Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Bosnien-Herzegowinas Hauptstadt Sarajevo Foto: IMAGO/Pixsell

Einst eine große Bereicherung für die bundesrepublikanische Gesellschaft, ist die bosnische Gemeinschaft in Deutschland inzwischen zum Spiegelbild der Auseinandersetzungen in ihrem Heimatland geworden. Dabei gab es viele positive Entwicklungen, die eine Zukunft der gegenseitigen Toleranz und Vielfalt, wie sie im Sarajevo unter osmanischer Herrschaft sowie später im Königreich Jugoslawien üblich waren.

Sicher, es gab immer auch Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Dennoch ging die bosnische Hauptstadt in den Jahren nach der Unabhängigkeit in ihrer traditionellen Rolle als Hort der Toleranz auf. Sarajevo war eine Stadt, in der Muslime, Christen und Juden friedlich miteinander leben konnten, wenngleich die jüdische Gemeinde durch den Holocaust und die anschließende sozialistische Herrschaft eher klein war.

Zuvor hatte es 450 Jahre lang ein blühendes Leben jüdisches Leben in der Stadt gegeben. Aus Spanien geflohene sephardische Juden ließen sich ab dem 16. Jahrhundert im Osmanischen Reich nieder. Die sephardische Kultur mit ihrer eigenen Sprache Ladino brachte der Stadt den Beinamen »Jerusalem Europas« ein. Bekannt ist auch die im Nationalmuseum von Bosnien-Herzegowina aufbewahrte »Sarajevo-Haggada« aus dem späten 14. Jahrhundert, die ebenfalls aus Spanien auf den Balkan kam.

Durch die finanzielle und politische Unterstützung aus dem Nahen Osten, vor allem aus den Golfstaaten, für die Unabhängigkeitsbestrebungen Bosnien, kam in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aber auch der islamische Extremismus nach Bosnien. Obwohl es auf diplomatischer Ebene Schritte der Annäherung gegeben hatte, fällt der kleine Balkanstaat heute vermehrt durch antiisraelische Aktivitäten auf.

So wollte das Nationalmuseum des Landes die Einnahmen für die Haggada für Gaza spenden. Andere Vorfälle, die den unerfreulichen Vorgängen in Westeuropa ähneln, sind auch in Bosnien keine Seltenheit. Besonders traurig ist allerdings die fehlende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der Rolle des Muftis von Jerusalem und der Teilnahme tausender Bosnier an den Vernichtungsfeldzügen Nazi-Deutschlands und der Verfolgung von Serben und Juden.

Darstellung in der Sarajevo-Haggada aus dem 13. Jahrhundert<br>Foto: imago stock&people

Der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, war ein radikalislamischer, antisemitischer Nazi-Kollaborateur. Und er war einer der Gründerväter des palästinensisch-arabischen Nationalismus. Im Zweiten Weltkrieg unterstützte al-Husseini die Waffen-SS bei der Rekrutierung und Indoktrination zahlreicher bosnischer Muslime, die unter anderem in der berüchtigten Division »Handschar« kämpften. Er schmiedete eine muslimisch-nationalsozialistische Allianz gegen Juden, gegen die Alliierten und gegen jugoslawische Partisanen. Im Nationalsozialismus sah der Mufti einen wichtigen Bündnispartner gegen den Zionismus und die Errichtung einer jüdischen Heimstätte im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina.

Auch in Deutschland ist die bosnisch-muslimische Gemeinde zuletzt nicht mehr als Protagonistin von Toleranz und friedlichem Miteinander aufgetreten. Ein Beispiel: Noch vor wenigen Jahren wurde der SPD-Bundestagsabgeordnete Adis Ahmetović, der bosnische Wurzeln hat, aus der eigenen Community heraus für seine Solidarität mit dem Staat Israel und Jüdinnen und Juden scharf kritisiert und sogar bedroht. Mittlerweile ist der in Hannover geborene außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion zu einem Dreh- und Angelpunkt antiisraelischer Agitation innerhalb seiner Partei geworden.

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Regelmäßig ruft Ahmetovic nach harten Sanktionen gegen den jüdischen Staat. Unklar bleibt aber, woher sein plötzlicher Sinneswandel, seine Empathielosigkeit und sein fehlendes Verständnis für die israelische Seite und die Lage jüdischer Menschen in Deutschland kommen. Nun steht Ahmetovic nicht für das, was in Bosnien passiert. Aber ich frage mich: Ist der »Geist von Sarajevo« passé?

Möglicherweise ist das so. Jedoch unterscheidet sich die bosnische Community in Deutschland stark von der türkischen und der persischen Diaspora. Repräsentanten beider Gruppen suchen regelmäßig den Kontakt zu den hiesigen jüdischen Gemeinden, zum Zentralrat der Juden und zur israelischen Botschaft. Die Türkische Gemeinde in Deutschland hatte bei ihrer Jahreskonferenz sogar Michel Friedman als Redner zu Gast. Ein respektvoller Austausch ist also, bei allen Meinungsverschiedenheiten, möglich. Es steht zu hoffen, dass man sich dessen auch in der bosnischen Diaspora wieder bewusst wird.

Marc Benjamin Simon ist Gründer und Vorsitzender der Ülkümen-Sarfati Gesellschaft für türkisch-jüdische Zusammenarbeit.

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