Israelische Wissenschaftler haben eine bislang unbekannte Form der Virenabwehr bei Seeanemonen entdeckt. Die Forschungsergebnisse stellen eine langjährige Annahme über die Entwicklung tierischer Immunsysteme infrage und könnten nach Ansicht der Forscher künftig auch beim Schutz gefährdeter Korallenriffe helfen.
Ein Team der Hebräischen Universität Jerusalem arbeitete gemeinsam mit Forschern der University of North Carolina at Charlotte an der Untersuchung der Sternseeanemone (Nematostella vectensis). Dabei entdeckten die Wissenschaftler ein neuartiges Protein, das dem uralten Meerestier seit Hunderten Millionen Jahren dabei hilft, virale Angriffe abzuwehren.
Die Entdeckung geht auf die evolutionäre Trennung zwischen der Linie der Seeanemonen und jener der Menschen zurück, die vor rund 600 Millionen Jahren stattfand. Die Forscher fanden heraus, dass sich das Immunsystem der Tiere unabhängig entwickelt hat und nicht – wie bislang vielfach angenommen – auf dasselbe antivirale Grundsystem zurückgeht wie bei Menschen und anderen Tieren.
Protein und Rapperin
»Wir haben ein CARD-Protein gefunden – einen strukturellen Baustein, den wir CARDIB genannt haben. Es verhindert eine unnötige Immunreaktion, indem es an den Sensor für Viren bindet«, erklärte Studienleiter Ton Sharoni laut »Times of Israel«. Der Name CARDIB steht für »CARD Inhibitor Binding Protein«. Sharoni räumte ein, dass die Bezeichnung auch an die bekannte Rapperin Cardi B erinnert. Das sei jedoch lediglich ein »lustiger Bonus« gewesen, der den Namen einprägsamer mache.
Die Ergebnisse zeigen nach Ansicht der Forscher, dass die Evolution unterschiedliche Wege gefunden hat, um ähnliche biologische Probleme zu lösen. »Die Evolution hat verschiedene molekulare Lösungen entwickelt, um dieselbe biologische Herausforderung zu bewältigen«, sagte Sharoni.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution veröffentlicht.
Neue Hoffnung für Korallenriffe
Die Erkenntnisse könnten über die Erforschung von Seeanemonen hinaus Bedeutung haben. Seeanemonen gehören ebenso wie Korallen und Quallen zu den Nesseltieren und sind eng mit Korallen verwandt. Deshalb hoffen die Wissenschaftler, dass ihre Ergebnisse langfristig zum Schutz von Korallenriffen beitragen könnten.
»Etwa 30 Prozent des Lebens im Meer hängen von Korallen ab. Wenn Korallen sterben, sterben auch die Fische und wirbellosen Tiere, die von ihnen abhängig sind«, sagte Professor Yehu Moran von der Hebräischen Universität Jerusalem, der die Studie betreute. Auch er wurde von »The Times of Israel« zitiert.
Da Viren wahrscheinlich eine Rolle beim Niedergang von Korallen spielen, sei ein besseres Verständnis ihrer Immunabwehr entscheidend. »Wenn man das antivirale System von Seeanemonen untersucht, kann man daran arbeiten, Korallen zu retten und damit Leben in den Meeren zu bewahren«, erklärte Moran.
Protein wirkt anders als beim Menschen
Um die Funktion von CARDIB genauer zu verstehen, entfernten die Forscher mithilfe der Gen-Schere CRISPR das entsprechende Gen bei einigen Seeanemonen im Labor. Überraschenderweise überlebten die genetisch veränderten Tiere zunächst.
Später stellten die Wissenschaftler fest, dass CARDIB völlig anders arbeitet als ein vergleichbares menschliches Protein namens MAVS. Während MAVS beim Menschen wie ein Einschalter funktioniert und bei Viruserkennung sofort eine Immunreaktion auslöst, wirkt CARDIB bei Seeanemonen eher wie eine Bremse. im