Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

»Es ist ein bisschen gruselig, dass man in Deutschland einen Preis dafür bekommt, dass man als Künstler KEIN Antisemit ist«: Dieter Nuhr Foto: picture alliance/dpa

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst einmal sehr bedanken für diesen Preis. Ich erspare Ihnen die Aufzählung all derer, ohne die ich diesen Preis niemals … und so weiter … Die Betroffenen wissen Bescheid.

Ich bin stolz! Sehr stolz.

Ich habe schon ein paar Preise bekommen, aber dieser heute ist der, der mich am stolzesten macht. Und ich habe schon die Morenhovener Lupe bekommen und die Krefelder Krähe und die Bocholter Pepperoni und den Blauen Panther. Und ich glaube, der einzige Grund, warum ich noch nicht Preisträger der Baden-Badener Bakterie bin, ist, weil es diesen Preis noch nicht gibt, aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Aber dieser Preis hier ist etwas Besonderes. Weil er mir nicht als Komiker verliehen wird, sondern als Mensch, für meine Haltung, gegen Intoleranz, gegen Radikalismus, gegen Antisemitismus.

Und es ist ein bisschen gruselig, dass man in Deutschland einen Preis dafür bekommt, dass man als Künstler KEIN Antisemit ist … Und gerade hier in Berlin erscheint einem Antisemitismus in der Kultur manchmal als folkloristische Eigenart … Es ist grauenhaft.

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Ich war 1986 das erste Mal in Israel. Ich habe mich damals verliebt in das Land, und übrigens nicht nur in das Land, sondern auch in eine jemenitische Jüdin. Deren Vater allerdings eher mäßig begeistert war. Und ihr erklärte, dass er sie erschießen würde, wenn sie mit einem Deutschen ankommt.

Es war eine kurze Beziehung … Egal.

Uns Deutschen wurde damals in Israel nicht selten ungefragt das Handgelenk mit der KZ-Nummer zur Ansicht hingehalten. Und dann mussten wir uns irgendwie erklären. Was mir schwerfiel. Was sollte ich sagen? Was wäre da angemessen gewesen? Ich weiß es bis heute nicht.

Wir waren damals hippiemäßig drauf. Und Israel auch. Es war wunderbar, mit Leuten aus aller Herren Länder im Kibbuz mit Blick auf den See Genezareth zu sitzen.

Ich habe immer gedacht, die Tatsache, dass Israel der einzige Staat im Nahen Osten ist, in dem Frauen gleichberechtigt leben können, in dem Schwule feiern, in dem Menschen von überall her selbstbestimmt leben und arbeiten, allein schon das würde zu einer gewissen Sympathie von Kulturschaffenden für die einzige Demokratie im Kreis von mittelalterlichen Folter-Regimen führen.

Da war ich naiv.

Man muss kein Freund der aktuellen israelischen Regierung sein. Ich glaube zwar, dass es NICHT die vornehmste Aufgabe von Deutschen ist, Juden zu erklären, welche Regierung sie zu wählen haben. Oder wie diese Regierung gegen die vorgehen soll, deren dezidiertes Ziel die Vernichtung der Juden ist.

ABER: Wer gute Argumente hat, um die Regierung zu kritisieren – und die gibt es zweifelsfrei –, der darf das tun. Der ist selbstverständlich deswegen kein Antisemit!

Wir haben in den letzten 10 Jahren erlebt, wie eine 16-jährige Schulschwänzerin zur Ikone der Anti-Israel-Bewegung wurde.

ABER: Wenn Gaza zu weltweiter Erregung führt, während die Toten im Sudan, im Jemen, im Kongo, in Nigeria – und ich könnte endlos weiter aufzählen – keine großen Proteste auslösen, da fragt man sich doch: warum? Und die Antwort liegt auf der Hand: Weil Juden als Täter nicht infrage kommen. DAS ist Antisemitismus.

Antisemit ist, wer Juden am Betreten einer Universität hindert, weil sie Juden sind. Dass dies mitten in Berlin passiert, ist beschämend. Dass es auf der ganzen Welt passiert, ist erschütternd.

Antisemitismus ist, wenn die Ermordung Tausender Juden relativiert wird, indem man ihnen die Schuld an ihrer Ermordung selber zuweist. Indem man die Täter zu Opfern erklärt. Und die Schuld der Toten basiert darauf, Juden gewesen zu sein. Das ist Antisemitismus.

Dass Antisemitismus nicht nur bei Rechtsextremen, sondern auch unter Linken und Kulturschaffenden gefühlt eher die Regel als die Ausnahme ist, macht mich fassungslos. Es zeigt, dass ein großer Teil derer, die sich Antifaschisten nennen, heute keine Antifaschisten sind. Sondern im Gegenteil.

Und es ist KEIN Trost, dass das kein deutsches Phänomen mehr ist, sondern weltweit passiert. Es ist Wahnsinn.

Linker Antisemitismus hat in Deutschland Tradition. Die RAF ließ sich in den Terrorcamps der Palästinenser ausbilden. Viele westliche Linke waren begeistert von der islamistischen Revolution im Iran. Linke solidarisch mit der Hamas. Das ist eine Linie: Antifaschismus im Bündnis mit Antisemiten.

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Und dass große Teile der Linken diesen Widerspruch bis heute nicht bemerken, spricht nicht gerade für intellektuelle Tiefe. Aber die erwarte ich ehrlich gesagt auch nicht mehr an den politischen Rändern, rechts sowieso nicht, links auch nicht mehr …

Wir haben in den letzten 10 Jahren erlebt, wie eine 16-jährige Schulschwänzerin zur Ikone der Bewegung wurde. Keine intellektuelle Vordenkerin, sondern ein beleidigter Teenager, der zur Auserwählten stilisiert wurde. Kritik war dementsprechend Blasphemie. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Scherze über Greta Thunberg zu wüsten Reaktionen führen konnten.

Und als sie dann, offensichtlich benebelt von ihren Allmachtsphantasien, versuchte, den Nahen Osten mit dem Segelschiff zu erobern, war klar, dass es ihr nie ums Klima ging, sondern um einen amorphen Hass auf die freie Welt. So nannte man den Westen früher. Und bei aller Kritik, das ist er noch immer.

Und die Proteste gegen den Westen sind im Wesentlichen nicht rational, sie beruhen auf Hass. Der Verstand wird allzu oft vollständig ausgeschaltet.

Mit auf Gretas Boot: die Queers for Palestine. Queers for Palestine! Kann es noch geisteskranker werden? Wenn Queere sich mit denen solidarisieren, die sie sofort auf dem Marktplatz erschießen würden.

Der Irrsinn ist heute nicht mehr rechts oder links. Er ist gerecht verteilt …

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Vielleicht ist Irrsinn sogar das falsche Wort. Irrsinn klingt zu harmlos. Worum es geht, ist die Unfähigkeit, selbst zu denken. Hier verläuft eine Linie von der Aufklärung bis zu Hannah Arendt.

Wir erleben heute wieder, dass Menschen mitlaufen, sich offensichtlich gedankenlos einfügen in eine sich moralisch überlegen fühlende Menge. Und genau da entsteht der Raum, in dem sich das Böse entfaltet.

Und wir können nicht mehr tun als dagegenhalten, argumentieren - und Witze machen …

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen Preis bekommen würde, den schon Richard von Weizsäcker erhalten hat. Oder Angela Merkel! Die im Übrigen nie die Morenhovener Lupe bekommen hat. Und nicht einmal den Deutschen Comedypreis.

Vielleicht kommt das noch. Das geht mich aber Gott sei Dank nichts an.

Ich bedanke mich heute für den Leo-Baeck-Preis! Von ganzem Herzen!

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