78 Jahre Israel

Masal Tow

Am Jom Haazmaut draußen zu feiern ist das Schönste. Foto: Flash 90

Der 14. Mai 1948 war ein sonniger Tag. Nach der Ausrufung des Staates Israel durch Ben Gurion wurde es auch ein Tag zum Feiern. Seit diesem historischen Augenblick im Saal des Beit Dizengoff, der später als »Independence Hall« bekannt werden sollte, hat das kleine Land viele schöne, tragische, aufregende und verändernde Momente erlebt. Wie erinnern sich Jüdinnen und Juden an ihren ersten Besuch, was wünschen sie dem Land, und wo fühlen oder fühlten sie sich besonders aufgehoben, wenn sie in Israel sind? Dazu haben wir einige befragt.

Herbert Rubinstein
Am 14. Mai 1948 war ich zwölf Jahre alt, und ich erinnere mich, dass wir uns natürlich wahnsinnig über die Staatsgründung gefreut haben. Ich war damals in Amsterdam, kam aus dem so­wjetischen Czernowitz und musste mich an die neue Umgebung und an die Freiheit erst einmal gewöhnen und darin ankommen. In meinem Judentum war ich in Holland schon angekommen, aber mit allem Politischen habe ich mich erst später in Düsseldorf auseinandergesetzt. Ich wusste damals jedenfalls: Wir hatten mit Israel endlich einen eigenen Staat!

Als ich das erste Mal in Eretz Israel war – ich muss Anfang 20 gewesen sein –, war ich sehr beeindruckt. Von der Fröhlichkeit der jungen Leute und der vielen Kinder; aber ich sah auch, wie schwer die Menschen arbeiteten, ich sah Schoa-Überlebende mit tätowierten Nummern. Ich sah jüdische Jugendliche, die auf mich anders wirkten als die, die ich aus Holland kannte. Sie schienen unbeschwert, sie waren schön, sie sangen. Ich freute mich, meinen Cousin zu sehen, der Transnistrien überlebt hatte. Er war drei Monate jünger als ich, lebte in einem Kibbuz und hatte eine ganz andere Sicht auf Israel als ich. Ich sah, wie sich das Land entwickelte, auch unter erdrückenden Schwierigkeiten, spürte aber eine selbstbewusste Gemeinschaft und die Freiheit, endlich selbst zu bestimmen.

Mit dieser Erinnerung wünsche ich zum 78. Geburtstag, dieser mystischen Zahl – die Sieben steht für die Schöpfung auf der Erde Israels für diese Welt und die Acht für die künftige Welt: Möge Israel diese Welt, die unter Kriegen und Gewalt leidet, in eine künftige Welt führen, in der es keine Kriege und keine Gewalt mehr geben wird. Möge dieser Prozess schon jetzt oder spätestens am 14. Mai, dem Tag, an dem der Staat von Ben Gurion ausgerufen wurde, seinen Anfang nehmen. Denn wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Und wer nicht die tagtäglichen Wunder sieht, ist ein Schlafwandler. Am Israel Chai, forever.

Herbert Rubinstein ist 90 Jahre alt und fühlt sich am wohlsten auf dem Shuk HaCarmel in Tel Aviv.

***

Bärbel Thierkopf
Die Sonne, das Essen, die Familie: Für mich als Kind in den 60er-Jahren war unsere erste Israel-Reise einfach wunderbar. Ich fragte meine Eltern damals sogar: »Warum ziehen wir nicht da hin?«

Damals wusste ich noch nicht, warum sie das nicht konnten. Vieles wurde bei uns nicht thematisiert. Ich lernte auf dieser Reise ganz bewusst die Familie kennen: einen Onkel und eine Tante – viele Familienmitglieder waren in Auschwitz ermordet worden, wie meine Großeltern, die Tanten und Onkel. Von neun Geschwistern hatten zwei überlebt. Jetzt waren wir in Israel, und es gab wahrhaftig noch einige Familienmitglieder: die Cousinen und Cousins, die in meinem Alter waren – ich habe mich so gefreut, denn in Deutschland hatte ich keine Großeltern, keine Verwandten. Meine Eltern hatten die Ausreise nach Amerika beantragt, aber mein Vater, der in Bergen-Belsen befreit wurde, war sehr krank. Daher wurde der Antrag abgelehnt. Für mich war es einfach schön, meine Familie in Israel kennenzulernen.

Daher wünsche ich Israel Frieden sowie Sicherheit für alle Bürger. Israel soll weiterhin demokratisch, innovativ und hoffnungsvoll sein sowie stark bleiben und eine friedliche Zukunft erleben. Jom Haazmaut findet in der ganzen jüdischen Welt Beachtung, aber in Israel ist es ein ganz besonderer Tag, denn alle Bürger aus allen Schichten kommen an diesem Tag zusammen, um die Nation zu ehren. Die Stimmung ist immer ganz toll. Ich glaube allerdings, dass dieser Unabhängigkeitstag wegen des Krieges doch etwas anders sein wird, etwas gedämpfter als sonst. Aber: »Wer in Israel nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.«

Bärbel Thierkopf ist so alt wie Israel und fühlt sich in Haifa am wohlsten.

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Ruthe Zuntz
Wenn ich an Israel denke, sehe ich die Hände meines Vaters. Er kam 1939 als Zehnjähriger an, allein, nachdem er fast seine gesamte Familie im nationalsozialistischen Deutschland verloren hatte.

Er gehörte zu jenen, die das Land mit ihren eigenen Händen aufbauten. Sein Leben ist der Beweis, wie existenziell wichtig dieser Staat als sicherer Hafen ist. Auch wenn ich heute in Berlin lebe, inzwischen länger als in meiner Geburtsstadt Haifa, bin ich im Herzen Israelin. Meine erste Kindheitserinnerung ist die weite Sicht auf das Meer von meinem Zimmer aus, dieser grenzenlose, freie Horizont. Es schmerzt zu sehen, wie diese Weite heute durch Krieg, die innere Zerrissenheit eines Landes und die Schatten versperrter Wege von außen bedroht wird.

Zum 78. Jubiläum wünsche ich dem Land eine Führung mit dem Mut zur Heilung: Politiker, die Spaltungen überwinden und den Frieden als höchstes Ziel wählen. Die den Glauben nicht länger als politische Strategie, sondern als verbindendes kulturelles Erbe sehen. Möge das Meer im Nahen Osten wieder ein freier Ort werden.

Möge das Land es schaffen, dass sein humanistischer Geist und die Sicherheit fortan wieder untrennbar Hand in Hand gehen – dass die Stille der Nacht in Israel wieder einkehrt und die Mütter den Schlaf finden, der nicht länger von der Sorge um ihre Kinder in der Ferne bewacht werden muss – und das Land zu einem leuchtenden Ort wird, an dem die Menschen wieder tanzen wie bei der Gründung Israels. Am Israel Chai. Masal Tow!

Ruthe Zuntz ist 55 Jahre alt und fühlt sich in Israel am wohlsten am Meer.

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Judith Neuwald-Tasbach
Ich habe in Israel viel Verwandtschaft. Als Kind war ich des Öfteren im Kibbuz Ramat Jochanan im Norden bei meinem Onkel Chanan, und da hat mich der unglaublich enge Zusammenhalt der Menschen sehr beeindruckt. Es war für mich wie eine große und liebevolle Familie, man fühlte sich wirklich geborgen. Mein großer Wunsch ist, dass es endlich Frieden gibt und dass die Kinder wieder zur Schule gehen können, dass all das wieder möglich ist, was eine glückliche Gesellschaft ausmacht!

Und ich hoffe so sehr, dass die Menschen nicht weiterhin mit der ständigen Gefahr von Anschlägen leben müssen oder sich in Bunkern vor Raketen oder Drohnen verstecken müssen. Aber trotz alledem haben die Bewohner Israels im World Happiness Report 2025 ihr Land zum achtglücklichsten Land von insgesamt 147 Rängen gewählt! Das zeigt die Lebenseinstellung der Menschen, man gibt die Hoffnung niemals auf! Man lebt in Israel in einer besonders solidarischen Gemeinschaft, das stärkt die Menschen. Israel ist ein Schmelztiegel so vieler Kulturen, ich wünsche mir, dass das friedliche Zusammenleben auf die ganze Region ausstrahlt.

Judith Neuwald-Tasbach ist 66 Jahre alt und fühlte sich in Kibbuz Ramat Jocha­nan am wohlsten.

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Nathan O.
Israel, ich wünsche dir für die Zukunft vor allem eines: Kraft. Gerade in diesen echt heftigen Zeiten, in denen es sich manchmal so anfühlt, als würde die Welt nur noch in Schwarz-Weiß denken. Es tut weh zu sehen, wie viele Leute sich ein Urteil über dich erlauben, ohne jemals einen Fuß auf deinen Boden gesetzt zu haben. Sie lassen sich von Schlagzeilen leiten, anstatt sich selbst ein Bild zu machen – von deiner unglaublichen Energie, den Landschaften und den Menschen, die du beschützt.

Einer meiner intensivsten Momente bei dir war eine Nacht in Jerusalem, kurz vor Jom Kippur. Ich stand an der Klagemauer, und die ganze Plaza war einfach nur voll – Tausende Menschen, ein riesiges Meer aus Stimmen und Gebeten. Was mich dort so richtig gepackt hat, war diese krasse Mischung: Da standen Leute mit völlig unterschiedlichen Hintergründen, die im Alltag vielleicht nie ein Wort gewechselt hätten, Schulter an Schulter. In dieser Atmosphäre habe ich gespürt, was dich im Kern ausmacht: dass du es schaffst, die Menschen zusammenzubringen.

Ich wünsche mir für dich ein Morgen, an dem deine Vielfalt nicht mehr als Problem, sondern als deine größte Stärke gesehen wird. Hör bitte niemals auf zu strahlen, egal wie laut der Lärm um dich herum ist. Bleib dieser besondere Ort, der inspiriert und zusammenhält. Auf dass deine Geschichte noch viele helle und friedliche Kapitel schreiben möge!

Nathan O. ist 22 Jahre alt und fühlt sich in Israel in Jerusalem am wohlsten.

Aufgezeichnet von Katrin Richter (Mitarbeit: Jan Feldmann)

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