Ron Dekel, Sie sind am Donnerstag auf der Straße angepöbelt worden. Ein Video davon haben inzwischen hunderttausende Menschen gesehen. Was ist genau passiert?
Ich war gemeinsam mit einem weiteren Mitglied der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands im Bundestag, um über Antisemitismus zu sprechen. Auf dem Weg zurück, mitten im Regierungsviertel, ist ein Auto mit lauter Musik an uns herangefahren und hat uns quasi im Schritttempo verfolgt. Darin saßen zwei junge Frauen. Die Fahrerin schrie »Free Palestine« und »Fuck Israel« und zeigte uns den Mittelfinger.
Haben Sie den Fall angezeigt?
Ja, mein Begleiter hat Anzeige erstattet, und ich habe das Video auch auf Instagram gepostet, wo es dann sehr viele Reaktionen ausgelöst hat. Mir haben auch Personen aus dem Umfeld der Fahrerin geschrieben, mich beleidigt und mir gedroht, ich solle das Video löschen. Schließlich wurde das Video wohl so oft gemeldet, dass die Plattform es selbst gelöscht hat.
Bei den Drohnachrichten ist es nicht geblieben.
Genau. Am Samstag habe ich an einer Veranstaltung in einer jüdischen Gemeinde teilgenommen. Dann beschlossen wir, einen Spaziergang zu machen. Als wir die Synagoge verließen, kam eine Frau auf mich zu und rief, ich solle das Video löschen. Dass sie mich an einem völlig anderen Ort aufsuchte, hat mich überrumpelt, und ich habe erst später verstanden, dass es sich bei der Frau um die Fahrerin handeln musste, die uns zwei Tage zuvor angepöbelt hatte. Ich habe mir das Video dann noch einmal angesehen und bin mir inzwischen sicher, dass es die gleiche Person war.
War sie allein?
Nein, im Hintergrund standen ein paar junge Männer an einem Auto, die offenbar mit ihr vor der Synagoge gewartet hatten. Ich bin danach nicht mehr zurück zur Synagoge gegangen, doch meine Freunde, die nach einem ausgiebigen Spaziergang dorthin zurückkehrten, sagten mir, dass die Frau immer noch im Café gegenüber saß, von dem aus man den Eingang der Gemeinde beobachten kann. Sie kam dann auch dorthin und versuchte, das Wachpersonal zu überzeugen, sie ins Gebäude zu lassen. Der anwesende Rabbiner hat das beobachtet und schließlich darum gebeten, die Frau von der Gemeinde fernzuhalten.
Wie erklären Sie sich, dass die Frau womöglich wusste, wo Sie sich aufhielten?
Das ist mir ein Rätsel und verunsichert mich natürlich. Unser Büro ist in der Gegend, und ich laufe dort oft entlang – fast immer im Pulli der Studierendenunion und mit Kippa. Vielleicht hat mich schon vorher dort jemand beobachtet, der sie kannte. Das ist aber alles nur Spekulation. Ich habe den Fall zur Anzeige gebracht und hoffe, dass die Polizei dahingehend ermittelt. Sicher fühle ich mich gerade aber nicht mehr. Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, schaue ich mich ständig um.
Wie oft erleben Sie solche Anfeindungen?
Ich habe Anfang des Jahres begonnen, offen Kippa zu tragen. Seitdem geschieht dauernd etwas. An diesem Samstag zum Beispiel bin ich nach dem Zwischenfall vor der Synagoge auf unserem Spaziergang von Passanten antisemitisch beleidigt worden. Den Großteil der Vorfälle kann ich nicht dokumentieren. Meist rufen die Leute im Vorbeigehen etwas. Das Video von dem Vorfall am Donnerstag ist, glaube ich, auch deshalb viral gegangen, weil es ein seltener Beweis dafür ist, was für uns Alltag ist. Weil uns das Auto vorher bestimmt eine Minute verfolgte, konnte ich die Situation filmen. Ich tat das auch, um mich selbst zu schützen. Seit ich Kippa trage, bin ich in so einem grundlegenden Selbstverteidigungsmodus.
Warum haben Sie trotz der Gefahren beschlossen, Kippa zu tragen?
Das hat viele Gründe. Sie hat für mich eine religiöse Bedeutung. Aber es hat auch an meinem Gerechtigkeitsempfinden gekratzt, dass Juden in Deutschland 2026 geraten wird, sich nicht mehr sichtbar zu zeigen. Ich will mich nicht verstecken. Und es gibt inzwischen eine ganze Reihe junger Juden, die das auch nicht mehr wollen und offen jüdische Symbole tragen.
Das Gespräch mit dem Präsidenten der Jüdischen Studierenden Union Deutschlands führte Mascha Malburg.
Der Jüdischen Allgemeinen liegt ein Video des Vorfalls vom Donnerstag vor. Sie hat mit mehreren Zeugen gesprochen, die sowohl den Vorfall am Donnerstag als auch am Samstag miterlebt haben und Details bestätigen.