Frankfurt

18-mal Familie

Wie lässt sich die Geschichte einer jüdischen Familie erzählen, ohne die Lücken und Brüche, die sich durch deren Genealogie ziehen, auszusparen? Diese Frage steht in der aktuellen Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt What a Family! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus im Mittelpunkt. Beantwortet wird sie unter anderem von der Kuratorin Annika Friedman, die gemeinsam mit der 1971 in Israel geborenen und seit 1991 in Berlin lebenden Fotografin Ruthe Zuntz die Ausstellung erarbeitet hat.

Es sei den beiden nicht darum gegangen, Zuntz’ Familie als exemplarisch für das Schicksal vieler deutsch-jüdischer Familien zu erzählen. Vielmehr wollten sie die Geschichte in ihrer ganzen Bandbreite und Tiefe zeigen, ohne dabei den Anspruch auf eine lückenlose Historiografie zu erheben, die jedes individuelle Schicksal in eine übergreifende Erzählung einzuordnen weiß. »Es war uns wichtig, auch den Leerstellen einen Platz zu geben«, betont Friedman.

Der erste Raum der Ausstellung, der als Prolog gelesen werden kann, macht auf eindrückliche Weise genau so eine Leerstelle zum Ausgangspunkt. Sofort fällt die abstrakte 3D-Darstellung eines Koffers ins Auge, die in der Mitte des Raumes platziert wurde. Es handelt sich dabei um ein Replikat des letzten Überbleibsels von Ruthe Zuntzʼ Großvater Karl, der 1897 in Frankfurt am Main geboren und 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde.

Zur Eröffnung kamen 60 Mitglieder der Familie aus aller Welt.

Das Original befindet sich bis heute im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Diese letzte Spur des Großvaters war es auch, die für Ruthe Zuntz zum Ausgangspunkt ihrer Recherche werden sollte, in deren Zentrum ein Konvolut von 500 Briefen steht, in denen ihr Vater Simon Zuntz von seiner Kindheit im Frankfurt der 30er-Jahre erzählt.

Der Bruch, den die Schoa in der Familiengeschichte bedeutet, wird auch an einem Foto aus dem Jahr 1938 deutlich, das Simon und seinen Bruder Leo Zuntz wahrscheinlich ein letztes Mal gemeinsam mit ihren jüngeren Geschwistern zeigt. Die ältere Schwester Esther, die zu diesem Zeitpunkt bereits in den Niederlanden war, fehlt auf dem Foto. Es überlebten einzig die beiden Söhne der Familie, die 1939 mit einem Kindertransport ins britische Mandatsgebiet Palästina geschickt wurden.

Die 18 Ausstellungsdisplays erinnern dabei ihrer Form nach an Scherben

Das Kernstück der Ausstellung bilden schließlich 18 Stationen, die sich jeweils der Biografie eines der Mitglieder der Familie Zuntz widmen, deren Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann, sowie eine künstlerische Arbeit von Ruthe Zuntz selbst. Die 18 Ausstellungsdisplays erinnern dabei ihrer Form nach absichtlich an die Scherben eines zerbrochenen Gefäßes.

Darin solle sich noch einmal die genealogische Detektivarbeit widerspiegeln, die im Zentrum der Ausstellung und der zweijährigen Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin und dem Jüdischen Museum Frankfurt stehe, erklärt Annika Friedman. Die zwar als Bruchstücke eines Gefäßes aufeinander verweisenden Scherben, die zusammengefügt aber nur beinahe ein bruchloses Ganzes ergeben, verdeutlichen darüber hinaus noch einmal den fragmentarischen Charakter der Erzählung.

Bei der Auswahl der 18 Biografien sei es ihnen besonders wichtig gewesen, auch die Rolle von Frauen zu berücksichtigen, bemerkt die Kuratorin. So lernen wir beispielsweise Rachel Zuntz-Hess (um 1787–1874) kennen. Die Tochter des Rabbiners und Kolonialwarenhändlers Nathan David Hess gründet 1837 die Kaffeerösterei »A. Zuntz sel. Wee.«, die bald zu einer der größten in Deutschland wurde.

Der zweite Teil der Arbeit ist eine 3-Kanal-Videoinstallation und zeigt Fotos von Alltagsszenen

Oder die Künstlerin Julia Feininger (1880–1970), geborene Lilienfeld-Zuntz, Ehefrau des Künstlers Lyonel Feininger, die an der Bauhaus-Schule in Weimar studierte, an zahlreichen Ausstellungen teilnahm und nach dem Tod ihres Mannes das Feininger-Archiv gründete. Weitere Beispiele für Mitglieder der weitverzweigten Familie Zuntz sind darüber hinaus der Begründer der Wissenschaft des Judentums, Leopold Zuntz (1794–1886), oder der Stiftungsbeamte und Unternehmer Leopold (Jehuda Gumpertz) Zuntz (1851–1916).

Ruthe Zuntzʼ künstlerischer Beitrag reflektiert schließlich die gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Frankfurt durchgeführte Recherchearbeit und den Einfluss, den diese Suche nach den eigenen Wurzeln auf das Selbstverständnis der Künstlerin hatte. Die eine Hälfte, präsentiert in zwei runden und durch Vorhänge umgrenzten Räumen, die gemeinsam die Form des mathematischen Zeichens für Unendlichkeit nachbilden, zeigt auf den Boden projizierte Archivalien unterschiedlicher Herkunft.

Die Suche nach der eigenen Geschichte bleibt unabgeschlossen, vielleicht sogar unabschließbar.

Durch den universellen Charakter der Ins­tallation spielt Zuntz hier mit der Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz, welche Dokumenten oftmals innewohnt, die einerseits das Schicksal der eigenen Familie erzählen, deren Inhalte andererseits durch behördliche Nüchternheit von der gelebten Wirklichkeit abgeschnitten werden. Der zweite Teil der Arbeit ist eine 3-Kanal-Videoinstallation und zeigt Fotos von Alltagsszenen, die Zuntz während ihrer Zeit in Frankfurt aufgenommen hat.

Pa­rallel dazu hört man Ausschnitte aus den Briefen ihres Vaters, die das Frankfurt seiner Kindheit mit den Bildern der Stadt aus der Gegenwart in Beziehung setzen. Zuntzʼ fotografischer Spurensuche gelingt es dabei durchweg, die Spannung zwischen der Kontinuität und dem Bruch in der eigenen Familiengeschichte aufrechtzuerhalten, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht.

Im letzten Raum dokumentiert eine Art Epilog die Entstehung der Ausstellung – insbesondere die intensive Recherchearbeit, die Ruthe Zuntz gemeinsam mit dem Team des Jüdischen Museums Frankfurt geleistet hat.

What a Family! konfrontiert den Besucher mit der schmerzvollen Erfahrung, dass die Suche nach der eigenen Geschichte unabgeschlossen, vielleicht sogar unabschließbar bleibt, auch wenn an einigen Stellen die leise Hoffnung aufkommt, dass sich die Scherben doch noch einmal zu einem Ganzen verbinden lassen.

Dass zur Eröffnung der Ausstellung rund 60 Mitglieder von Familie Zuntz aus aller Welt in die Mainmetropole kamen, könnte dafür symbolisch ein guter Anfang sein.

»What a Family! Ruthe Zuntz: 500 Jahre im Fokus«. Die multimediale Ausstellung ist bis zum 15. Februar 2026 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main zu sehen.

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