Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Die Skulptur eines Minen-Opfers auf Krücken steht am Erwin-Rommel-Denkmal. Die Skulptur soll an die Kriegsopfer erinnern und das umstrittene Denkmal des Generalfeldmarschalls der Wehrmacht ergänzen. Foto: picture alliance/dpa

Wenn berichtet wird, dass es in der Bundeswehr zwei Kasernen gibt, die nach dem Generalfeldmarschall der Wehrmacht, Erwin Rommel, benannt sind, gibt es erstaunte und betroffene Gesichter. Oft lautet dann die Frage: »Wirklich«? Antwort muss lauten: »Ja, wirklich. Eine in Dornstadt und die andere in Augustdorf.« Ralph Giordano kämpfte in seinem im Jahre 2000 erschienen Buch »Die Traditionslüge« gegen die Benennung von Kasernen nach Rommel unter Hinweis auf seine Verbrechen im Rahmen des Afrikafeldzuges. Der von der Nazi-Propaganda und in Nachkriegsfilmen zum »Wüstenfuchs« verklärte Rommel plante mit seinen Soldaten über Ägypten in nach Palästina weiterzumarschieren.

Geplant war dabei ebenfalls die Vernichtung der zu dieser Zeit rund 400.000 in Palästina lebenden Juden, und zwar in Kooperation mit einem prominenten Nazi-Kollaborateur, dem Mufti von Jerusalem Hadsch Amin al-Husseini. Eine eigene SS-Spezialeinheit wurde zusammengestellt und wartete unter dem Befehl von Walther Rauff, Erfinder der »Gaswagen«, in Griechenland darauf, im Falle eines Sieges über die englische Armee diese durchzuführen.

Feldmarschall Erwin Rommel inspiziert 1944 die Verteidigungsanlagen des Atlantikwalls in Vichy-Frankreich.Foto: picture alliance / Mary Evans

»Es kann kaum Zweifel bestehen: Sollte Palästina von den Nazis überrannt werden, wird das Schicksal der Juden dieses Landes in nichts anderem als der vollständigen Vernichtung bestehen«, schrieb damals Mosche Schertok, Leiter der politischen Abteilung der Jewish Agency. Dass die SS-Spezialeinheit sowie Rauff, der nach 1945 nach Syrien floh, nicht zum Einsatz kamen, lag daran, dass das angeblich militärische Genie Rommel durch die englische Armee zum Rückzug gezwungen wurde.

Es soll auch nicht vergessen werden, dass die italienisch und deutsche Luftwaffe im Rahmen der Vorbereitung des Afrikafeldzuges Tel-Aviv und Haifa schon am 8. September 1940 und ein weiteres Mal am 12. Juni 1941 bombardierten. An die 157 Opfer dieser Angriffe erinnert in Tel Aviv an der Kreuzung Ben-Zion-Boulevard-King George Street ein Mahnmal.

Dafür bedeutete der von Rommel seit Februar 1941 in Afrika geführte Feldzug für die Juden vor Ort Verfolgung, Raub und Zwangsarbeit. Allein in Tunesien wurden rund 5000 Juden für den Bau von Straßen und Verteidigungsanlagen eingesetzt, viele starben dabei. Etwa 30 Arbeitslager wurden errichtet. Rauff selbst erschien dort und erpresste mit der Drohung, Geiseln zu erschießen, von jüdischen Gemeinden Schmuck und Edelmetalle, allein auf der Insel Djerba knapp 50 Kilo Gold. All das geschah zur Unterstützung des Afrikafeldzuges des Generals Erwin Rommel. Und unter seinen Augen.

In der Nachkriegszeit sorgten dann die »alten Kameraden« Rommels für eine Fortsetzung seiner Verehrung.

Als der Hitler-Verbündete Mussolini gestürzt wurde, Pietro Badoglio Regierungschef wurde und Italien die Seiten wechselte, gab der »ritterliche« Erwin Rommel am 23. September den berüchtigten kriegsverbrecherischen Befehl heraus, der auch von Giordano zitiert wird:

»Irgendwelche sentimentalen Hemmungen des deutschen Soldaten gegenüber badogliohörigen Banden in Uniform des ehemaligen Waffenkameraden sind völlig unangebracht. Wer gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt, das plötzlich seine Waffen gegen seinen Freund wendet. Diese Auffassungen müssen schleunigst Allgemeingut der deutschen Truppen werden.«

Und seine Soldaten handelten entsprechend, wie Berichte und die Statistik der massakrierten und ermordeten Tausenden italienischen Partisanen und Soldaten zeigen.

Auch wenn nicht noch im Einzelnen auf die Zusammenarbeit Rommels nach dem Ersten Weltkrieg mit den völkischen Freicorps, auf seine Befürwortung des Röhm-Putsches oder seine Beteiligung an den Einmarsch in Österreich, Tschechoslowakei, Polen und Frankreich ebenso wenig eingegangen werden kann – der Afrikafeldzug allein müsste doch genügen, meinte Giordano, damit die 1961 vom damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß nach dem »Wüstenfuchs« benannten Kasernen umbenannt würden. Giordano irrte sich, der Namen blieb.

Baden-Württemberg, Herrlingen: Erwin Rommels letzter Wohnort liegt heute in der »Erwin-Rommel-Steige«. Foto: picture alliance / Stefan Puchner/dpa

Der Joker, der stets gezogen wurde, war Rommels angebliche Nähe oder gar Beteiligung am Putschversuch des 20. Juli 1944. Tatsächlich wurde Rommel anschließend von Hitler unter größter Geheimhaltung zum Suizid gezwungen und daraufhin in der Nazi-Durchhaltepropaganda als großer militärischer Held geehrt. Was die Diskussionen rund um seine Nähe zu den Attentätern vom 20. Juli 1944 angeht: Diese sind im Grunde irrelevant. Denn eine mögliche Beteiligung kann ja anerkannt werden, tilgt aber nicht die Schuld an den vorangegangenen Verbrechen, vor allem in Nordafrika.

In der Nachkriegszeit sorgten dann die »alten Kameraden« Rommels, seine Frau Lucie Maria und sein Sohn Erwin für eine Fortsetzung der Rommel-Verehrung. Unter ihrer Beteiligung erschien eine Biografie nach der anderen. Zudem kamen Filme auf den Markt wie »Das war unser Rommel«, der dann aufwendig beworben nicht nur im Libanon, sondern auch in Ägypten mit Frau Rommel auf Einladung des ägyptischen Präsidenten Mohammed Nagib im Juni 1954 gezeigt wurde, und zwar - in Anwesenheit des Muftis von Jerusalem, wie die Presse berichtete. Kein Wunder, gab es doch in Ägypten viel untergetauchte »alte Kameraden«.

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Ein Lenkwaffen-Zerstörer der Bundesmarine wurde 1969 nach Rommel benannt. Ebenso zahlreiche Straßen in der Bundesrepublik sowie die Erwin-Rommel Stiege in Herrlingen nahe Ulm, seinem Wohnort ab Herbst 1943. Wie eine lokale Initiative erforschte und belegte, war die Villa der Rommels vor ihrem Einzug ein jüdisches Altersheim. Die meisten seiner Bewohner wurden deportiert und ermordet. So wurde Wohnraum frei, und nach ein paar Umbauten konnte der Generalfeldmarschall mitsamt seiner Familie fürstlich in der heutigen Erwin-Rommel-Stiege 13 wohnen. An Rommel wird erinnert, an die dort Ermordeten sehr lange Zeit überhaupt nicht!

Nachtrag: Auch 2017 wurde erneut im Verteidigungsministerium entschieden, die nach Rommel benannten Kasernen nicht umzubenennen.

Der Autor leitete an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main bis 2018 die Forschungsstelle NS-Pädagogik.

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