Holocaust

»Unsere Rache an den Nazis ist, dass wir den Staat Israel haben«

Yehuda Widawski bei einer Gedenkveranstaltung zur Befreiung des KZ Auschwitz im Jahr 2015 Foto: picture alliance / dpa

Im Alter von 107 Jahren ist Jehuda Widawski, einer der ältesten Holocaust-Überlebenden in Israel, gestorben. Der gebürtige Pole hatte sein Leben nach der Schoa einer besonderen Aufgabe gewidmet: Er suchte jüdische Gräber und Friedhöfe in Polen auf, identifizierte sie und setzte sich für ihre Restaurierung ein. Nach Angaben von Präsident Isaac Herzog half er dabei, mehr als 3000 Gräber zu identifizieren.

Widawski wurde 1919 als zweites von vier Geschwistern in der polnischen Stadt Turek geboren. Die Familie zog mehrfach um und ließ sich 1933 in Lodz nieder. Bereits drei Jahre später leitete Widawski ein Textilunternehmen, das Hemden und Unterwäsche für die polnische Armee herstellte.

Bis auf seinen Bruder und Onkel waren alle ermordet worden

Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 gelang es der Familie, eine Wohnung innerhalb des Łódźer Ghettos zu erwerben. Dort lebten zeitweise 15 Angehörige zusammen. Die Familie betrieb weiterhin ihr Textilgeschäft und richtete zugleich in ihrer Wohnung eine Suppenküche für andere Ghettobewohner ein.

Als das Ghetto im August 1944 aufgelöst wurde, wurde die Familie nach Auschwitz deportiert. Widawskis Eltern Abraham und Leah sowie sein ältester Bruder Gabriel wurden unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Sein jüngerer Bruder Haim Moshe starb später im Konzentrationslager Buchenwald, seine Schwester Yocheved wurde im KZ Stutthof ermordet.

In einem späteren Zeugnis für Yad Vashem erinnerte sich Widawski an die Fahrt nach Auschwitz. Ein Onkel, der mit der Familie im Viehwaggon saß, habe angesichts des Rauchs aus den Krematorien gesagt: »Yehuda, siehst du das? Das muss eine Bäckerei sein.« Widawski fügte hinzu: »Der Verstand! Wir konnten nur eins denken: Brot.«

Präsident Herzog: »Widawskis Leben ist ein großartiges Zeugnis für den Sieg des Lebens, der Erinnerung und der Erneuerung.«

Widawski und sein jüngster Bruder Jehoszua wurden zur Zwangsarbeit in das Arbeitslager Friedland geschickt. Widawski musste dort Flugzeugflügel herstellen. Beide überlebten. Nach der Befreiung durch die Rote Armee kehrten die Brüder nach Łódź zurück. Erst dort erfuhren sie die gesamte Tragödie. Zusammen mit ihrem Onkel waren sie die einzigen Überlebenden ihrer Familie.

Doch Widawski wollte weiterleben. Er baute sich in Polen erneut eine Existenz auf, gründete eine Textilfabrik und heiratete Lea Dobrysz. Doch darüber hinaus war er aktiv am Schmuggel von Waffen für den Irgun, eine jüdische Untergrundorganisation im britischen Mandatsgebiet Palästina, beteiligt. 1950 schließlich machte er Alija. Später leitete er in Israel mehrere Unternehmen.

Fast drei Jahrzehnte später kehrte der Mann nach Polen zurück. Auf der Suche nach dem Grab seiner Großmutter erschütterte ihn der schlechte Zustand vieler jüdischer Friedhöfe. Widawski beschloss, sich für die Bewahrung der Stätten einzusetzen. Also suchte er jahrzehntelang nach Gräbern, identifizierte die Verstorbenen und setzte sich für die Restaurierung jüdischer Friedhöfe ein. Dazu gehören auch die Gräber berühmter Rabbiner.

Präsident war tief bewegt

Der israelische Präsident Isaac Herzog schrieb nach dessen Tod, er sei vor drei Jahren »privilegiert« gewesen, Widawski zu empfangen. Dessen Entscheidung, Jahre nach seiner Einwanderung nach Israel nach Polen zurückzukehren und das Grab seiner Großmutter zu suchen, habe ihn tief bewegt. Aus dieser Suche sei eine lebenslange Mission geworden. Widawskis Leben sei, so Herzog, »ein großartiges Zeugnis für den Sieg des Lebens, der Erinnerung und der Erneuerung«.

Und Widawski selbst sagte in einem Interview vor einigen Jahren: »Meine Rache an den Nazis ist, dass sie verloren haben und wir den Staat Israel haben. «Wir sind frei und stark, und niemand kann uns mehr zerstören.»

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