Jewrovision

Feuerwerk von Talenten

»Wir trauen uns.« So formuliert es Galyna Kapitanova mit einem Schmunzeln. »Unsere Jugendlichen haben entschieden, bei dieser Jewro aufzutreten«, meint die Leiterin des Jugendzentrums Chaverim der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Im vergangenen Jahr besuchten sie sowohl das Mini-Machane als auch die Show – und wurden inspiriert. Die Jugendlichen seien zu ihr gekommen, weil auch sie über »Talent« verfügen. Natürlich seien sie wie alle anderen Tänzer und Sänger der Jewro begabt, sagt Galyna Kapitanova. »Und doch ist so ein Auftritt für uns etwas Besonderes. Denn wir sind ein kleineres Jugendzentrum.« Vier Sänger und neun Tänzer werden für Chaverim im Rampenlicht stehen. Weitere Kids fahren mit zum Mini-Machane.

Sie möchten ihre Freunde anfeuern. Für die Planung ihres großen Auftritts saßen die Kinder und Jugendlichen zusammen, suchten ein Lied aus, schrieben den Text, entwickelten das Szenario für das Vorstellungsvideo und entwarfen Kostüme. »Wir sind sehr stolz auf sie«, so Galyna Kapitanova. Nur die Choreografin und ein Kameramann mussten finanziert werden. »Trotz eines kleinen Budgets haben es unsere jungen Leute geschafft, eine tolle Show und ein Video zustande zu bringen.«

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wird die Jewrovision in Stuttgart stattfinden – am selben Wochenende wie der Eurovision Song Contest in Wien. Am Donnerstagabend, dem 14. Mai, beginnt das Mini-Machane. Die Show startet am frühen Freitagnachmittag. 13 Teams werden auf der Bühne stehen.

Mit seinen 13 Sängern und Tänzern dürfte Chaverim Leipzig wohl das kleinste Team dieser Show sein.

Die Jewrovision wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert und ausgerichtet. Der Wettbewerb ist mit mehr als 1200 Jugendlichen aus 60 Jugendzentren und Gemeinden aus der gesamten Bundesrepublik das größte jährliche Event der jüdischen Communitys in Deutschland sowie der größte jüdische Gesangs- und Tanzwettbewerb Europas.

Mit seinen 13 Sängern und Tänzern dürfte Chaverim Leipzig wohl das kleinste Team dieser Show sein, das eine Performance abgibt – das zeigt eine Nachfrage unter den teilnehmenden Jugendzentren. So wird das Berliner Juze Olam mit 60 Kindern an den Start gehen, Neshama München und Amichai Frankfurt mit etwa 30, Kadima aus Düsseldorf mit 33 und Emuna aus Dortmund mit 35. Der Zusammenschluss der Juze Kavanah (Aachen) und Jachad (Köln) tritt mit 42 Jugendlichen an. Sie gewannen im vergangenen Jahr die Jewro.

Erst ein einziges Mal hat Chaverim Leipzig bisher an der Jewro teilgenommen, das war 2019. »Wir kamen auf den vorletzten Platz. Die Kinder hatten viel Arbeit in ihren Auftritt investiert und waren auch deshalb über die Platzierung traurig. Da gab es Tränen, und der Gedanke kam auf, nur noch als Zuschauer dabei sein zu wollen.« Doch nun – sieben Jahre später – sei alles anders. »Sie haben mir gesagt, dass das Gewinnen nicht das Wichtigste sei. Aber sie möchten eine gute Show präsentieren und Spaß haben. Das sei das Ziel«, erzählt Galyna Kapitanova. Und über eine gute Platzierung würden sie sich umso mehr freuen.

Die Kooperation klappt prima

Leipzig ist das einzige Juze aus Ostdeutschland, das beim Songcontest mitmacht. Einer der Tänzer ist der 16-jährige Ron. »Ich freue mich am meisten auf die vielen Jugendlichen, die hinkommen, und auf die neuen Leute, die man kennenlernen wird. Aber auch auf die Show, weil wir dieses Jahr dabei sind. Selbst auf der Bühne zu tanzen, ist schon eine Herausforderung für mich, aber ich glaube, es wird Spaß machen«, sagt der Schüler.

Mehrere Hundert Kilometer weiter im Norden finden die gemeinsamen Proben der Juzes Atid (Bremen) und Chasak (Hamburg) für die Jewro statt, und zwar abwechselnd alle zwei Wochen in einer der beiden Hansestädte. Die Kooperation klappt prima – schließlich trennt beide Jugendzentren gerade einmal eine Stunde Fahrtzeit. »Ich denke, es ist gut, dass die großen Gemeinden die etwas kleineren mitnehmen«, sagt Ilja Cinciper, Kita- und Juze-Leiter in der jüdischen Einheitsgemeinde Hamburg. Bereits beim Jew­ish Quiz im Dezember traten die beiden Juzes zusammen an und stellten fest, dass alle gut harmonieren.

Viele Kinder haben sich angefreundet

Auch gemeinsame Ausflüge haben sie inzwischen unternommen. Da weiß man: Die Chemie stimmt. Acht Kinder aus Bremen sind auf der Bühne, 23 aus Hamburg. Marina Cornea, die Sozialpädagogin der Jüdischen Gemeinde Bremen, die für die Kita und das Juze Atid zuständig ist, stellt fest: »Die Kinder freuen sich, wenn es zu den Proben nach Hamburg geht. Da lernen sie ein größeres, sehr gut funktionierendes Juze kennen und sehen, was alles möglich ist. Viele Kinder haben sich angefreundet.« Und das sei eine Bereicherung. Sie werden die Show eröffnen.

Die Freundschaft zwischen Atid Bremen und Chasak Hamburg gebe es schon Langem. Sie reiche zurück in die Zeit, als Nachumi Rosenblatt, heute Jugendreferent bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, noch Rosch in Hamburg war. Bei der ersten Jewrovision, die 2002 in Bad Sobernheim stattfand, war Bremen auch dabei. Marina Cornea muss lächeln, wenn sie von damals erzählt: »Jugendliche von fünf Jugendzentren saßen ganz gemütlich auf dem Boden im Saal und feuerten einander an.« Heute ist die Jewro in ihren Augen das »größte Event für die jüdische Jugend Deutschlands«. Dennoch: Für kleinere Gemeinden ist es oft schwer, mitzuhalten. Eine Kooperation sei deshalb die »Rettung«.

Ilja Cinciper weiß, wie es ist, im Scheinwerferlicht zu stehen, weil er die Jewro vor einigen Jahren selbst moderierte.

Ein Team hat den Text geschrieben, gemeinsam wurde ein Song ausgesucht. Ein Kind kam daraufhin mit seinem Cello, ein weiteres mit seiner Geige. »Die müssen wir jetzt noch irgendwie einbauen«, sagt Ilja Cinciper. »Unsere tänzerischen Fähigkeiten sind dank unserer beiden Choreografinnen auf hohem Niveau«, meint er zufrieden.
Dieses Jahr freuen sich alle besonders, dass es am 16. Mai nach Schabbatausgang die Übertragung des Eurovision Song Contest beim Mini-Machane auf Leinwand geben wird. »Wir sind große Fans dieses Events und stimmen gern für Israel ab!«, sagt Marina Cornea.

Ilja Cinciper weiß, wie es ist, im Scheinwerferlicht zu stehen, weil er die Jewro vor einigen Jahren selbst moderierte. Auch Daniel Schwarz aus Gelsenkirchen ist mit der Atmosphäre vertraut – als Teilnehmer, Moderator und Juze-Leiter. Bisher ist »sein« Juze Chesed immer allein aufgetreten. Ein besonderes Merkmal waren dabei die Vorstellungsvideos. Zweimal wurden sie mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Ein besonderes Merkmal waren ihre Vorstellungsvideos

Doch nun gibt es Veränderungen. »Wir sind mit weniger als 300 Mitgliedern eine kleine jüdische Gemeinde«, sagt Daniel Schwarz. Daher sei die Anzahl der Kinder im Jugendzentrum überschaubar. »Auch deshalb fanden und finden wir es cooler, uns We.Zair Westfalia anzuschließen. So können sich neue Freundschaften zwischen den Kindern entwickeln.«
We.Zair Westfalia ist der Zusammenschluss der Juzes des Landesverbandes Westfalen-Lippe, darunter Münster, Wuppertal, Bochum, Bielefeld und Recklinghausen. Gelsenkirchen gehört dem Landesverband ebenso an – und hier wird nun sonntags geprobt.

Einige Kinder kennen sich schon von gemeinsamen Ausflügen und Feiern.
Nun finden die Gelsenkirchener Proben mit 45 Kids aus verschiedenen Städten statt und nicht mit nur zehn aus der eigenen Gemeinde. »In einem so großen Team werden sie eine noch größere Experience auf der Jewro-Bühne erleben«, verspricht Daniel Schwarz.

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