Nein, er heißt nur so. Und ob es verwandtschaftliche Verhältnisse zu dem weltberühmten Staatsphilosophen gleichen Namens gibt, darüber kann nur spekuliert werden. Die Rede ist von dem Journalisten Karl Marx, geboren 1897 in Saarlouis, der ebenso wie sein Namensvetter einer jüdischen Familie entstammte, die seit vielen Generationen in der Region um Trier und im Elsass lebte.
Beide mussten Deutschland verlassen: Der 1818 geborene Karl Marx emigrierte aufgrund der rigiden preußischen Zensurbestimmungen zuerst nach Frankreich und später nach Großbritannien. Bei dem anderen Karl Marx ging es hingegen ums nackte Überleben, weil in Deutschland mittlerweile die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten. Auch er fand Schutz in Großbritannien.
Eher ambivalente bis ablehnende Haltung
Damit hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf. Während der erste Karl Marx zu seinem Judentum eine eher ambivalente bis ablehnende Haltung einnahm, sodass er sogar zum Protestantismus konvertierte, hatte der zweite zeit seines Lebens eine sehr enge Bindung zum Land seiner Herkunft und verstand sich stets als stolzer Jude.
Auch sollte Karl Marx eins bis zu seinem Tod nie wieder nach Deutschland reisen. Karl Marx zwei aber beschloss nach Kriegsende, in seine alte Heimat zurückzukehren, wo er sich nicht nur als Publizist die nächsten zwei Jahrzehnte für einen Neuanfang jüdischen Lebens in Deutschland einsetzte, sondern ebenfalls zu einer gewichtigen Stimme der jüdischen Nachkriegsgemeinschaft werden sollte.
Ein für Presselizensen zuständiger britischer Offizier bat Marx, den Job zu übernehmen.
In Düsseldorf übernahm Karl Marx im Herbst 1946 das wenige Monate zuvor gegründete »Jüdische Gemeindeblatt für die Rheinprovinz und Westfalen«, da er von den Briten zum Lizenzträger, so die offizielle Bezeichnung, für jüdische Zeitungen ernannt wurde. Seit einer Sonderausgabe vom 15. September 1946 wird er als Herausgeber genannt.
Dabei sei das keine Selbstverständlichkeit gewesen, betont die Historikerin Andrea Sinn in ihrem BuchJüdische Politik und Presse in der frühen Bundesrepublik. Denn die britischen Besatzungsbehörden hatten oftmals massive Bedenken, wenn es um Remigranten in der Presse ging. Sie könnten politisch problematisch sein, so die Befürchtung. Trotzdem erschien damals, so erinnerte sich später Lilli Marx, selbst eine aus Deutschland geflohene Jüdin, die 1944 Karl Marx im Exil in Großbritannien kennengelernt und 1947 geheiratet hatte, ein für Presselizenzen zuständiger britischer Offizier und bat ihren Mann, den Job zu übernehmen.
Mangelnde praktische Erfahrung im Bereich der Herstellung
»Weder in den persönlichen Aufzeichnungen von Lilli Marx noch in mit ihr geführten Interviews finden sich weitere Angaben zu möglichen Gründen, warum Karl Marx für diese Position ausgewählt wurde«, schreibt Sinn. »Sie äußerte lediglich, dass die mangelnde praktische Erfahrung ihres Mannes im Bereich der Herstellung einer der Hauptgründe gewesen sei, warum er zum Zeitpunkt seiner Rückkehr nicht von sich aus darüber nachgedacht habe, eine Zeitung zu machen, und das Angebot im Herbst 1946 ›eher widerwillig‹ annahm.« Laut Lilli Marx aber war der britische Verantwortliche selbst ein Jude, der aus Österreich stammte.
Mit dem neuen Herausgeber kam auch die erste Namensänderung. Fortan hieß es »Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone«. Man wolle eine »wirklich jüdische Zeitung« sein und »alle Juden zu Wort kommen lassen«, so Marx im ersten Beitrag, den er in dieser Funktion schrieb. »Wir haben eine schwere Arbeit vor uns, und wir wollen, soweit das einer Zeitung möglich ist, allen Lesern gerecht werden.« Um das zu leisten, arbeiteten Lilli und Karl Marx Hand in Hand, er schrieb die Texte, sie sorgte als Geschäftsführerin dafür, dass der Laden lief und das Gemeindeblatt sich entwickelte – für die damalige Zeit ein unkonventionelles Tandem im Medienbetrieb.
Bereits 1947 zeigte sich, dass das alles ein Drahtseilakt werden konnte, und zwar am Beispiel der Berichterstattung über die »Exodus«, jenes legendäre Schiff, das die Blockade Palästinas durchbrechen sollte und von den Briten geentert wurde, woraufhin die jüdischen Flüchtlinge an Bord, zumeist Schoa-Überlebende, ausgerechnet nach Hamburg deportiert wurden. In seinen Artikeln dazu vermied Karl Marx, der ihre Ausschiffung in der Hansestadt vor Ort als Journalist begleitet hatte, trotz des Entsetzens in der jüdischen Welt über das britische Vorgehen eine allzu offene Kritik am Umgang Londons mit den Menschen auf der »Exodus« – wohl wissend, dass die britischen Besatzungsbehörden dem »Jüdischen Gemeindeblatt« ansonsten Ungemach hätten bereiten können.
Unterschiede zwischen Remigranten und in westlichen Besatzungszonen gestrandete DPs
In diesen Jahren zeigten sich gleichfalls die Unterschiede zwischen Remigranten wie Karl Marx und jenen in den westlichen Besatzungszonen gestrandeten Displaced Persons, die aus Osteuropa kamen. Die einen wollten den Neuanfang jüdischen Lebens in Deutschland, die anderen wollten einfach nur weg und weiter nach Israel oder in die USA. Die Historikerin Sinn zitiert Lilli Marx, die von diesen unterschiedlichen Auffassungen zwischen ihrem Mann und den DPs zu berichten wusste. »Wie können Sie nur in Deutschland leben?«, lautete der Vorwurf, den das Ehepaar oft zu hören bekam. Sie blieben, genauso wie einige wenige Tausend der jüdischen DPs, im Land der Täter.
Antworten, warum Karl Marx so kurz nach der Schoa an eine jüdische Zukunft in Deutschland glaubte, finden sich womöglich in seiner Biografie. So berichtet er 1962 in einem Interview mit dem WDR von einem Schlüsselerlebnis in seiner Jugend, das »die Grundlage meiner künftigen Weltanschauung bildete«: In seine Klasse kam damals ein schwarzer Junge aus der deutschen Kolonie Kamerun, neben den sich keiner seiner Mitschüler setzen wollte, weil ihre Eltern dagegen waren.
»Ich bat meinen Klassenlehrer, mir doch zu erlauben, neben diesem Jungen zu sitzen. Daraus ergab sich eine Freundschaft, zunächst zwischen ihm und mir, und dann zwischen beinahe der ganzen Klasse und mir.« Das Eis war gebrochen, und die Herkunft einer Person spielte plötzlich keine Rolle mehr, berichtet Karl Marx. Diese Erfahrung, etwas durch Eigeninitiative grundlegend verändern zu können, sei ebenfalls ausschlaggebend für sein späteres politisches Engagement in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewesen, der übrigens auch ein anderer prominenter jüdischer Journalist angehörte, und zwar Theodor Wolff.
Die Generation bestens assimilierter und konservativer deutscher Juden
Aber auch anderes erfährt man in diesem Gespräch, und zwar eine Menge über die Generation bestens assimilierter und konservativer deutscher Juden, für die Karl Marx Pars pro Toto steht. »Entsprechend meiner Erziehung« meldete er sich am 2. August 1914 als Kriegsfreiwilliger zur Armee, nahm »an sämtlichen großen Schlachten in Frankreich« teil, war in Verdun sowie Flandern und wurde 1917 nach Italien verlegt. »Ich war ein großer Patriot, ich meldete mich nach einigen Verwundungen immer wieder freiwillig zur Front.«
Dort wurde er dann mit den Folgen des Einsatzes von Giftgas konfrontiert, was zu einem radikalen Umdenken führte: Aus dem deutsch-jüdischen Patrioten wurde ein erklärter Kriegsgegner mit einer ausgeprägten Aversion gegen Feinde einer freien Gesellschaft. Schon am 5. März 1933 verließ Karl Marx gemeinsam mit etwa 30 anderen Journalisten Deutschland, und zwar »nicht aus Angst« – schließlich war er als Kriegsteilnehmer zu Beginn der Naziherrschaft noch halbwegs privilegiert, sondern »weil wir uns weigerten, in einem Staat, in dem es eine Diktatur gibt, sei sie von rechts oder links, zu leben.«
Ein Meilenstein war das Interview, das er mit Konrad Adenauer führte.
Nach Krieg und Rückkehr sollte Karl Marx mehr als nur Journalist und Herausgeber einer jüdischen Zeitung sein. So gehörte er zu jenem kleinen Kreis von Personen, die die zwischen der jungen Bundesrepublik und dem gerade gegründeten Staat Israel »herrschende Sprachlosigkeit«, so der Historiker Constantin Goschler, zu überwinden halfen, indem sie die Möglichkeit direkter Gespräche ausloteten.
Ein Meilenstein zu dem, was später als erster Schritt unter der Bezeichnung »Luxemburger Abkommen« 1952 unter Dach und Fach gebracht wurde, war zweifellos das Interview, das Karl Marx im November 1949 persönlich mit Konrad Adenauer geführt hatte und in seiner nun »Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung für Deutschland« heißenden Zeitung veröffentlicht hatte. Er gab damit dem Bundeskanzler die Gelegenheit, die nach seiner ersten Regierungserklärung geäußerten Vorwürfe, er hätte zwar viel von deutschen Kriegsgeschädigten gesprochen, aber kein Wort zu den Verfolgten des Naziregimes verloren, zu entkräften. Adenauer erklärte in dem Interview die Absicht, an Juden begangene Verbrechen »wiedergutzumachen«.
These von der Kollektivschuld der Deutschen
Warum Adenauer in diesem Kontext mit der »Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung« sprach, lag unter anderem daran, dass Bundespräsident Theodor Heuss und Karl Marx sich noch aus den Zeiten der Weimarer Republik kannten – beide waren in der DDP aktiv – und er auch deshalb dem Bundeskanzler als Gesprächspartner nahegelegt wurde. Es mag aber ebenfalls der Tatsache geschuldet sein, dass Adenauer und der jüdische Journalist beide der These von der Kollektivschuld der Deutschen widersprachen, was es erleichterte, den Faden aufzunehmen.
Fakt aber ist: Karl Marx war eine bestens vernetzte Größe im Politikbetrieb der jungen Bonner Republik und blieb es bis zu seinem Tod 1966. Welches Bild wiederum die jüdische Öffentlichkeit von ihm damals hatte, bringt Harry Maor in seiner Dissertation über den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden nach 1965 auf den Punkt: »So wurde Karl Marx, der verdienstvolle Herausgeber der ›Allgemeinen Wochenzeitung‹ u. a. als ›Präsident der Juden in Deutschland‹ bezeichnet.« Nicht das schlechteste Kompliment für einen Journalisten.