Tausende ultraorthodoxe Demonstranten haben am Donnerstagabend wichtige Verkehrsadern in Zentralisrael blockiert und für stundenlange Behinderungen gesorgt. Betroffen waren unter anderem die Autobahnen 1, 4 und 6 sowie die Ayalon-Schnellstraße in Tel Aviv. Auch der Bahnverkehr wurde zeitweise unterbrochen, nachdem Demonstranten Gleise besetzt hatten. Israelische Medien berichteten.
Die Proteste richteten sich gegen die Festnahme von 19 Wehrdienstverweigerern aus der ultraorthodoxen Gemeinschaft. Die Männer waren nach Ausschreitungen vor dem Haus des stellvertretenden Präsidenten des Obersten Gerichts, Noam Sohlberg, festgenommen und anschließend an die Armee übergeben worden. Organisiert wurden die Demonstrationen von der radikalen Jerusalem-Fraktion, einer Gruppierung mit rund 60.000 Anhängern.
Nach Angaben von Rettungskräften wurden mindestens zwei Demonstranten verletzt. Ein 93-jähriger Mann erlitt bei einem Vorfall an der Geha-Kreuzung nahe Bnei Brak eine Kopfverletzung und wurde in mittelschwerem bis schwerem Zustand ins Krankenhaus gebracht. Ein weiterer junger Mann wurde an einer Kreuzung weiter südlich auf der Route 4 von einem Fahrzeug erfasst und ebenfalls verletzt.
Aus Angst beschleunigt
Für zusätzliche Spannungen sorgte ein Vorfall, bei dem eine Autofahrerin nach Medienberichten in eine Gruppe von Demonstranten gefahren sein soll. Die Frau meldete sich später selbst bei der Polizei. Sie habe angegeben, beschimpft worden zu sein und dass Demonstranten Steine auf ihr Fahrzeug geworfen hätten. Aus Angst habe sie beschleunigt und die Menschenmenge durchfahren. Die Polizei leitete Ermittlungen ein.
Die Aktionen trafen den Berufs- und Freizeitverkehr in einer Region, die ohnehin mit außergewöhnlich hohem Verkehrsaufkommen gerechnet hatte. Zahlreiche Besucher waren auf dem Weg zu Konzerten populärer israelischer Musiker in Ramat Gan, Tel Aviv und Petach Tikwa. Hunderte Bahnreisende mussten ihre Fahrt vorzeitig am Flughafen Ben Gurion beenden, nachdem Demonstranten die Gleise betreten hatten.
Nach rund zwei Stunden wurden die Straßen wieder freigegeben. Vertreter der Jerusalem-Fraktion erklärten, die Teilnehmer hätten »die Anweisung erhalten, sich zu zerstreuen«.
Streit über die Wehrpflicht
Die Polizei hatte sich bereits im Vorfeld auf die Proteste vorbereitet. Der Verkehrsdienst sei »mit verstärkten Kräften und einer breiten Einsatzaufstellung vorbereitet, angesichts der Erwartung einer großen Zahl von Großveranstaltungen und Protesten heute in der Zentralregion«, zitierte Sender Kanal 12 die Behörde. Man werde »die Ausübung des Protestrechts ermöglichen, aber keine Störung der öffentlichen Ordnung, keine Angriffe auf Polizeibeamte und keine Gefährdung der Sicherheit von Verkehrsteilnehmern zulassen«.
Videoaufnahmen zeigten wiederholt Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Einige Teilnehmer trugen gelbe Sterne mit der Aufschrift »Deserteur« – eine Anspielung auf die Kennzeichnung von Juden durch die Nationalsozialisten während des Holocaust.
Die Demonstrationen stehen im Zusammenhang mit dem anhaltenden Streit über die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Männer. Seit einem Urteil des Obersten Gerichts aus dem Jahr 2024 müssen auch Angehörige der Charedi-Gemeinschaft zum Militärdienst eingezogen werden. Angesichts des anhaltenden Krieges gegen die Hamas und weiterer Konflikte in der Region verweist die Armee regelmäßig auf einen akuten Personalmangel.
Gefährdung der religiösen Lebensweise
Führende Vertreter der ultraorthodoxen Gemeinschaft fordern dagegen weiterhin gesetzliche Ausnahmeregelungen. Sie argumentieren, der Militärdienst gefährde ihre religiöse Lebensweise. Stattdessen solle das Studium der Tora staatlich als gleichwertiger Dienst anerkannt werden.
In den vergangenen zwei Jahren verschickte die Armee Zehntausende Einberufungsbescheide an ultraorthodoxe Männer. Ein großer Teil der Empfänger ignorierte die Aufforderungen, wodurch zahlreiche junge Männer als Wehrdienstverweigerer eingestuft wurden. im