Plädoyer

Dem Recht vertrauen

Der Oberste Gerichtshof in Jerusalem kann Gesetze für nichtig erklären, wenn sie im Widerspruch zu Israels »Grundgesetzen« stehen. Foto: picture alliance / Rafael Ben-Ari/Chameleons Eye

Das Oberste Gericht in Israel ist Türwächter und Verteidiger des jüdischen und demokratischen Staates – inmitten von Jerusalem in einem architektonisch wunderbaren Bau. Dennoch hat Israel bis heute (noch) keine geschriebene Verfassung. Stattdessen bilden die Chukei HaJesod, die »Grundgesetze«, den verfassungsähnlichen Rahmen des Staates. Ihre Einhaltung überwachen die »Wächter der Schwelle«, zu denen neben dem Obersten Gerichtshof auch die Generalstaatsanwaltschaft, der Staatskontrolleur und die unabhängige Militärjustiz gehören.

Kaum ein biblischer Vers beschreibt die Bedeutung der Justiz treffender als Jeschajahu 1,27: »Zion wird durch Recht erlöst werden.« Der Prophet kritisiert Korruption und Machtmissbrauch und verkündet, dass Erlösung nicht durch militärische Stärke, sondern durch Mischpat (Recht) und Zedaka (Gerechtigkeit) entsteht. Bemerkenswert ist, dass sich heute beide Seiten des aktuellen Verfassungskonflikts in Israel auf denselben Vers berufen.

Recht und gerechtes Urteil, Gerechtigkeit und rechtschaffenes Handeln

Der Prophet Jeschajahu wirkte im 8. Jahrhundert v.d.Z. in Jerusalem und richtete seine Botschaft an eine Gesellschaft, die nach seiner Auffassung von Korruption, Machtmissbrauch und sozialer Ungerechtigkeit geprägt war. Jeschajahu kündigte nicht den Untergang Israels an, vielmehr beschrieb er den Weg seiner Erneuerung. Nicht militärische Stärke. Nicht politische Macht. Nicht wirtschaftlicher Wohlstand. Sondern Recht und gerechtes Urteil, Gerechtigkeit und rechtschaffenes Handeln.

Bereits hier wird sichtbar, dass Recht im jüdischen Denken niemals nur eine technische Ordnung staatlicher Ins­titutionen darstellt. Es besitzt vielmehr eine religiöse und ethische Dimension. Recht ist Ausdruck der Verantwortung des Menschen gegenüber Gott und seinem Mitmenschen. Gerade deshalb wurde dieser Vers zu einem Leitmotiv israelischer Rechtsphilosophie.

Der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofs, Aharon Barak, ein Schoa-Überlebender, verstand den Rechtsstaat als Lehre aus der Erfahrung staatlicher Willkür. Mit seiner Rechtsphilosophie »Hakol schafit« (»Alles ist justiziabel«) vertrat er die Auffassung, dass jedes staatliche Handeln grundsätzlich richterlicher Kontrolle unterliegen müsse. Seine Kritiker werfen ihm hingegen vor, den Einfluss der Gerichte zulasten der demokratisch gewählten Knesset ausgeweitet zu haben.

»Zion wird durch Recht erlöst werden«, so der Prophet Jeschajahu.

Diese Kontroverse wurde durch die »Justizreform« der Regierung Netanjahu sichtbar. Ein großer Streitpunkt vor dem Gericht bleibt die Wehrpflicht ultraorthodoxer Jeschiwa-Studenten. Gleichzeitig betonte Ex-Gerichtspräsidentin Esther Hayut, selbst Grundgesetze dürften nur dann aufgehoben werden, wenn sie Israels Charakter als jüdischen und demokratischen Staat grundlegend gefährden.

Religiöse Tradition und demokratischer Rechtsstaat

Doch der Gerichtshof war nie einheitlich geprägt. Menachem Elon, 1923 in Düsseldorf geboren, verstand das jüdische Recht als lebendige Quelle einer demokratischen Rechtsordnung. Izhak Englard verband Halacha und moderne Rechtswissenschaft, während Noam Sohlberg, religiöser Zionist aus Alon Schewut, für richterliche Zurückhaltung steht. Diese Richter zeigen, dass religiöse Tradition und demokratischer Rechtsstaat keine unvereinbaren Gegensätze sein müssen.

Nicht so sehr die inhaltlichen Details der Rechtsreform, sondern vielmehr der rüde Ton und die Aggressivität ihrer Befürworter gefährden die israelische Demokratie. Dieser rücksichtslose Stil wirkt wie ein Fanal im Kontext der globalen, neuen Rechten. Er bedroht nicht nur die Institutionen vor Ort, sondern das demokratische Grundverständnis moderner Gesellschaften im Kern. Wortführer sind hier vor allem von rechter Seite Justizminister Yariv Levin und der Vorsitzende des Rechtsausschusses der Knesset, Simcha Rothman, sowie »volksnahe« Minister und Abgeordnete aus der Likud-Partei.

Ein Teil des rechten politischen Fußvolks übernimmt diesen Duktus und vor allem die Aggressivität. Dabei wird der Konflikt häufig als Kampf gegen die vermeintlichen alten Eliten inszeniert: gegen die »alten aschkenasischen, weißen Männer«, die in den ersten Jahrzehnten des Staates Justiz und Verwaltung geprägt hätten. Doch auch die Gegner halten sich in ihren Äußerungen und Aktionen oft nicht zurück.

Verbale und physische Gewalt

Die Sprache wurde zum Teil gewalttätig. Und gemäß der jüdischen Weisheit, dass die Tat mit den Gedanken begann, wurde diese verbale Gewalt auch zu physischer Gewalt. Nutznießer der Spaltung sind in erster Linie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dem die Schwächung unabhängiger Kontrollinstanzen zur Sicherung seiner eigenen politischen und persönlichen Position entgegenkommt, sowie die ultraorthodoxen Parteien, die ihre Machtposition sichern möchten.

Doch Demokratie lebt auch vom Vertrauen in den »Anderen«. Vielleicht liegt darin die zeitlose Botschaft des Propheten Jeschajahu: Nicht Macht allein sichert die Zukunft eines Staates, sondern Recht, Gerechtigkeit und Vertrauen, dass der Andersdenkende Teil der demokratischen Gemeinschaft ist. Das geht nicht ohne einen funktionierenden und unabhängigen Obersten Gerichtshof, dem alle vertrauen. Das Oberste Gericht in Israel ist Hüter und Bewahrer des Vertrauens. Mit ihm wird Zion nicht nur erlöst, sondern auch erhalten.

Der Autor ist Historiker und lebt in Wien und Tel Aviv.

Nachrichten

Geisel, Hamas, Charedim

Kurzmeldungen aus Israel

 22.07.2026

Jerusalem

Bericht: Kabinett billigte Maßnahmen gegen Siedlergewalt

Ministerpräsident Netanjahu bezeichnet die Gewalt extremistischer Siedler gegen Palästinenser als ein »metastasierendes Krebsgeschwür«

 22.07.2026

Medallienregen

Israelische Schüler holen 13 Medaillen bei internationalen Wissenschafts-Olympiaden

Besonders erfolgreich war das israelische Team bei der Internationalen Physik-Olympiade in Kolumbien

 22.07.2026

Jerusalem

Herzog warnt vor Gewalt im Wahlkampf: »Wahlen sind kein Bürgerkrieg«

Der Präsident appelliert an Politiker, Kandidaten und Wahlkampfhelfer aller Parteien, »rote Linien« nicht zu überschreiten

 22.07.2026

Beit Lid

Nach Festnahme eines Wehrdienst-Verweigerers: Tausende Haredim demonstrieren

Einzelne Teilnehmer versuchten, einen Zaun vor dem Gefängnis niederzureißen

 21.07.2026

Flugverkehr

Wegen des Krieges: Dutzende Flugausfälle pro Tag möglich

Die Amerikaner wollen weitere fliegende Tanker schicken. Die Konsequenzen: Tausende Passagiere pro Tag könnten ohne Flugverbindung dastehen

 21.07.2026

Photo by Al-Aqsa TV/UPI Photo via Newscom picture alliance

Gaza

Khalil al-Hayya wird neuer Hamas-Führer

Knapp zwei Jahre nach der Tötung ihres Anführers Yahya Sinwar durch die israelische Armee hat die radikalislamistische Hamas mit Khalil al-Hayya offenbar einen neuen Chef

 20.07.2026

Tel Aviv

Zamir warnt Iran vor Angriffen auf Israel

»Wir werden mit großer Stärke gegen jeden vorgehen, der uns schadet«, sagt der Generalstabschef, nachdem Trümmer einer iranischen Rakete auf Israel niedergegangen sind

 20.07.2026

Protest

Minister und Aktivisten demonstrieren für Wiederaufbau von Siedlungen in Gaza

Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir setzt sich seit Jahren für israelische Siedlungen im gesamten Gazastreifen ein. Premier Netanjahu lehnt das ab

 20.07.2026