Presse

Laut und deutlich

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»Welterregung über die deutschen Progrome« (sic!), so titelte am 18. November 1938 die in Tel Aviv erscheinende deutschsprachige Wochenzeitung »Press-Echo« (Hed HaItonut).

»Durch die Progrombarbareien (sic!), zu denen es die nationalsozialistischen Kulturträger vor den Augen der entsetzten Welt nun glücklich gebracht haben«, so der nicht namentlich gezeichnete Leitartikel der Jeckes-Zeitung, »ist die Dringlichkeit des jüdischen Auswanderungsproblems, das für Hunderttausende von Juden zu einer Frage des nackten Lebens geworden ist, der Welt in seiner ganzen Stärke erneut zum Bewusstsein gebracht.«

Der Artikel über die Pogromnacht vom 9./10. November ging kaum auf die konkreten Zerstörungs- und Mordtaten des Naziregimes ein und beschäftigte sich vor allem mit deren Folgen für den Jischuw.

Erscheinungsverbot für jüdische Presseorgane ab dem 10. November 1938

Zu diesem Zeitpunkt war die jüdische Presse in Deutschland bereits zum Schweigen verdammt. Im Zuge der Novemberpogrome wurden auch die jüdischen Presseerzeugnisse verboten, darunter die auflagenstarke »C.V.-Zeitung« des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mit zuletzt immerhin 40.000 verkauften Exemplaren sowie das »Israelitische Familienblatt« oder auch die zionistische »Jüdische Rundschau«, beide mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren. Sie alle durften ab dem 10. November 1938 nicht mehr erscheinen.

Die Nationalsozialisten nahmen der jüdischen Gemeinschaft damit die Möglichkeit, sich in dieser schweren Stunde zu Wort zu melden, Gerechtigkeit einzufordern und einander Trost zu spenden. Jüdinnen und Juden sollten zu passiven Opfern gemacht werden, mit denen Staat und Mob nach Belieben verfahren konnten.

Die Herausgeber, Redakteure und Autoren wurden außer Landes getrieben oder in der Schoa ermordet. Alfred Hirschberg, letzter Chefredakteur der »C.V.-Zeitung«, entkam 1940 nach Brasilien, seine Stellvertreterin Margarete Edelheim war bereits im April 1938 nach New York emigiriert und wurde durch Ernst G. Löwenthal ersetzt, der wiederum 1939 ins Exil nach London ging. Der letzte Herausgeber der »Jüdischen Rundschau«, Robert Weltsch, entkam bereits vor der Pogromnacht nach Palästina, vertreten wurde er von dem Sozialisten Kurt Löwenstein, der 1939 in Paris einem Herzinfarkt erlag.

Auch der Chefredakteur des »Israelitischen Familienblattes«, Leo Kreindler, der im November 1938 zugleich für das Berliner »Jüdische Nachrichtenblatt« in derselben Funktion tätig war, starb an einem Herzinfarkt. Als er 1942 als Leiter der Wohlfahrtsabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland von SS-Obersturmbannführer Alois Brunner darüber informiert wurde, dass seine Kollegin und Freundin Hannah Karminski nach Auschwitz deportiert werden würde, versetzte ihm dies einen tödlichen Stoß.

Nach 1945 war es unmöglich, an das rege Pressewesen der Zeit vor 1933 anzuknüpfen.

Nach 1945 war es mithin unmöglich, an das rege Pressewesen der Weimarer Zeit anzuknüpfen. Die einst blühenden Gemeinden existierten nicht mehr. Dennoch zählte die Herausgabe von Zeitungen und Zeitschriften trotz Papiermangels zu den ersten Projekten der Überlebenden in den DP-Camps in der amerikanischen und britischen Besatzungszone. Schon im Juli 1945 erschien in München der »DP Express«, im Oktober desselben Jahres folgte die Landsberger »Lager-Cajtung«. Im Lager Zeilsheim wurde zeitgleich die Zeitung »Unterwegs« ins Leben gerufen.

Jiddischsprachige Druckerzeugnisse wurden anfangs zum Teil behelfsmäßig mit lateinischen Lettern gesetzt

Dienten diese anfangs zum Teil behelfsmäßig mit lateinischen Lettern gesetzten jiddischsprachigen Druckerzeugnisse vor allem dem Informationsaustausch, so wurde die DP-Presse schon bald sehr vielfältig. Neben der Suche nach Familienangehörigen, den Neuigkeiten über Emigrationsrouten und Visaverordnungen sowie der Auseinandersetzung mit Problemen des Lageralltags entstanden Beiträge zur jüdischen Literatur, Meldungen über Sportereignisse und Erfahrungsberichte aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Das jüdische Zeitungswesen spiegelte die religiösen, sozialen, politischen und kulturellen Interessen der bis zu 250.000 Jüdinnen und Juden wider, die sich zwischen 1945 und 1956 vorübergehend in Deutschland aufhielten.

Fast alle Displaced Persons beabsichtigen, Deutschland so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Sie sahen die Camps lediglich als Zwischenstation auf dem Weg nach Palästina oder Nordamerika. Mitte und Ende der 50er-Jahre wurden die letzten Camps, deren Zeitungen schon längst wieder eingestellt worden waren, aufgelöst. Zurück blieben diejenigen, die zu alt oder zu krank für die Ausreise waren oder aus anderen Gründen ihren derzeitigen Aufenthaltsort nicht verlassen konnten.

In München, wo zahlreiche der »Dagebliebenen« nach der Auflösung der Camps strandeten, erschien seit 1950 und noch bis 1974 die »Naye Yidishe Tsaytung«, parallel dazu gab der aus Polen stammende Journalist Moses Lustig von 1951 bis 1976 die deutschsprachigen »Münchner Jüdischen Nachrichten« heraus. Diese Zweisprachigkeit war ein Ausdruck der Zusammensetzung der Nachkriegsgemeinde, die von Münchner Juden wiedergegründet worden war, deren Mitglieder aber einen mehrheitlich osteuropäischen Hintergrund hatten.

Ein tiefgreifender Einschnitt in der jüdischen Zeitungsgeschichte der Nachkriegszeit war zweifellos die Gründung der »Jüdischen Allgemeinen« als erstes überregionales, später bundesdeutsches Periodikum. 1946 in der Britischen Zone unter dem Titel »Jüdisches Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen« gegründet, trat der überregionale Repräsentationsanspruch unter Karl Marx, der seit 1948 Herausgeber und Chefredakteur der wenig später in »Allgemeine Wochenzeitung für Juden in Deutschland« umbenannten Zeitung wurde und dieses Doppelamt bis zu seinem Tod 1966 bekleidete, in den Vordergrund.

Etwa zeitgleich mit dem Gemeindeblatt aus der britischen Zone war auch im amerikanischen Sektor Berlins 1946 eine neue deutschsprachige Zeitung entstanden, nämlich das Presseorgan der neu gegründeten jüdischen Gemeinde unter dem Namen »Der Weg – Zeitschrift für Fragen des Judentums«.

Anspruch von Karl Marx auf eine Gesamtrepräsentation der jüdischen Leserschaft in Deutschland

Seit 1949 erschien das Blatt, das immerhin eine Auflage von 10.000 Exemplaren hatte, infolge der Auswanderung des Herausgebers Hans-Erich Fabian und des Chefredakteurs Richard May als Berliner Beilage der »Allgemeinen Wochenzeitung für Juden in Deutschland«, ab 1953 wurde es vollständig in diese integriert. Das unterstrich den Anspruch von Marx auf eine Gesamtrepräsentation der jüdischen Leserschaft in Deutschland. Immer wieder änderte die Zeitung ihren Namen, erst seit 2002 heißt sie so wie heute: »Jüdische Allgemeine«.

All diese Namensvarianten seit 1949 zeigen, dass sich die »Jüdische Allgemeine« nicht so sehr als Nachfolgerin der DP-Zeitungen sah, sondern sich ganz bewusst in die liberale Tradition des 19. Jahrhunderts stellte. Von 1837 bis 1922 war in Leipzig, später in Berlin die »Allgemeine Zeitung des Judenthums« erschienen, die sich im Untertitel »Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse in Betreff von Politik, Religion, Literatur, Geschichte, Sprachkunde und Belletristik« nannte. Sie war ein typisches Produkt des Zeitungsbooms des 19. Jahrhunderts, das an seinem Ende über 3500 verschiedene Zeitungen in Deutschland zählte.

Die Liberalisierung der Zensur, neue Druckmethoden und Distributionswege, nicht zuletzt die Gründung von Nachrichtenagenturen und die Aufhebung des staatlichen Anzeigenmonopols führten zu einer ungeahnten Vielfalt an Periodika.

Ende des 19. Jahrhunderts produzierten alle religiösen Richtungen, von liberal bis orthodox, ihre eigenen Zeitungen

Das galt damals auch für die jüdische Presse: Alle religiösen Richtungen, von liberal bis orthodox, produzierten ihre eigenen Zeitungen. Es gab wissenschaftliche und populäre Zeitschriften, solche über Literatur und solche über Politik, und natürlich gründeten auch die einzelnen Gemeinden, Berufsverbände und Vereine ihre eigenen Mitteilungsblätter. Gerade zwischen den liberalen und orthodoxen Stimmen wurden die Konflikte in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit großer Polemik ausgefochten. Die »Allgemeine Zeitung des Judenthums«, von dem gemäßigt-liberalen Rabbiner Ludwig Philippson gegründet und mehr als ein halbes Jahrhundert lang von ihm redigiert, formulierte den Anspruch, die Interessen aller jüdischen Leser zu bedienen.

Das mag ihr nicht immer gelungen sein, aber durch das häufige, zunächst zweiwöchentliche, dann wöchentliche Erscheinen über einen sehr langen Zeitraum hinweg nahm sie schnell eine führende Rolle auf dem jüdischen Zeitungsmarkt ein. Sie unterhielt ein weitverzweigtes internationales Korrespondentennetzwerk und übersetzte Meldungen aus jüdischen Zeitungen aus aller Welt. Dieser internationale Charakter, der das deutsche Judentum mit den Juden in der gesamten Diaspora verband, wurde zu einem Markenzeichen des Blattes.

Je mehr Juden sich wieder zu Hause fühlten, desto größer wurde der Wunsch nach einem Austausch.

Erst Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, am 28. April 1922, verkündete der Verlag, die Zeitung werde nach mehr als acht Jahrzehnten eingestellt und in die neu aufgesetzte und bereits eingangs erwähnte C.V.-Zeitung überführt. Die nannte sich im Untertitel nun nicht mehr »überparteilich«, sondern »Blätter für Deutschtum und Judentum«. Die politische Interessenvereinigung, die sie nun herausgab, war der Central-Verein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens.

Auch wenn der heutige Zentralrat der Juden in Deutschland als Dachverband der jüdischen Gemeinden einen anderen Charakter und Zweck hat als der C.V., ist die Ähnlichkeit des Namens ebenso wenig ein Zufall wie der Name der von ihm seit 1973 herausgegebenen »Jüdischen Allgemeinen«. Das Konzept des »deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens« schien nach der Schoa ein für allemal gescheitert; die meisten »Juden in Deutschland« sahen ihren Aufenthalt im Land der Täter in der Nachkriegszeit als vorübergehend an.

Aber je mehr sich diese Existenz verstetigte, je mehr sich Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder zu Hause fühlten, desto dringender wünschten sie sich ein eigenes Forum für den Austausch über die drängenden Fragen der Zeit. Der große Erfolg der Vorläufer der »Jüdischen Allgemeinen« hatte darin gelegen, Debatten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft anzustoßen und einen Raum dafür zu eröffnen. Dies gelingt auch der »Jüdischen Allgemeinen« immer wieder aufs Neue. Vor allem ist sie aber eine kraftvolle, deutlich vernehmbare Stimme im öffentlichen deutschen Diskurs geworden. Damit stellt sie auch eine Form des Widerstands gegen den Versuch dar, Juden zum Schweigen zu bringen.

Der Autor ist Assistenzprofessor für Jüdische Geschichte Österreichs an der Universität Wien und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten.

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