Sonthofen, die südlichste Stadt Deutschlands, liegt am Rand der bayerischen Alpen. Auf einem Hügel im Ort steht eine ehemalige Ordensburg der NSDAP, bis 1945 Ausbildungsstätte der Parteielite. Seit 1956 wird sie von der Bundeswehr genutzt. Ein paar Straßen weiter liegt die »Jägerkaserne«, erbaut 1936 für die Gebirgstruppe der Wehrmacht, heute eine »ABC-Abwehrschule«. Hier ist Leutnant Levi L. stationiert, einer von geschätzten 300 jüdischen Soldaten in den deutschen Streitkräften.
»Die Geschichte dieses Ortes kann ich natürlich nicht ignorieren«, sagt der 33-Jährige. Sonthofen ist untrennbar mit der Schoa verbunden, dem Versuch, die europäischen Juden samt seinen eigenen Vorfahren zu vernichten. »Die Bundeswehr steht aber nicht in der Tradition des Nationalsozialismus.« Für Levi L. ist es die Armee eines freiheitlichen und demokratischen Deutschlands. Die alte NS-Ordensburg, merkt er an, heißt heute Generaloberst-Beck-Kaserne, benannt nach einem der Beteiligten am Putschversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1944. »Das ist eine Gleichzeitigkeit, die man aushalten muss.« Levi L. hält sie aus.
Die alte NS-Ordensburg heißt heute Generaloberst-Beck-Kaserne, benannt nach einem der Beteiligten am Putschversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1
Der studierte Biologe kam 2024 als Quereinsteiger zur Bundeswehr. Da er in einem sensiblen Bereich arbeitet, darf sein richtiger Name nicht genannt werden. Levi L., so sein selbst gewähltes Pseudonym, ist in Estland geboren und kam mit seiner Familie als jüdischer »Kontingentflüchtling« Anfang der 90er‑Jahre nach Deutschland. Zwei seiner Urgroßväter sind als Rotarmisten im Kampf gegen die Nazis gefallen. Acht Jahrzehnte später sagt Levi L.: »Ich bin jüdischer Deutscher.« Und als solcher wolle er sein Land und das, wofür es steht, verteidigen.
Ein Jude, der Offizier in der Bundeswehr ist. Lange galt das in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands als etwas Unerhörtes, ein Tabu. Die Bundeswehr wurde 1955 gegründet, nur zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem die Wehrmacht instrumental für die Ermordung von sechs Millionen Juden und andere Verbrechen gewesen ist. Die neue westdeutsche Armee war zwar Teil der Nato und verpflichtete sich demokratischen Werten. Doch in personeller Hinsicht gab es mehr Kontinuität als Bruch: Fast alle der knapp 15.000 Offiziere der jungen Bundeswehr hatten zuvor in der Wehrmacht gedient, etwa 300 waren in der Waffen‑SS gewesen.
Ein Jude in der Bundeswehr galt in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands als etwas Unerhörtes, ein Tabu
Die kleine jüdische Gemeinschaft der frühen Bundesrepublik bestand überwiegend aus Überlebenden der Konzentrationslager und einigen aus dem Exil Zurückgekehrten. Damals war kaum vorstellbar, dass sie oder ihre Kinder jemals wieder in einer deutschen Armee dienen würden. Das mussten sie auch nicht. Für vom NS verfolgte Juden und ihre Nachfahren gab es eine Ausnahmeregelung: Bis zur Aussetzung der Wehrpflicht 2011 konnten sie sich von dieser befreien lassen.
Josef Schuster plädiert für eine Neubewertung der Bundeswehr.
»Wir reden hier über eine ganz andere Zeit als heute«, sagt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Seit dem Ende des Nationalsozialismus habe es »tiefgreifende Veränderungen« in Deutschland gegeben. Schuster ist 1954 in Haifa geboren und zog als Kleinkind mit seinen Eltern nach Würzburg, wo diese bis zu ihrer Flucht vor den Nazis bereits gelebt hatten. Als Zentralratspräsident plädiert er nun für eine Neubewertung des Verhältnisses der Juden zur Bundeswehr.
In einem Gastbeitrag für die Jüdische Allgemeine vom November 2025 schrieb er, dass für die Juden im Land die Zeit gekommen sei, sich eine Frage zu stellen: »Wo stehen wir heute, 80 Jahre nach der NS‑Herrschaft?« Schusters Antwort: An der Seite eines demokratischen Deutschlands, in dem Juden gleichberechtigte Bürger sind, und seiner Armee, die diese Werte verteidigt. »Wenn die Situation es erfordert, dann müssen wir Juden als Gemeinschaft heute bereit sein, unseren Teil zu leisten.«
Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung in der Nachkriegsgeschichte: Der wichtigste Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft fordert, dass die Juden »ihren Teil« zur Verteidigung Deutschlands beitragen.
Einführung des Militärrabbinats im Jahr 2021
Eine Wegmarke in dieser Annäherung an die Bundeswehr war die Einführung des Militärrabbinats im Jahr 2021. Rabbiner Zsolt Balla wurde damals der erste jüdische Seelsorger in einer deutschen Armee seit über 100 Jahren. Er nennt seine Aufgabe »ein Privileg« und sieht sie als eine Chance, dazu beizutragen »dass Deutschland auf der richtigen Seite der Geschichte bleibt«. Balla kam Anfang der 2000er‑Jahre als junger Mann nach Deutschland, wo er zum Rabbiner ausgebildet wurde. In seinem Heimatland Ungarn wurden zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung von Deutschen und ihren lokalen Helfern ermordet. Seine Mutter überlebte.
Heute hätten Juden in Deutschland »mit allen Chancen und Herausforderungen ein gutes Leben«, sagt Rabbiner Balla. »Wir müssen unseren Beitrag zum Erhalt dieser Gesellschaft leisten.« Auch er sieht ein Umdenken in der jüdischen Gemeinschaft in Bezug auf die Bundeswehr. Es gibt zwar keine offizielle Erhebung jüdischer Soldaten in der deutschen Armee, sondern nur eine grobe Schätzung. Nach dem Eindruck Ballas nimmt die Zahl aber zu.
Vor allem die Juden mit Wurzeln in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hätten ein anderes, positiveres Verhältnis zum Militär. Sie machen 90 Prozent der Gemeinschaft aus, seit etwa 200.000 von ihnen nach dem Ende des Kalten Krieges als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen. »Ihre Vorfahren haben oft in der Roten Armee gekämpft«, so Balla. Außerdem hätten sie einen besonderen familiären und emotionalen Bezug zum Ukrainekrieg.
»Zeitenwende«
Nach der russischen Vollinvasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 prägte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) den Begriff der »Zeitenwende«. Nach Jahrzehnten des Friedens müsse sich nun auch Deutschland auf neue Bedrohungen einstellen – und aufrüsten. Es folgte eine drastische Erhöhung des Militärhaushalts. Die Bundeswehr soll von derzeit 186.000 aktiven Soldaten auf über 260.000 anwachsen. Ab 2027 gilt daher eine Musterungspflicht für alle jungen Männer. Der Wehrdienst bleibt zunächst freiwillig, könnte aber laut Bundesregierung wieder zur Pflicht werden, wenn sich anders nicht genug Soldaten finden lassen.
Anna Zhukovets befürwortet die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Sie verstand sich lange als Pazifistin, doch durch die russische Invasion in die Ukraine hat sich ihre Haltung »radikal gewandelt«, sagt die Journalistin. Heute sei sie »klar für eine Entstigmatisierung der Bundeswehr«. Zhukovets kam 2002 als jüdischer Kontingentflüchtling mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie ist 1997 in Mariupol geboren, wo ihre Familie über Generationen hinweg gelebt hat. Ihre Urgroßmutter Eugenia Fleischmacher war Sanitäterin in der Roten Armee und wurde später Chefärztin der Entbindungsklinik in Mariupol, in der auch Zhukovets zur Welt kam. Das Krankenhaus liegt heute in Trümmern. So wie der größte Teil der Stadt wurde es in der Anfangsphase des Krieges von der russischen Armee zerstört.
Wiedereinführung der Wehrpflicht
Für den Fernsehsender »arte« berichtet Zhukovets immer wieder aus ihrem Geburtsland und hat regelmäßig Kontakt mit ukrainischen Soldaten. Deren Erfahrungen prägen auch ihre Perspektive. »Russland versteht nur die Sprache der Stärke«, sagt sie. Dass das viele in Deutschland nicht verstünden, hält sie für gefährlich. Unter russischer Besatzung würden »unsere Freiheit, unsere Würde und unsere Menschenrechte« verloren gehen, ist Zhukovets überzeugt. »Gerade weil ich ukrainisch und jüdisch bin, sehe ich in einer starken, demokratischen Bundeswehr den besten Schutz vor dieser Bedrohung.«
Nicht alle jungen Juden in Deutschland sehen das so. »Ich wäre nie zur Bundeswehr gegangen«, sagt Daniel S. »Mir fehlt die positive Identifikation mit diesem Land«, so der Anfang 30‑Jährige. »Meine Vorfahren wurden von Deutschen verfolgt, und ich habe hier selbst Antisemitismus erlebt.« Nach dem Abitur ging er nach Israel, um dort den dreijährigen Militärdienst in der Armee (IDF) zu absolvieren. Mittlerweile lebt er wieder in Deutschland, wo er sich in einem jüdischen Studierendenverband engagiert. Um nicht zum Ziel israelfeindlicher Aktivisten zu werden, will er anonym bleiben.
Nicht alle jungen Juden vertrauen den deutschen Streitkräften.
Daniel S. beobachtet, dass sich insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 und dem damit verbundenen Anstieg des Antisemitismus mehr deutsche Juden als zuvor dafür entscheiden, zur IDF zu gehen. Gegen die Bundeswehr, glaubt er, gebe es dagegen nach wie vor viele Vorbehalte. Deren Abkehr von der Wehrmacht hält Daniel S. für ein »Lippenbekenntnis« und verweist darauf, dass es in Deutschland zwei nach dem Befehlshaber des Deutschen Afrikakorps Erwin Rommel benannte Kasernen gibt. Rommel wurde von Hitler nach dem Attentat des 20. Juli 1944 der Mittäterschaft beschuldigt und zum Selbstmord gezwungen. »Doch zuvor waren durch seine Eroberungen Tausende nordafrikanische Juden in die Fänge der Nationalsozialisten geraten«, sagt Daniel S. »Dass die Bundeswehr Rommel für traditionsbildend hält, ist ein Skandal.«
Ron Dekel spricht qua Amt für die jungen jüdischen Erwachsenen in Deutschland. Der 23‑Jährige ist Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und sagt: »Der Ukrainekrieg hat die Wahrnehmung junger Juden auf die Bundeswehr verändert.« Viele würden einsehen, dass Deutschland aufrüsten müsse. Gleichzeitig bleibe die Frage heikel, ob man als Jude in der Bundeswehr dienen solle. »Gerade diejenigen, deren Vorfahren von Deutschen ermordet wurden, können sich das auch heute noch nur schwer vorstellen«, sagt Dekel. Jeder rechtsextreme Vorfall in der Bundeswehr lasse Juden zudem daran zweifeln, dass sie dort gut aufgehoben wären.
Bundeswehr und Rechtsextremismus
Die aktuellsten Zahlen des Bundesverteidigungsministeriums liegen für 2024 vor, und sie zeigen, dass das Problem zunimmt. Fast 100 Soldaten wurden in diesem Jahr wegen rechtsextremer Umtriebe entlassen, 17-mal konnte nachgewiesen werden, dass Bundeswehrangehörige einen Hitlergruß gezeigt hatten. Insgesamt gab es 280 rechtsextremistische Verdachtsfälle in der Truppe, 30 Prozent mehr als im Vorjahr.
»Und was wäre, wenn die AfD irgendwann an der Regierung ist und den Verteidigungsminister stellt?«, fragt Dekel. Für Juden wäre es unzumutbar, unter diesen Bedingungen in der Armee zu dienen. Für ihn steht fest: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat einigen Grund, der Bundeswehr zu misstrauen. »Sollte die Wehrpflicht wieder eingeführt werden, muss es für Juden die Möglichkeit geben, einen zivilen Ersatzdienst zu leisten«, fordert Dekel. Eine Pflicht, zur Bundeswehr zu gehen, dürfe es für sie auch in Zukunft nicht geben.
Der Soldat Levi L. kann nachvollziehen, dass nicht alle Juden seinen Blick auf das deutsche Militär teilen. Auch er hält die Fortführung der Ausnahme für die Nachfahren von NS‑Verfolgten für sinnvoll. Und er sagt: »Rechtsextreme Vorfälle in der Bundeswehr sind ein reales Problem.« Doch es sei ein Problem, dem er nicht aus dem Weg gehen wolle. Als Offizier wird er einmal anderen Soldaten vorgesetzt sein. Er sieht das als Chance, einen Unterschied zu machen. »Ich habe diesen Beruf gewählt, damit es weniger Rechtsextreme in der Bundeswehr gibt«, sagt Levi L.