Beobachten, fragen, nachdenken, beschreiben. Tiefgründig, ausführlich, manchmal auch kunstvoll, hin und wieder heiter – so ideal hatte sich die Autorin als Jugendliche ihren zukünftigen Beruf vorgestellt. Heinrich Heine als Vater des modernen Journalismus, Egon Erwin Kisch als »rasender Reporter« und Kurt Tucholsky als der kleine Dicke an der Schreibmaschine, der eine Katastrophe aufhalten wollte: Dieses Dreigestirn strahlte zwar unerreichbar.
Aber immerhin, der eigene Vater galt als Pionier seines Mediums, hat immer freundlich im Radio gesprochen, als Journalist gar einen Klangkörper (seltsam altmodisches Wort) gegründet und sein RIAS-Jugendorchester als erstes Orchester nach Israel gebracht.
Warum nicht Ähnliches versuchen? Skandale in diesem Beruf wie die Hitler-Tagebücher im »stern« zeigten zwar die strukturellen Gefahren auf, den Zeitdruck, die ökonomischen Zwänge, die mangelnde Sorgfalt. Sie warnten vor der Zukunft der Enthüllung, taten der persönlichen Euphorie jedoch keinen Abbruch.
Meine Vorstellung einer ausführlich reflektierenden Tätigkeit hat sich im ersten Praktikum als Utopie herausgestellt, vielleicht weil ich die branchenübliche Reihenfolge abgewandelt hatte. Viele Journalisten sammeln ihre Berufserfahrungen zunächst in einer Zeitungsredaktion, wechseln dann in das elektronische Medium Radio und landen bei entsprechender optischer Begabung schließlich im Fernsehen. Die Einkünfte steigen dementsprechend je nach Medium. Das Zeilenhonorar in der Zeitung ist gegenüber der Vergütung für einen Radiobericht ziemlich mager und verglichen mit einer Fernsehmoderation beinahe die Nulldiät. Umgekehrt proportional zur Länge des Textes, aber davon gleich mehr.
Ich schlug den entgegengesetzten Weg ein und begann im Berliner ZDF-Studio, Redaktion Kultur: Glamour-Garantie mit der Berlinale, Ausstellungseröffnungen und Theaterpremieren. Wer darf schon als Anfängerin die Proben zu Peter Zadeks legendärer Ghetto-Inszenierung von Joshua Sobol mit Esther Ofarim drehen lassen und alle vier Teile von Götz Friedrichs »Ring des Nibelungen« an der Deutschen Oper? Edel klingt das, nur habe ich kläglich beim Sinnieren, beim Texten versagt.
Sinnstiftend im Fernsehjournalismus ist das Bild
Denn sinnstiftend im Fernsehjournalismus ist das Bild. Es soll idealerweise für sich selbst stehen, die Geschichte illustrativ erzählen, die inhaltliche Substanz eines Berichts begleiten, im besten Falle ersetzen. All dies in einer Kürze von maximal einer Minute und 30 Sekunden für ein nachrichtliches Stück und durchschnittlich zwei Minuten und 40 Sekunden für einen Magazinbericht. Das sind 20 bis 30 Zeilen, und nur dann, wenn man alles unprofessionell zutextet. Wer wie ich drei Seiten Text abliefert, hat den Kern des Mediums nicht verstanden. Dementsprechend fiel das Urteil des Redaktionsleiters aus: »Inhaltlich gut, aber besser, Sie gehen ins Radio.«
Endlich länger beobachten, nachdenken, beschreiben, über Formulierungen sinnieren.
Das schnellste Medium im klassischen Journalismus damaliger Prägung – Online und Social Media hatten die Hetze noch nicht verstärkt – bietet viel mehr Raum für Interviews und Reportagen als aktuelle journalistische TV-Formate. Radio kostet die Sender ohne den technischen und personellen Aufwand eines Kamerateams plus Schnitt und Produktion auch weniger. Radioreporter machen längst alles selbst: die Aufnahmen, den Schnitt der O-Töne, den Text und die Sprachaufnahmen.
Im Gegensatz zum Fernsehen steht die Reichweite des Radios, steil ausgedrückt, in reziproker Korrelation zur Bekanntheit seiner Macher. Die Hörer kennen oft die Stimmen, seltener die Namen, nie die Gesichter der Reporter und Moderatoren. Deren Vorteil: Sie haben mehr Platz für ihre Texte. Drei Minuten, manchmal fünf in Kultursendungen, sogar zehn in ausführlichen Interviews. Wer das Radio als Medium beherrscht, kann Stundensendungen präsentieren und halbe Tage gestalten.
Das Manuskript meiner »Langen Nacht« im Deutschlandfunk zur Erinnerungskultur in Auschwitz umfasste 80 Seiten. Ein kleines Buch. Und nachts hören die Menschen intensiver zu. Denn Radio informiert, unterhält, aber die Macher kennen seinen signifikanten Nachteil: Oft begleitet es den Alltag nur beim Autofahren, bei Hausarbeiten, Handwerk, Spaziergängen. Jene Epoche, in der sich die Familie vor dem Radioapparat versammelte, entspricht in medialer Zeitrechnung dem Paläolithikum.
Womit wir bei der Zeitung wären. Sie scheint totgesagt, seit dem Siegeszug der Online-Häppchenkultur. Erstaunlich: Diese Prophezeiung begleitet Radio und Fernsehen gleichermaßen. Sie alle würden dahinsiechen, so die Weissagung, weil das Netz die Information übernommen habe. Eine ewige Diskussion um Ausspielwege und Internetpräsenzen, Bezahlschranken und dergleichen mehr. Dabei ist die Zeitung seit der Entstehung elektronischer Medien immer noch die Referenz für Recherchen von Radio- und Fernsehjournalisten.
Bevor die Reporter-, Redaktions- oder Moderationsschicht beginnt, lesen Journalisten Zeitungen. Heute eher auf dem Laptop als auf Papier, aber die Zeitung bleibt das Medium mit der notwendigen Substanz für alle Vorbereitungen. Hochachtung vor den Kollegen aus den Printmedien gehört bis heute in Radio- und TV-Stuben zum journalistischen Selbstverständnis.
Seltsame Berufslaufbahn
Und so nahm meine seltsame Berufslaufbahn ihre logische Schlusswendung. Vor zehn Jahren starb die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Ich hatte sie, eine betagte Dame, einige Monate zuvor mit dem Mikrofon besuchen dürfen und gestaltete im Kulturradio den Nachruf. Philipp Peyman Engel, damals Kulturredakteur der Jüdischen Allgemeinen, rief an. Ob ich diesen Text, länger und ausführlicher, auch für seine Zeitung schreiben könne?
Bevor die Reporter-, Redaktions- oder Moderationsschicht beginnt, lesen Journalisten Zeitungen.
Was dann geschah, bewegt mich bis heute. Einen Herzenstext das erste Mal auf gedrucktem Papier zu lesen, das ist ein verblüffender Unterschied zu den sich verflüchtigenden Ätherwellen des Radios oder den Schnipseln des Fernsehens. 23 Zeilen hatte mein Kommentar in den ARD-Tagesthemen umfasst. Hier durfte ich 150, gar 200 Zeilen schreiben, 8000 Zeichen. Welch ein Luxus!
Endlich länger beobachten, nachdenken, beschreiben, über Formulierungen sinnieren. Und am Donnerstag zum Kiosk gehen, gespannt sein auf das Layout des Textes, auf die Fotos, die der Bildredakteur ausgesucht hat, noch mal nachlesen, was mich, wie dieser Text, meist einige Tage lang beschäftigt hat.
Siegfried Kracauer hat in seinem Roman Georg jenen Moment beschrieben, als der Protagonist zum ersten Mal sein Manuskript in der Zeitung liest. »Der eigene Text in der Zeitung sieht im Druck so aus wie eine gute Hausbekannte, die man bei einem Fest zum ersten Mal im Glanz der Abendtoilette erblickt.« Kracauers Zeiten sind vorbei, wer liest noch eine Zeitung in der U-Bahn? Ein Magazin im Bus? Online ersetzt das Papier, das Tablet die Druckausgabe.
Dennoch, vielleicht dem Alter geschuldet, erlebe ich donnerstags Kracauers kleine Glanzmomente, wenn die Druckausgabe der Jüdischen Allgemeinen erscheint und in Berlin-Charlottenburg verfügbar ist in unseren Zeitungsläden. Über 100-mal konnte ich über Kafka und Lanzmann, die Einsamkeit Israels als Nation, über Konzerte, Filme, Kulturpolitik, Bücher und eine Katze im jüdischen Altersheim schreiben. Frei nach Heinrich Heine zieht jedes Mal ein kleiner Stolz leise durch mein Gemüt.