Was hat der israelische Kulturminister gegen den Film The Sea? Wer eine Antwort auf die Frage sucht, was den wohl größten israelischen Kulturskandal des vergangenen Jahres ausgelöst hat, findet sie beim 32. Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg (JFBB). Der Film des israelischen Regisseurs Shai Carmeli-Pollack (auf Hebräisch HaJam, auf Arabisch Al-Bahr) wird dort gezeigt – wie insgesamt etwa 60 Spiel- und Dokumentarfilme noch bis Sonntag dieser Woche. Nachdem The Sea im September 2025 in Tel Aviv mit fünf Ophir Awards, den israelischen Oscars, ausgezeichnet worden war, hatte Israels Kulturminister Miki Zohar mitgeteilt, in Zukunft werde die Preisverleihung vom Staat nicht mehr gefördert.
Am Puls der Zeit: Was in Israel heiß diskutiert wird, greift das JFBB auf. Wie auch den Kurzfilm Butcher’s Stain von Meyer Levinson-Blount, der für einen Oscar nominiert war. Der 26 Minuten lange Streifen über einen arabischen Israeli, der als Metzger in einem israelischen Supermarkt arbeitet und nach dem 7. Oktober 2023 verdächtigt wird, im Pausenraum Plakate der Geiseln abgerissen zu haben, läuft in der Programmreihe »The Other Israel«. (Der israelische Kulturminister mochte übrigens auch diesen Film nicht.)
Bei der neuen Reihe des JFBB stünden »komplexe Realitäten israelischer und palästinensischer Gesellschaften jenseits vereinfachter Narrative und politischen Lagerdenkens« im Mittelpunkt der Filmauswahl, teilte das Festival mit. »The Other Israel« ist eine Kooperation mit dem bereits 2007 gegründeten »Other Israel Film Festival« in New York.
»In Zeiten von Polarisierung und Boykott ist es entscheidend, differenzierte Perspektiven sichtbar zu machen«, wurde der Geschäftsführer des US-Festivals, Isaac Zablocki, zitiert. Die Reihe, unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung, soll einen Raum für Dialog bieten.
Auffallend: Viele Filme, so der Eindruck, drehen sich in diesem Jahr um Kinder und Jugendliche. Im Spielfilmwettbewerb treten elf Produktionen gegeneinander an, darunter ein Film, den einige mit Spannung erwarten werden: Andor Hirsch von László Nemes, dessen Oscar-prämiertes Schoa-Drama Son of Saul (2015) ebenfalls beim JFBB gezeigt wird, und zwar in dessen Sektion »Kino Fermished«, das sich das Motto »Bunt gemischt mit Genrevielfalt« auf die Fahnen geschrieben hat.
Gezeigt wird auch der neue Spielfilm »Andor Hirsch« von László Nemes.
Andor Hirsch erzählt von einem Jungen im Ungarn der Nachkriegszeit (Bojtorján Barabas), der bei seiner alleinstehenden Mutter (Hermina Fátyol) aufwächst und glaubt, Sohn eines im Krieg verschwundenen Juden zu sein, bis ein Metzger (Grégory Gadebois) auftaucht und behauptet, in Wahrheit sei er Hirschs Vater. Das 133 Minuten lange Werk, leider überfrachtet durch allzu »perfekte« Bilder des kriegszerstörten Budapest und eine detailverliebte Inszenierung, ist der dritte Spielfilm von László Nemes und kommt am 14. Mai in die deutschen Kinos.
Eher konventionell erzählt, dafür emotional packender ist der Spielfilm Book of Ruth der israelischen Filmemacher Esty Shushan. Die Mutter von vier Kindern und politische Aktivistin, die sich dafür einsetzt, dass auch Frauen auf Wahllisten ultraorthodoxer Parteien berücksichtigt werden, erzählt in ihrem Film die Geschichte eines jungen charedischen Paars in Israel, dessen erster Sohn auf dem Weg zum Kindergarten tragisch verunglückt.
Während Shmuel (Aury Alby) sich mit religiösen Erklärungen tröstet und einen Sinn im Leiden sucht, setzt die selbstbewusste Ruth (Meshi Kleinstein) durch, ihren Führerschein machen zu dürfen, um »unsere nächsten Kinder« selbst in die Kita zu bringen. Und auch auf orientalische Popmusik will sie nicht verzichten. Ein interessanter Einblick in die Konflikte von Frauen, die gleichzeitig an der charedischen Tradition festhalten und für ihre Rechte kämpfen.
Auszeichnung für Kamerafrau Maayane Bouhnik
Und wer ihn bei der Berlinale verpasst hat: Auch Where To? von Assaf Machnes konkurriert um den Spielfilmpreis des JFBB. Ausgezeichnet wurde das Kammerspiel um den palästinensischen Taxifahrer Hassan (Ehab Salami), der einen schwulen Israeli (Ido Tako) in Berlin zu Partys und wieder nach Hause bringt, bereits bei der Eröffnung des Filmfestivals am Dienstagabend in Potsdam. Die Kamerafrau Maayane Bouhnik erhielt für ihre Arbeit in Where To? den Preis des JFBB zur Förderung des filmischen Nachwuchses – überreicht wurde er von der Regisseurin und Schauspielerin Maria Schrader.
Auch die Politprominenz fehlte nicht: Bei der Eröffnungsgala im fast vollbesetzten Hanns Otto Theater, moderiert von Shelly Kupferberg, wurden die Gäste unter anderem vom brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) begrüßt. JFBB-Programmdirektorin Lea Wohl von Haselberg sagte, an diesem Abend wolle man das Kino feiern als das, was es sein könne: »Eine Einladung zum Nachdenken (…), zum gemeinsamen Erlebnis, zur Empathie und immer auch als Korrektiv gegen Vereinfachungen.«
Facettenreiches Kurzfilmprogramm
Nach den Reden gab es für das Publikum einen ersten Einblick in das facettenreiche Kurzfilmprogramm »Nosh Nosh«: ein jüdischer Konvertit, der sich von einem muslimischen Arzt beschneiden lässt (Snipped von Alexander Saul); ein grantiger Heimbewohner, der am Ende seines Lebens eine unerwartete Freundschaft mit einem Barmizwa-Jungen schließt (Beshert von Lewis Rose); eine religiöse jüdische Familie in Israel, die heimlich am Freitagabend fernsieht (The Holiness von Daniel Moreshet); und eine israelische Großmutter, die als junge Frau im Kibbuz beinahe zu einer Abtreibung gezwungen wurde – ein Trauma, das die Enkelin Ayala Sharot in ihrem Animationsfilm No Witches In The Valley aufgreift. Vier kurze, starke Filme, über die beim anschließenden Empfang intensiv diskutiert wurde.
Kurzfilme drehen sich um ein Kibbuz-Trauma, eine Barmizwa und heimliches Fernsehen am Schabbat.
An diesem Freitagabend werden der beste Spielfilm und der beste Dokumentarfilm (neun Kandidaten gibt es in dieser Sektion) ausgezeichnet. Die Preise sind nach der Berliner Kinolegende Gershon Klein (1920–1999) benannt. Zudem gibt es einen Preis zur Förderung des interkulturellen Dialogs. Schirmherr des Festivals ist Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos). Besonders erwähnenswert ist in diesem Jahr die Reihe »Nordic Jewish Focus« mit Filmen aus Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden über jüdische Erfahrung und Gegenwart.
Um zur Anfangsfrage zurückzukehren: Was hat Israels Kulturminister gegen The Sea? Der preisgekrönte israelische Spielfilm dreht sich um Khaled (Muhammad Gazawi), einen zwölfjährigen palästinensischen Jungen, der in der Nähe von Ramallah lebt und sich seit Langem auf einen Schulausflug ans Mittelmeer freut.
Ein palästinensischer Junge mit einem Schnorchel im Gepäck
Aus Gründen, die das Drehbuch nicht erklärt, weisen ihn israelische Soldaten an einem Checkpoint zurück, als sie den Bus mit der Schulklasse kontrollieren. Der rebellische Khaled aber will auf seinen Traum vom Meer nicht verzichten: Mit einem Schnorchel im Gepäck überquert er illegal die grüne Grenze zwischen dem Westjordanland und Israel. Bis der Junge, der kein Hebräisch versteht, allein durch Tel Aviv irrt, während sein Vater (Khalifa Natour), der ohne Aufenthaltsgenehmigung auf einer Baustelle in Israel arbeitet, seinen Arbeitsplatz verlässt und verzweifelt nach seinem verschwundenen Sohn sucht.
Filme über den Alltag, lokale Geschichten hätten es derzeit schwer – gefragt seien Blut, Bomben und Raketen, hatte Baher Agbariya vergangenes Jahr beim JFBB gesagt, als er den Trailer von The Sea vorstellte. Da konnte der israelisch-palästinensische Producer noch nicht wissen, dass der Likud-Politiker Miki Zohar ausgerechnet diesen Spielfilm als »Echo des Narrativs unserer Feinde« einstufen würde, »während unsere Soldaten an der Front kämpfen«.
Oder ist The Sea vielleicht einfach nur ein Versuch, auch die Menschen auf der anderen Seite zu verstehen? Wie immer im Kino liegt das Urteil im Auge des Betrachters.
Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg findet bis diesen Sonntag in Berlin und Potsdam statt.