Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Im Londoner Viertel Golders Green waren am Mittwoch zwei jüdische Männer von einem aus dem Sudan stammenden Briten niedergestochen worden. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Es gibt Momente, in denen die Geografie der Angst verschwimmt. Diese Woche war so ein Moment. In Golders Green, im Herzen des jüdischen London, wurden zwei Juden auf offener Straße von Essa Suleiman, einem aus dem Sudan stammenden Briten niedergestochen. Einfach so. Am helllichten Tag.

Für diejenigen, die Golders Green nicht kennen: Es ist nicht einfach nur ein Postleitzahlenbereich. Es ist ein Lebensnerv. Es ist das Viertel, in dem man in der Schlange beim koscheren Bäcker steht, in dem Familien ihre Einkäufe für den Schabbat erledigen, in dem jüdisches Leben so selbstverständlich zum Straßenbild gehört wie die roten Doppeldeckerbusse.

Wenn dort Menschen angegriffen werden, während sie Lebensmittel einkaufen, dann ist das kein »isoliertes Ereignis«. Es ist ein frontaler Angriff auf unsere gesamte Lebensweise. Denn der wöchentliche Gang zum koscheren Metzger oder koscheren Bäcker ist keine Nebensächlichkeit – er ist Teil unserer jüdischen Identität. Und wenn dieser Raum schrumpft, haben wir als freie Gesellschaft einen Teil von dem, der unsere Demokratie ausmacht, bereits verloren.

Die Illusion der Sicherheit

Natürlich höre ich sie schon wieder, die Stimmen der Beschwichtiger hierzulande. »Das ist London«, werden sie sagen. »So etwas kann bei uns nicht passieren.« Doch diese Arroganz ist nicht nur gefährlich, sie ist blind gegenüber der Realität, die sich längst vor unserer Haustür abspielt.

Wer am 29. April die aktuelle Folge des BR-Formats »Klar« zum Thema Islamismus gesehen hat, dem dürfte das Frühstück im Hals stecken geblieben sein. Die Dokumentation des Bayerischen Rundfunks zeichnet ein erschreckendes Bild einer Jugend in Deutschland, die die Scharia offen über das Grundgesetz stellt. Wir reden hier nicht von einer kleinen, marginalisierten Gruppe im Hinterhof. Wir reden von einer Generation, bei der die Saat des radikalen politischen Islam aufgegangen ist.

Und lassen wir uns nicht täuschen: Das ist nicht das Ergebnis einer »gescheiterten Integration«. Integration setzt voraus, dass beide Seiten ein Ziel haben. Was wir hier sehen, ist das Resultat einer über Jahrzehnte verfehlten Migrationspolitik, die bewusst weggesehen hat, wenn fundamentale Werte erodierten. Es ist eine Politik, die Warnungen als »rechtspopulistisch« diffamiert hat, während in den Klassenzimmern der Respekt vor westlichen Werten systematisch demontiert wurde.

Von Neukölln bis in den Gerichtssaal

Besonders bitter ist der krampfhafte Versuch der Politik und der Justiz, dieses Problem zu ignorieren oder – schlimmer noch – die Täter zu schützen, während die Opfer im Stich gelassen werden. Schauen wir nach Berlin-Neukölln. Dort herrscht oft eine Täter-Opfer-Umkehr, die sprachlos macht. Wenn Angriffe auf Juden oder Polizisten mit »soziokulturellen Hintergründen« entschuldigt werden, ist das ein Schlag ins Gesicht der Rechtsstaatlichkeit.

Allzu oft enden Verfahren wegen antisemitischer Gewalt mit Freisprüchen oder lächerlichen Bewährungsstrafen. Das Signal, das davon ausgeht, ist fatal: Wer im Namen einer radikalen Ideologie zuschlägt, hat in diesem Land wenig zu befürchten.

Dabei geschieht diese Radikalisierung nicht im luftleeren Raum. Sie findet mitten unter uns statt. Viele Moscheen, die massiv aus dem Ausland finanziert werden, predigen eine Form des Islams, die mit einer offenen, demokratischen Gesellschaft unvereinbar ist.

Die schleichende Unterwanderung

Darüber hinaus haben Länder wie Katar über Jahrzehnte hinweg Milliarden investiert – nicht nur in Fußballvereine, sondern in unsere Bildungseinrichtungen. Von Universitäten bis hin zu Kindergärten wurde unser System unterwandert. Es ist ein »Long Game«, das nun Früchte trägt. Wir erleben heute Sozialarbeiter, die junge Mädchen aktiv dazu ermutigen, sich zu verschleiern, und das Fasten während des Ramadans als moralische Überlegenheit stilisieren.

In den Schulen beginnt die religiöse Intoleranz oft schon beim Pausenbrot. Wenn jüdische Kinder oder auch nicht-muslimische Kinder gemobbt werden, weil sie ein Wurstbrötchen essen, und Lehrer aus Angst vor Eskalation wegschauen, dann haben wir die Kontrolle über unsere Wertebereiche verloren. Diese Intoleranz endet nicht am Schultor – sie setzt sich fort, bis sie ganze Stadtteile dominiert, in denen man sich als Jude zweimal überlegt, ob man die Kippa trägt.

Wenn die Orte der Begegnung verschwinden

Besonders sichtbar – und schmerzhaft – wird dieser Rückzug im öffentlichen Raum. Jüdische Cafés und Restaurants, die eigentlich für Austausch und Toleranz stehen sollten, geraten immer stärker unter Druck. Das Beispiel des Lokals »Gila & Nancy« in Berlin-Mitte ist eine Schande für die Hauptstadt. Wenn ein jüdisches Lokal aufgeben muss, weil der Hass im Umfeld unerträglich wird, ist das ein Verlust für uns alle.

Oder blicken wir nach München, auf das israelische Restaurant »Eclipse«. Die Bestürzung nach den dortigen Attacken war groß, doch die Konsequenzen? Minimal. Es ist ein Muster: Ein Angriff geschieht, die Politik äußert »tiefste Besorgnis«, und dann geht man zur Tagesordnung über, während der Wirt die Scherben aufliest.

Das Schweigen der »Lauten«

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Die Anzahl antisemitischer Straftaten steigt seit Jahren kontinuierlich an. Laut dem Mediendienst Integration erleben wir einen traurigen Höchststand. Doch was am meisten erschüttert, sind nicht nur die Statistiken. Es ist das selektive Schweigen.

Wo sind all die lautstarken Aktivisten, die sonst bei jeder Gelegenheit »Haltung zeigen«? Wo sind die Verbände, die bei jeder anderen Form von Diskriminierung sofort Lichterketten organisieren? Wenn es um Antisemitismus geht, der aus einer bestimmten religiös-ideologischen Ecke kommt, wird es plötzlich sehr still. Man möchte das mühsam gepflegte Weltbild nicht durch unbequeme Wahrheiten stören.

Diese Lippenbekenntnisse bei Gedenkveranstaltungen sind wohlfeil. Doch wer bei den täglichen Angriffen, bei der Radikalisierung in den Schulen und bei der Unterwanderung unserer Institutionen schweigt, macht sich mitschuldig.

Wir haben ein Problem. Es ist groß, es ist hausgemacht und es verschwindet nicht durch Wegsehen. Golders Green ist näher, als viele glauben. Es ist Zeit, dass wir aufhören, uns in die Tasche zu lügen, und anfangen, unsere Werte und unsere Menschen mit der nötigen Härte des Rechtsstaates zu verteidigen. Bevor die letzten Lichter jüdischen Lebens in unseren Städten ausgehen.

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