Interview

»Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd«

»Dass man für das Eintreten gegen Antisemitismus Preise verleihen muss, ist eigentlich kein gutes Zeichen«: Dieter Nuhr Foto: picture alliance/dpa

Herr Nuhr, der Zentralrat der Juden in Deutschland zeichnet Sie morgen mit dem Leo-Baeck-Preis aus. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Viel. Schließlich bin ich damit Nachfolger von Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl und Johannes Rau. Wer hätte das gedacht? Mit dem angemessenen Ernst betrachtet, muss man allerdings festhalten: Es ist ein Trauerspiel, dass die Ablehnung des Antisemitismus heute gerade im Kulturbetrieb alles andere als selbstverständlich ist. Das macht mich fassungslos. Dass man für das Eintreten gegen Antisemitismus Preise verleihen muss, ist eigentlich kein gutes Zeichen. Dass Antisemitismus einmal wieder ein Massenphänomen werden würde, war mir in meiner Jugend unvorstellbar.

Sie sind Münchhausen-Preisträger, haben bereits den NRW-Verdienstorden sowie den Deutschen IQ-Preis und viele andere Auszeichnungen erhalten. Wo ordnen Sie diese Ehrung des Spitzenverbandes der jüdischen Gemeinschaft ein?
Ganz weit vorn. Weil das nicht nur eine Auszeichnung für Humor ist, sondern eine, die mir zeigt, dass meine Arbeit eine gewisse Relevanz hat. Das freut mich natürlich. Aber dass man im 21. Jahrhundert immer noch gegen Judenhass eintreten muss, ist unfassbar.

Sie finden in Ihrem Bühnenprogramm stets klare Worte gegen Juden- und Israelhass. Warum genau ist Ihnen das, anders als vielen Kollegen, so wichtig?
Für mich ist das ehrlich gesagt eine Selbstverständlichkeit. Ich bin ja nicht mehr ganz jung und mit einer Eltern- und Großeltern-Generation aufgewachsen, die die Nazizeit noch erlebt hat. Ein großer Teil der jungen Generation hat auf Basis historischer Entfernung und Bildungsnotstand offenbar völlig den politischen Kompass verloren. Feministinnen verbrüdern sich mit antisemitischen Frauenfeinden gegen Israel. »Queers for Palestine« segeln mit der Hamas, einer Bewegung, die Schwulsein für eine Todsünde hält. Juden wurden bei uns teilweise am Betreten von Universitäten gehindert. Da haben selbst ernannte progressive Linke offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd.

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Politiker, Journalisten und die Zivilgesellschaft sind sehr stark darin, den Rechtsextremismus zu verurteilen. Der muslimische Judenhass aber, der sich besonders aggressiv verbal und körperlich äußert, ist weitgehend tabuisiert. Machen wir uns etwas vor, wenn wir »Nie wieder!« sagen?
Unter jungen Menschen scheinen linke und rechte Verschwörungstheorien zusammenzuwachsen. Antikapitalismus und Antisemitismus werden eins. Das »Nie wieder« warnt ja quasi vor der historischen Wiederholung. Aber Geschichte wiederholt sich nicht. Der Traum von der Judenvernichtung lebt ja ganz offen in den Hirnen der Islamisten. Und auf diesem Weg ist er auch zurückgekehrt in den Westen. Davor zu warnen, dass die Nazis zurückkehren, wird da nicht reichen. Das sind ganz neue und eigentlich völlig abstruse Koalitionen zwischen Nazis, Linken und Religiösen.

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Sie haben einmal gesagt, dass beim Judenhass nicht nur importierte Antisemiten und hausgemachte Nazis dabei sind, sondern auch Besserverdiener aus hochpreisigen Mietlagen, also praktisch das grüne Milieu. Wie reagiert das Milieu auf solche Äußerungen?
Man ist beleidigt, weil man nicht »rechts« sein will. Aber das ist ja gerade der Punkt: Die Begriffe »links« und »rechts« spielen in diesen Zusammenhängen gar keine Rolle mehr. Progressive solidarisieren sich mit mittelalterlichen Fanatikern, Transaktivis­ten segeln gemeinsam mit Leuten, die Frauen für minderwertig halten und die Idee eines dritten Geschlechts für einen satanischen Scherz halten. Wenn man dem Milieu die eigenen Widersprüche vorhält, reagieren sie natürlich nicht mit Einsicht, sondern mit Abwehr. Das ist psychologisch verständlich. Aber es verdeutlicht die Diskursunfähigkeit.

»Queers for Palestine« segeln mit der Hamas, einer Bewegung, die Schwulsein für eine Todsünde hält.

Sie sind 1960 geboren und bezeichnen sich selbst als »stramm-linksgrün« sozialisiert. 1980 waren Sie Gründungsmitglied der Grünen, heute kritisieren Sie deren ideologische Unbelehrbarkeit. Woher dieser Sinneswandel?
Das hat wohl etwas mit Erwachsenwerden zu tun. Vielleicht habe ich die ideologische Weltsicht des Studenten mit wachsender Reife eingetauscht gegen die Einsicht, dass sich die Komplexität der Gegenwart nicht in ein paar Schlagworte pressen lässt. Die Grünen sind heute laut Studien die Partei mit der geringsten Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Sie sind damals mit dem exakt gegenteiligen Anspruch gestartet.

Ein Zitat aus Ihrem Programm: »Auch die woken Linken, die sonst überall Rassismus und Sexismus wittern, sind erstaunlich still geworden, wenn es um Juden geht.« Warum herrscht diese Stille?
Ich vermute: weil Israel in vielerlei Hinsicht extrem erfolgreich ist. Juden lassen sich nicht als Opfer paternalisieren. Israel ist erfolgreich in der kapitalistischen Welt. Und so etwas nimmt man in der Linken übel.

Als Linke und Neonazis 2025 in Deutschland gemeinsam gegen Israel demonstrierten, meinten Sie sogar: Den linken Aktivisten sei es nie um Palästina gegangen, sondern immer nur gegen Juden. »Die Nazis von 1938 könnten sich da eigentlich über kulturelle Aneignung beschweren« ...
Natürlich ist das eine überspitzte Formulierung, eben Satire. Aber im Ernst: Wenn es um Palästina gehen würde, warum hat niemand bei den umliegenden arabischen Staaten nachgefragt, warum sie keine Flüchtlinge aufgenommen haben? Warum haben alle anderen Konflikte im Umkreis mit weit mehr Toten niemals große Protestbewegungen ausgelöst? Warum gab es keine einzige Demo zu Sudan? Warum lockte Syrien keine Massen auf die Straße? Warum nicht der Jemen? Kongo? Nigeria? Aber sobald Juden beteiligt sind, stehen Massen in der Innenstadt. Das ist doch offensichtlich.

In Bezug auf die zahlreichen Anti-Israel-Demonstrationen meinen Sie: Der hysterische Gesichtsausdruck von Judenhassern sei ein wichtiger Teil des Berliner Stadtbilds geworden, und interessanterweise sei das auch kein Problem für Leute, die sonst immer gegen Hass und Hetze sind. Woran könnte das liegen?
Im einfachen postkolonialistischen Kosmos gibt es wie im Märchen Gute und Böse, nichts dazwischen. Christen wie Juden sind Täter. Muslime sind Opfer. Wenn sie zu Tätern werden, stört das das Weltbild. Wer denkt schon gern über die eigenen Widersprüche nach? Da wird dann selbst das Morden im Sudan irgendwie verdreht, bis es zum postkolonialistischen Kollateralschaden wird. Ich bin viel gereist in meinem Leben und habe gelernt, mein Denken mit dem auf Reisen Erlebten abzugleichen. Aber wer die Realität nicht kennt, sondern sich die Wirklichkeit in heimischen, ideologisch konsistenten Zirkeln zurechtdrechselt, dem fallen offenbar selbst die offensichtlichsten Widersprüche nicht mehr auf.

Warum gab es keine einzige Demo zu Sudan, Kongo oder Nigeria? Aber sobald Juden beteiligt sind, stehen Massen in der Innenstadt.

Sie sagen, dass an fast allen bewaffneten Konflikten weltweit Islamisten beteiligt seien und dass dies kein Zufall sei. Gegen Israel und die USA gehe man auf die Straße, gegen den IS-Terror oder gegen palästinensische Terroristen nicht. Wünschen Sie sich mehr Protest dagegen?
Ich halte den ganzen Straßenprotest für gestrig. Wir leben im Zeitalter »sozialer« Netzwerke. Die Straße ist nicht der Raum, wo heute noch irgendetwas entschieden wird. Der klassische Straßendemonstrant, am besten noch mit Kerze in der Hand, ist ein ästhetisches Relikt aus den Zeiten vor dem Internet. Ich würde mir wünschen, dass sich gerade linke politische Aktivisten wieder daran erinnern, dass die Trennung von Religion und Gesellschaft zu den großen Errungenschaften der Aufklärung zählt. Karl Marx würde angesichts der heutigen Linken im Grab rotieren.

In Bezug auf den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 haben Sie gesagt: »Antisemitismus ist, wenn man diejenigen, die Juden umbringen, weil sie Juden sind, nicht Mörder nennt, weil sie ja nur Juden sind.« Dafür Verständnis zu haben, sei Antisemitismus. Haben zu viele in Deutschland dafür Verständnis?
Die Relativierung des 7. Oktober als Akt des Widerstands gegen die vermeintlichen Kolonialisten ist eine glasklar antisemitische Haltung. Da wird den Juden aufgrund ihrer Rolle in der Geschichte erstens die Schuld an ihrem Unglück selbst zugeschrieben und ihnen dann deshalb kein Mitleid entgegengebracht. Ich glaube, vor allem an den Hochschulen, in der Kultur und in den Medien gibt es zu viele, die das so sehen. Es ist Wahnsinn.

Im Zusammenhang mit dem ESC-Boykott verschiedener Länder haben Sie gesagt: »Wenn es gegen jüdische Sänger geht, scheint es sich um den gerade handelsüblichen Antisemitismus zu handeln.« Ist damit zu erklären, warum unter anderem Spanien, Slowenien und Irland beim Eurovision Song Contest abgeschaltet haben?
Wenn man an einem Wettbewerb nicht teilnimmt, weil auch Juden dabei sind, dann ist das doch wohl völlig unbestreitbar Antisemitismus.

Sie sagen, dass Sie als Künstler, wie auch die meisten Juden, die israelische Regierung kritisch sehen. Das sei auch kein Antisemitismus. Behauptet denn jemand wirklich das Gegenteil?
Es ist ja gerade die mangelnde Unterscheidung zwischen der Regierung Netanjahu und allen Juden, die den Antisemitismus sichtbar macht, der große Teile der Linken antreibt. Wenn jüdische Studenten am Betreten einer Universität gehindert werden, wenn Juden mit Kippa in Berlin angegriffen werden, dann werden sie nicht als Netanjahu-Anhänger verfolgt, sondern als Teil eines Volkes. Man wird als Jude verantwortlich gemacht für eine Regierung Tausende Kilometer entfernt. Das ist völkisches Denken.

Im realen Leben erlebe ich keinen Hass. Auf der Straße werde ich oft angesprochen und bekomme fast ausschließlich Zuspruch.

Sie waren 1986 zum ersten Mal in Israel und haben dabei die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Später sagten Sie, dies habe Sie stark mitgenommen ...
... ja, man kann Yad Vashem nicht verlassen und nicht emotionalisiert sein. Damals wurde man in Israel als Deutscher noch häufig von deutschsprachigen Juden angesprochen, die einem ungefragt ihre KZ-Tätowierungen gezeigt haben. Man wurde dort als Teil des Tätervolkes gesehen. Das hat mich erschüttert, weil ich mich immer als glasklarer Antifaschist gefühlt habe. Es hat mich mitgenommen, als Deutscher mit in der Verantwortung zu sein.

Sie haben sich in einem Interview einmal überrascht über die polarisierende Wirkung Ihrer Worte gezeigt. Sie meinen, dass es bei Ihrer Arbeit im Wesentlichen um Spaß gehe. Wirklich?
Natürlich ist ein normaler Auftritt von mir in erster Linie ein Abend, der mit Unterhaltung zu tun hat. Ich bin ja nicht als Aktivist auf der Bühne. Aber mein Humor bezieht sich auf die Realität, enthält insofern immer auch inhaltlich Diskussionswürdiges.

Über Sie ist zu lesen, Sie seien Deutschlands erfolgreichster wie meistgehasster Kabarettist. Stimmt diese Einschätzung?
Ich spüre Hass nur im Internet, wo man die Lautesten am deutlichsten hört. Das scheinen mir in meinem Fall sehr viel weniger Menschen zu sein, als man meinen könnte. Im realen Leben erlebe ich keinen Hass. Auf der Straße werde ich oft angesprochen und bekomme fast ausschließlich Zuspruch. Ich glaube, ehrlich gesagt: Das mit dem Hass ist eine Idee der Medien, die darauf beruht, dass es für Journalisten so schön einfach ist, zu glauben, die Stimmung bei X spiegele die Volksmeinung. Das ist nicht der Fall. Bei X tummeln sich in erster Linie die Radikalisierten. Die Emotionalisierung im Netz entspricht nicht ansatzweise der Stimmung in der physischen Welt.

Ich sehe es nicht als Aufgabe deutscher Comedians, sich über Juden lustig zu machen. Ich neige ohnehin nicht zu völkischen oder nationalistischen Witzen.

Sie wurden bereits als »Witzemacher für Wutbürger«, »AfD-Künstler« oder »Stammtischkabarettist« bezeichnet. Ihnen werden Rassismus, Sexismus, Homophobie, Islamfeindlichkeit und vieles mehr vorgeworfen. Wie lebt man damit?
Das hat mit meinem Alltag nichts zu tun. Ich werde beim Bäcker angelächelt, der Elektriker lässt sich ein Buch unterschreiben, und der Taxifahrer erzählt mir, wie er die letzte Sendung fand. Alles gut. Diese Attribute dienen der Abwertung des Andersdenkenden. Nichts von dem trifft zu, insofern trifft es mich nicht.

2015 entschied das Landgericht Stuttgart, dass Sie als »Hassprediger« bezeichnet werden dürfen. Zu Recht?
Das ist Quatsch. Das Landgericht Stuttgart hat entschieden, dass der Begriff »Hassprediger« nicht justiziabel ist. Also darf nicht nur ich, sondern jeder als Hassprediger bezeichnet werden. Zu sagen, ich persönlich wäre ein landgerichtlich anerkannter Hassprediger, ist insofern eine typische mediale Verdrehung. Leider wird der Journalismus immer manipulativer. Das macht es den Rechten einfach, von »Lügenpresse« zu schwafeln. Es wäre schön, wenn es unsere Medien unseren Extremisten weniger einfach machen würden.

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2020 haben Sie davon gesprochen, dass Shitstorms »die humane Variante des Pogroms« seien. War das nicht etwas daneben?
Nein, weil der Satz aus dem Zusammenhang gerissen ist. Sie kennen den Zusammenhang offenbar nicht, weil Sie nur die manipulative Kürzung, die in den Medien kursierte, kennen. Ich habe davon gesprochen, dass der Shitstorm den gleichen psychologischen Mechanismen folgt wie früher Zusammenrottungen vor dem Stadttor, in denen sich der mit Fackeln und Mistgabeln ausgerüstete Mob zusammenfand, um einen vermeintlichen Delinquenten zu vernichten – nur dass im Internet eben nicht physisch, sondern nur sozial überwältigt werden soll. Die Äußerung hatte mit Judenpogromen nichts zu tun. Auch hier hat sich mediale Berichterstattung verselbstständigt. Da heute in der Presse gern der eine vom anderen abschreibt, geht so etwas nicht mehr verloren. Das Internet vergisst nicht.

Die »Welt« schrieb einmal über Sie, dass Sie es generell vermeiden, Witze über jene zu reißen, die ohnehin als Feindbild für alle gelten. Wie steht es mit Juden?
Ich sehe es nicht als Aufgabe deutscher Comedians, sich über Juden lustig zu machen. Da kommt meine Nachkriegserziehung durch. Ich neige ohnehin nicht zu völkischen oder nationalistischen Witzen.

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart, die häufig in Ihrer ARD-Sendung zu Gast ist, erzählte auf der Bühne: Den Juden Reparationen zu zahlen, sei etwa so, wie dem Red-Bull-Gründer Mateschitz ein Red Bull auszugeben. Auch in dieser Zeitung wurde sie für ihre antisemitischen Pointen kritisiert. Was meinen Sie?
Auch dies ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Lisa Eckharts Humor beruht nicht selten darauf, dem Zuschauer seine eigenen Vorurteile vorzuführen. Das überfordert Zuschauer, die nicht in der Lage sind zu abstrahieren und deshalb jede Äußerung eins zu eins nehmen.

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Was dachten Sie, als Ihre Kollegin Enissa Amani im September vergangenen Jahres mit Palästina-Flagge auf einem Schiff Richtung Gaza unterwegs war?
Was soll ich da sagen? Ich rede ungern über Kollegen. Aber Greta Thunberg segelt ja auch gerne, vielleicht weil sie die Hamas für klimagerecht hält. Was in manchen Köpfen umhergeht, ist schwer zu ergründen. Zu viele unerklärliche Abzweigungen. Wir sind ja auch Primaten, das wird oft vergessen.

Sie bezeichnen sich selbst als »kabarettistischen Zeitzeugen«. Und als Kabarettist sei Narrenfreiheit Teil der Berufsbeschreibung. Wo sind die Grenzen der Narrenfreiheit?
Für mich sind das meine eigenen Geschmacksgrenzen. Und die decken sich offenbar mit denen meines Publikums. Sonst würde es nicht funktionieren.

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