Am Dienstag schrieb die linksliberale Tageszeitung »Haaretz« auf ihrer Titelseite: »Netanjahu erhielt Tage vor dem 7. Oktober eine ausdrückliche Warnung. Er informierte die israelischen Sicherheitschefs nicht.« Darüber das Wort in fetten roten Lettern: »Enthüllt«. Der Bericht basiert auf dem Buch der Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval, die für die Zeitung arbeiten, und trägt den Titel »Entführt – 843 Tage der Entbehrung«. Es beginnt anderthalb Wochen vor den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 in südlichen israelischen Gemeinden mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln.
Darin schreiben sie, dass vor dem »Schwarzen Schabbat« Mohammed bin Zayed, Emir von Abu Dhabi und Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), 45 Minuten lang mit Premierminister Benjamin Netanjahu telefoniert habe. In diesem Gespräch habe bin Zayed erklärt, dass der Hamas-Anführer im Gazastreifen, Yahya Sinwar, einen Großangriff gegen Israel plane.
Abraham-Abkommen gefährdet
Der Emir äußerte die Befürchtung, dass ein solcher Vorfall neben Blutvergießen die Region nachhaltig erschüttern und die Abraham-Abkommen gefährden könne, womit die Friedensverträge zwischen Israel und mehreren arabischen Nationen, darunter VAE, gemeint sind. Zu seiner Überraschung habe der Premier jedoch relativ gelassen auf diese Informationen reagiert. Er gehe davon aus, die Hamas wolle im palästinensischen Westjordanland aktiv werden, so Netanjahu, und versicherte, Israel sei auf jedes Szenario bestens vorbereitet.
Weder der Schin Bet noch der Mossad und auch nicht der Generalstabschef der Armee hätten etwas von dem Telefongespräch mit dem Emir und seinem Inhalt gewusst.
Weder der Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet noch sein Kollege vom Mossad und auch nicht der Generalstabschef der Armee hätten etwas von dem Telefongespräch mit dem Emir und seinem Inhalt gewusst. Die Reaktion aus dem Büro des Premierministers nach der Veröffentlichung von Haaretz folgte prompt. »Eine glatte Lüge«, heißt es in einem knappen Statement. Der Ministerpräsident habe in dem fraglichen Zeitraum nicht mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate gesprochen und auch keine Warnungen von ihm erhalten.
»Seine Missachtung der Warnungen kommt einer strafrechtlich relevanten Fahrlässigkeit gleich«, erklärte der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett. Stimmen aus der Koalition wiederum nennen die Enthüllung eine »schmutzige Kampagne gegen die Regierung«. Am 27. Oktober wird die neue Knesset gewählt.