckten Ausgaben geprägt, während digitale Angebote erst im Aufbau waren. Das Blatt erschien damals nur alle 14 Tage. Inzwischen hat es sich als Wochenzeitung mit aktueller Online-Berichterstattung und multimedialen Angeboten etabliert. Seit mehr als 25 Jahren – davon zwölf Jahre als Chefredakteur – darf ich diese spannende Entwicklung begleiten. Im »Unruhestand« widme ich mich nun jenseits des redaktionellen Tagesgeschäfts ausführlichen Interviews, ausgeruhten Texten und neuen Audioformaten. Viele Inhalte der Jüdischen Allgemeinen gibt es inzwischen auch zum Hören. Zeiten ändern sich: Hören ist das neue Lesen. Dennoch bin ich weiterhin davon überzeugt, dass die Printausgabe für Glaubwürdigkeit und Qualität steht. Die gedruckte Zeitung hat Zukunft.
Marco Limberg, Artdirector
Wie bebildert man einen Text über Juden und Dinosaurier? Woher bekomme ich ein Foto der Synagoge in Kathmandu? Wie gestalte ich eine besondere Titelseite zum 100. Geburtstag von Franz Kafka? Auf diese Fragen muss ich in ziemlich kurzer Zeit als Artdirector der Jüdischen Allgemeinen eine Antwort finden. In über 20 Jahren habe ich weit mehr als 1000 Ausgaben der Zeitung gestaltet. Dazu kommen noch etliche Sonderausgaben wie die deutsch-russische »JA kompakt« oder unsere Magazine zu Themen wie »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« beispielsweise. Als Fotograf habe ich 1990 meine journalistische Arbeit begonnen und dann die Seiten gewechselt, um das Layout der JA machen zu können. Und wenn es meine Zeit erlaubt, dann mache ich auch noch Fotos für die Zeitung. Unvergessen klingt mir die Regieanweisung von Angela Merkel beim Fotografieren eines Interviews im Ohr: »Aba nich vonne Seite!« Und Ex-Kanzler Olaf Scholz stand kurz davor, unser Team während eines Interviews rauszuschmeißen. Da haben wir wohl was richtig gemacht. Auf die nächsten 1000 Ausgaben!
Clara Wischnewski, Grafikerin
»Real Israel – 30 Fakten über Israel für Neugierige und Klugscheißer« lautete der Titel meines Büchleins, das gleichzeitig meine Abschlussarbeit beim Lette Verein in Berlin war, wo ich meine Ausbildung zur Grafikerin absolvierte. Die Gestaltung mithilfe von Fotos und Illustrationen machte mir großen Spaß. 2019 fing ich als Praktikantin in der Fotoredaktion der Jüdischen Allgemeinen an. Es gefiel mir – und ich blieb. Mittlerweile bin ich für die Grafik und das Layout verantwortlich. Ebenso übernehme ich die Bildrecherchen, was mitunter belastend ist. Denn seit dem 7. Oktober 2023 muss ich viele Fotos bei Agenturen heraussuchen, die Gewalt und Zerstörung zeigen. Natürlich ist es wichtig, das alles abzubilden. Freude bringt mir die Bildrecherche für Texte, die sich um fröhlichere Themen drehen. Auch auf unseren Religionsseiten können wir schöner und freier gestalten. Ich mag es, so lange an den Seiten zu feilen, bis ich mit dem Ergebnis hundertprozentig zufrieden bin.
Michael Thaidigsmann, Eu-Korrespondent
Eigentlich sind Seitenwechsel nicht so mein Ding. Der zur Jüdischen Allgemeinen fühlte sich dennoch richtig an. Nachdem ich lange Pressesprecher und Autor für einen internationalen jüdischen Verband war, bot sich mir die Gelegenheit, Journalist zu werden. Aus einem Beitrag pro Woche wurden schnell mehr. Jetzt sind es schon weit über 1000. In Brüssel lebe ich nach wie vor. Was mich an meiner Arbeit besonders fasziniert, ist die Bandbreite, die ich abdecken darf. Gefragt, was meine journalistischen Schwerpunkte seien, antworte ich stets: »Deutschland, Europa und die Welt.« Am liebsten übernehme ich politische Themen. Immer wieder faszinieren mich meine Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden, zuletzt mit Eva Erben in Israel. Sie haben uns noch so viel zu sagen. Ich bin kein gelernter Journalist. Aber nach 28 Jahren Berufsleben kann ich das gut verbergen.