Porträt der Woche

Der Landeshausmeister

»Ich bin viel unterwegs – auch für den Bundesverband der Veteranen, Ghetto- und KZ-Gefangenen«: Alexander Reznitchi (65) aus Stuttgart Foto: Brigitte Jähnigen

Als ich 19 Jahre alt war, wurde ich zum Militärdienst eingezogen und nach Afghanistan geschickt. Zu dieser Zeit hatte ich nach einer Ausbildung zum Straßenbaumeister erst wenige Monate bei der so­wjetischen Armee gedient. Der Befehl zum Einmarsch in das Land am Hindukusch kam direkt von Leonid Breschnew.

Am 15. Dezember 1979 überschritten die ersten Einheiten der 40. Armee die afghanische Grenze; meine Einheit folgte am 20. Januar 1980. Wir wurden in der Provinz Kandahar stationiert. Sie ist bis heute Hochburg der radikal-islamischen Taliban. Zehn Jahre beteiligte sich die sowjetische Armee am afghanischen Bürgerkrieg. Ich selbst war zwei Jahre dort, und zwar als Panzerfahrer. Eine Wahl hatten wir nicht – in der Sowjetunion herrschte Wehrpflicht.

Die Erlebnisse dieser Zeit haben mich tief geprägt. Nicht nur wegen der Albträume, die mich früher fast jede Nacht verfolgten. Oft schrie ich im Schlaf: »Nicht schießen!« Meine Frau tröstete mich. Ich benötigte keine Rehabilitationsmaßnahmen wie viele andere, die nach ihren Erfahrungen im Krieg Alkoholiker wurden und selbstzerstörerische Verhaltensweisen entwickelten. Manche verloren darüber sogar den Verstand. Ich hatte Glück – ich hatte Tatiana.

Schon während des Krieges stellte ich mir vor, wie meine zukünftige Frau sein sollte

Tatiana, meine große Liebe. Sie wurde wie ich in Chișinău in Moldawien geboren und wuchs dort auf. Schon während des Krieges stellte ich mir vor, wie meine zukünftige Frau sein sollte. Als ich Tatiana traf, entsprach sie genau diesem Bild: intelligent, unkompliziert, stark und schön – und das ist sie bis heute. Wir heirateten am 24. Dezember 1983, im Juli 1985 wurde unsere Tochter Julia geboren.

Ich kam 1960 in Kischinjow zur Welt, wie die Stadt zu Sowjetzeiten hieß. Meine Erziehung entsprach der damaligen sowjetischen Realität: Ich war Pionier, später Mitglied des Komsomol und der kommunistischen Partei. Ich hatte nie Probleme aufgrund meiner jüdischen Herkunft, weder im Kindergarten noch in der Schule, auch nicht an der Universität, im Beruf als Sportlehrer oder im Freundeskreis. Unsere Erinnerungen sind von anderen Dingen geprägt – wie dem Krieg in Afghanistan oder dem Bürgerkrieg in Moldawien.

Denn im März 1992 brach in Moldawien der Konflikt mit der selbsternannten »Pridnestrowischen Moldawischen Republik« aus, heute eher Transnistrien genannt – ein Bürgerkrieg, der in Deutschland kaum wahrgenommen wurde. Bis heute gibt es unterschiedliche Einschätzungen dieser Ereignisse. Viele Menschen verließen damals das Land. Russischsprachige Familien gingen nach Russland, jüdische Familien nach Israel oder in die USA. Meine Eltern und mein jüngerer Bruder entschieden sich 1998 für Deutschland. Sie wollten eine sichere Zukunft für sich und ihre Kinder.

Ein schlechter Frieden ist besser als ein »guter« Krieg.

Ich selbst wollte ursprünglich nicht auswandern. Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg waren zu präsent: 1941 hatte Deutschland die Sowjetunion und damit auch Moldawien überfallen. Mein Großvater gilt seit 1941 als vermisst. Meine Großmutter arbeitete als Ärztin und versorgte Verwundete. Auch mein Schwiegervater ist Veteran des Zweiten Weltkriegs. Zwei Jahre nach der Ausreise meiner Eltern folgte ich ihnen schließlich doch.

Die 90er-Jahre waren in Moldawien sehr schwierig. Unsere Tochter war geboren, meine Frau arbeitete als Ökonomin in einem Verlag. Die Großmütter haben uns unterstützt. Trotzdem reichte das Geld nicht für ein anständiges Leben. Ich wechselte vom schlecht bezahlten Sportlehrerjob ins Tischlergewerbe. In einer privaten Schreinerei planten und bauten wir vor allem Küchen. Später hatte ich selbst angemietete Betriebsräume. Ich war in Chișinău auch dafür bekannt, dass ich komplette Wohnungsrenovierungen übernahm. Diese Erfahrungen haben mir geholfen, als ich nach Deutschland kam. Zwar war ich ja immer noch ausgebildeter Sportlehrer, aber mit 200 Wörtern Deutsch war dieser Beruf nicht auszuüben. Da ich mich jedoch in vielen handwerklichen Bereichen sicher fühlte, fand ich Arbeit als Hausmeister in einem Fitnessstudio – und erhielt bald weitere Angebote.

Meine Arbeit wird bis heute voll anerkannt

Wir meldeten unsere 15-jährige Tochter Julia zum jüdischen Religionsunterricht in der Gemeinde an, ohne dass sie Mitglied der Gemeinde geworden ist. Als ich im September 2003 als Leiter der technischen Hausverwaltung begann, trat ich gleichzeitig der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und dem Sportklub Makkabi bei.

Damals war Ari Lipinski dort der Geschäftsführer. Wir verstanden uns sofort. Er erkannte meine Sprachbarrieren, aber auch meine fachliche Kompetenz und berufliche Erfahrung, die ich zunächst als Aushilfe mit 43 Jahren unter Beweis stellte. Später bot er mir die frei gewordene Stelle als Leiter der technischen Hausverwaltung an – inklusive Personalverantwortung für zwei Mitarbeitende.

Meine Arbeit wird bis heute voll anerkannt. Jeder weiß: Alex ist die technische Hausverwaltung. Ich organisiere Projekte, Bauvorhaben und die jährliche Sukka, übernehme zahlreiche Aufgaben rund um die jüdischen Feiertage und entwickle technische Lösungen. An der großen Chanukkia auf dem Stuttgarter Schlossplatz installierte ich beispielsweise LED-Kerzen, sodass kein Hubfahrzeug und kein Stromanschluss nötig waren. Alle Abteilungen der Gemeinde kommen mit ihren Anliegen zu uns – ob für den Internationalen Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb, die Seniorenwohnungen, die Kita oder die Grundschule. Manche nennen mich scherzhaft »Landeshausmeister«, weil wir neben Stuttgart neun weitere Standorte in Württemberg betreuen. Wir müssen für alle mitdenken.

Auch ich erhielt Orden – für meinen Einsatz in Afghanistan und für mein ehrenamtliches Engagement.

Ich bin viel unterwegs – auch als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Veteranen, Ghetto- und KZ-Gefangenen sowie der Überlebenden der Leningrader Blockade. Alle zwei Jahre treffen sich jüdische Veteranen aus 15 Städten in Bad Kissingen, rund 40 Personen. Der jüngste – abgesehen von mir – ist 84, der älteste 98. Das letzte Treffen fand 2025 statt, die meisten Teilnehmenden kamen aus der Ukraine. Jede Stadt hat ihren eigenen Veteranenklub. Am 27. Januar gedenken wir der Aufhebung der Leningrader Blockade, am 9. Mai feiern wir den Sieg über Hitlerdeutschland. 2025 jährte sich das Kriegsende zum 80. Mal. Das russische Generalkonsulat in München verlieh damals Auszeichnungen. Auch ich erhielt Orden – für meinen Einsatz in Afghanistan und für mein ehrenamtliches Engagement.

Am 12. Mai 2025 fand auf dem Friedhof Steinhaldenfeld in Stuttgart eine große Gedenkveranstaltung statt, an der mehr als 150 Menschen teilnahmen. Barbara Traub, die Vorstandsvorsitzende unserer Gemeinde, würdigte die Verdienste der Veteranen. Auf dem Friedhof gibt es neben dem jüdischen Teil auch ein Feld zu Ehren gefallener russischer Soldaten. Wir zogen mit großen Fotos unserer verstorbenen Veteranen durch den Haupteingang; ich trug das Bild meines vermissten Großvaters. Nach der Zeremonie aßen wir – wie im Krieg – Buchweizengrütze mit Fleisch und Pita. Es gab Wein und Wodka, selbstverständlich koscher.

Wir müssen der jüngeren und jungen Generation alles erzählen

Das Gedenken ist sehr wichtig. Es erinnert uns daran, dass Menschlichkeit über allem steht. Aber auch Respekt. Und dass wir Demokraten sind. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und Barbara Traub unterstützen mich dabei. Wir müssen der jüngeren und jungen Generation erzählen, was die Alten nicht mehr können. Sie alle erwarten von mir – die meisten nennen mich Sascha –, dass ich ihnen zuhöre. Es geht um Probleme im Leben, beispielsweise um die Versichertenkarte, also um ganz Alltägliches. Sie vertrauen mir. Wir haben auch an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geschrieben, die Lebenssituation unserer Mitglieder geschildert – viele sind ja nach ihrer Einreise nach Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen –, und wir haben um einen Zuschuss zum Leben gebeten. Steinmeier hat positiv reagiert.

Im Februar 2027 gehe ich in den Ruhestand. Bin ich zufrieden mit meinem Leben? Ja. Ich habe meinen Weg gewählt und in Deutschland einen erfolgreichen Neuanfang geschafft. Und was meine Deutschkenntnisse betrifft? Nun ja: Einige meiner sächsischen Kollegen fragten mich wegen meines Akzents einmal scherzhaft, ob ich Jiddisch spreche.

Was ich als Afghanistan-Veteran über Krieg denke? Menschen, die wirklich im Krieg waren, sagen: Ein schlechter Frieden ist besser als ein »guter« Krieg. Schon Cicero wusste, dass Frieden immer das Ziel sein muss – und dass selbst ein ungerechter Frieden besser ist als der »gerechteste« Krieg.

Aufgezeichnet von Brigitte Jähnigen

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