Zeitungsproduktion

Mit Papier, Schere und Klebestift

Neben dem Interesse am Judentum sollte der Bewerber/die Bewerberin für die Redakteursstelle den Klebeumbruch beherrschen. Wir schrieben das Jahr 1994, und den Klebeumbruch kannte ich aus meinem Volontariat. Vor 32 Jahren wurde die Zeitung noch mithilfe von Papier, Schere und Klebestift zusammengebastelt. Texte kamen per Fax, Manuskripte teils per Post – drucktechnische Steinzeit.

Die damals in Bonn erscheinende Allgemeine Jüdische Wochenzeitung (AJW), wie sie 1994 noch hieß, war gerade knapp der vollkommenen Einstellung entgangen. Die CDU-Politikerin und damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hatte sich für den Erhalt der einzigen deutschsprachigen jüdischen Zeitung eingesetzt. Prominente appellierten an die Regierung, diese wichtige Zeitung zu bewahren. War sie bis 1993 noch wöchentlich erschienen, kam sie ein Jahr später nur noch alle 14 Tage heraus.

Eine Zeit großer Herausforderungen

Sie blieb dem Zeitungsmarkt erhalten. Und das war gut so, denn es war die Zeit der jüdischen Einwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die Zeit einer Aufbruchstimmung, der Zuversicht, jüdisches Leben in Deutschland wiederbeleben zu können, aber auch eine Zeit großer Herausforderungen.

Die Themen lagen auf der Straße. Anfang der 90er-Jahre nahmen rund 27.000 Mitglieder jüdischer Gemeinden zwischen 150.000 und 200.000 russischsprachige Juden auf. Das zahlenmäßige Missverhältnis zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern barg Stoff ohne Ende. Doch wie erfuhren die Redakteure davon, was in den Gemeinden zwischen Hamburg und München vor sich ging? Per Telefon, über verzweifelte Briefe, Schlagzeilen lokaler Zeitungen, die wieder über einen vermeintlichen Skandal berichteten.

Das Korrespondentennetz war jedoch klein. Nur wenige Journalisten örtlicher Zeitungen beschäftigten sich damals mit jüdischem Leben. Im Ballungszentrum Ruhrgebiet, in Bayern, Baden-Württemberg und in Norddeutschland gab es einige wenige Kollegen, die schon einmal Kontakt zu einer jüdischen Gemeinde hatten. Oder sie hatten bereits über ein Thema berichtet, und ich konnte nachfragen, ob sie für die AJW ihren Artikel noch etwas erweitern wollten. Alles per Telefon oder Fax.

Auf manche Antwort mussten wir einen halben Tag warten, oder länger. Fest angestellte Redakteure durften teils nicht für andere Zeitungen schreiben und brauchten eine Ausnahmegenehmigung ihres Chefredakteurs. Wenn das alles geklärt war, kam der Text dann ein oder zwei Tage später. Fotos von den Ereignissen brauchten per Post noch einen Tag länger.

Redakteure waren auf die Zuarbeit angewiesen. Das setzte voraus, dass wir klare Vorgaben machten.

Natürlich machten wir Vorgaben, wie lang wir uns den Text vorstellten, eine Standardangabe war 150 Zeilen für einen Aufmacher, die Zeile mit 42 Anschlägen. Es wurde also viel gezählt und gerechnet und im Fluss des Schreibens gern übers Ziel hinausgeschossen. Wobei zu lang natürlich immer besser war als zu kurz. Denn kurzfristig etwas »dranzustricken«, also den Text sinnvoll zu ergänzen, war schwieriger als zu kürzen.

Redakteure waren also entsprechend auf die Zuarbeit angewiesen. Das setzte voraus, dass wir klare Vorgaben machten. Die besprachen wir in der Planungskonferenz für die nächste Ausgabe. Sie erfolgte immer etwa zwei Tage nach Erscheinen, schließlich mussten wir ja unsere Themen wieder zusammensuchen. Politik, Israel, Jüdische Welt, jüdische Gemeinden in Deutschland, Schabbat und München bildeten die Hauptseiten für vier Redakteurinnen und Redakteure: Judith Hart, Klaus Zinniel, Michael Wuliger und mich. Die Israelitische Kultusgemeinde München bestückte schon damals ihre Seite selbst. Hier mussten wir nur korrigieren, auf die richtige Zeilenzahl zusammenstreichen und die Bildformate ausrechnen. Um die Fotos kümmerte sich jeder Redakteur und jede Redakteurin selbst, einen Fotoredakteur hatten wir nicht.

Drucklegung war noch ein Handwerk

Die Drucklegung war noch ein Handwerk, denn die von uns bearbeiteten Artikel, meist als sogenannte Fließtexte geschrieben, wurden zunächst an die Druckerei gefaxt, die sie uns als Druckfahnen, also in Spaltenbreite gesetzt, zurückfaxte. Diese Spalten schnitten wir mit der Schere so zu, dass sie auf den knapp DIN A2 großen Layoutbogen passten, auf den sie dann geklebt wurden. Schließlich brauchte es noch Platz für Überschrift, Unterzeile und Autorennamen.

Mit viel Geduld und bei einigen Autoren häufigen Anrufen, Bitten und Betteln, wann denn ihr Text endlich eintreffe, bekam ich genügend Texte zusammen, um die Seite zu füllen. Alles schön aufgeklebt, inklusive Fotos im Quer- oder Hochformat. Die Bildmotive waren als Kopie kaum zu erkennen. Die fertig montierte Zeitungsseite kopierten wir dann abermals. Eine Zeitungsseite ergab vier DIN-A4-Kopien, die wir dann einzeln an die Druckerei faxten.

Die verschiedenen Arbeitsschritte waren also kaum dazu angetan, kurzfristig aktuelle Ereignisse ins Blatt zu heben. Gedruckt wurde dann auch noch am Vormittag vor dem Erscheinungstag, also anderthalb Tage vor der Auslieferung der Zeitung an die Gemeinden, Abonnenten und die Buchhandlungen zum Verkauf. Wirklich aktuell konnte die AJW daher nicht sein.

Dafür war sie ja auch eine Wochenzeitung, die Artikel beschäftigten sich mit allgemeinen Themen aus dem wiederaufblühenden jüdischen Leben, mit der Zuwanderung, mit Irrungen und Wirrungen aufgrund von Sprach- und Verständnisproblemen.

Eine Zeitungsseite ergab vier DIN-A4-Kopien, die wir einzeln an die Druckerei faxten.

Es fehlten Rabbiner, es fehlten Synagogen, aber Bar- und Batmizwa-Feiern fanden wieder statt – Geschichten auf den Gemeindeseiten, die ich nach dem Fortgang von Klaus Zinniel betreute. Gemeinden taten sich zusammen, suchten Rabbiner, die sie zunächst in der Schweiz, in England oder in den USA fanden. Und wir berichteten von deren Einführung und später auch von den Einstellungen der Rabbiner und Kantoren, Männer und Frauen, die in Deutschland ausgebildet worden waren.

Das Korrespondentennetz wurde größer. Journalisten, die in ihren Lokalblättern über ein jüdisches Thema berichteten, fingen an, auch für die AJW zu schreiben.

Zwei Käsebrote, die meinen Hunger stillten

Wenn ein Kollege jedoch ausfiel, um etwa über ein Pessach-Seminar zu berichten, setzte ich mich ins Auto, um beispielsweise zu einer Tagungsstätte in der Nähe von Delmenhorst zu fahren, wo ich am Abend nach 19 Uhr ankam. Sara-Ruth Schumann, die Gemeindevorsitzende aus Oldenburg, hatte mir zwei Käsebrote aufgehoben, die meinen Hunger stillten. Das Seminar der Gemeinden Delmenhorst, Oldenburg und Braunschweig unter der Leitung von Rabbinerin Bea Wyler war ein voller Erfolg. Für den Text hatte ich einen Tag Zeit. Hauptsache, wir hatten das Ereignis nicht verpasst und konnten es als ein Beispiel etwa der Rubrik »Gemeinden lernen Judentum miteinander« abbilden. Ein Fotograf von der Tageszeitung vor Ort schickte uns seine Fotos zu.

Eine Blattkritik gab es selten, oder aber wir luden dazu Kollegen ein, die wir dann gleich für neue Themen und Projekte gewinnen wollten. Kurz vor dem Druck schauten wir Redakteure noch einmal gemeinsam auf die Seiten. Zwischen Druck und Neuplanung blieb durchaus Zeit, die wir drei Redakteurinnen, die wir inzwischen waren, auch schon einmal dazu nutzten, uns mit Kaffee und Kuchen auf den kleinen gemauerten Balkon in dem Einfamilienhaus in Bonn-Bad Godesberg zu setzen und Schlager in den Sommerhimmel zu grölen.

Warum auch nicht, die Zeitung war fertig, Redaktionsleiterin Judith Hart hatte in der Druckerei den letzten Druckprozess an der Walze miterlebt und die ersten frischen 50 Zeitungsexemplare, die noch fast feucht waren und den typischen Duft von Druckerschwärze verströmten, mitgebracht.

Schön war die Zeit. Ich mag sie nicht missen, auch wenn der Umzug 1999 nach Berlin viele Neuerungen und Erleichterungen mit sich brachte. Texte kamen inzwischen per E-Mail, ebenso die Fotos, um die sich Bildredakteur Marco Limberg und Clara Wischnewski kümmerten. Vieles ließ sich per Internet klären. Texte sollten nun 3000 Zeichen haben. Besser – schlechter? Alles hat seine Zeit.

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