Berlin

Er hat Traditionen neu gedeutet

Pavel Feinstein Foto: www.benyaminreich.com

2020 erschien Pavel Feinsteins Roman Krokodilopolis. In dem Buch beschreibt er das letzte Kapitel als eines, »in dem der Kreis sich schließt und der Verfasser vorläufig seine Ruhe findet«. Dieser Satz passt irgendwie zu der Nachricht, die sich am Sonntag in seinem Freundeskreis verbreitete: Der Maler, Zeichner und Autor ist verstorben, er erlag in Berlin einer kurzen, schweren Krankheit.

Feinstein, Jahrgang 1960, wurde in Moskau geboren. Er wuchs in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, auf und besuchte dort die Kunstfachschule. Nach seiner Übersiedlung nach Deutschland im Jahr 1980 setzte er sein Studium an der Hochschule der Künste in Berlin fort. Seine erste Einzelausstellung fand 1986 statt. Zahlreiche weitere Ausstellungen seiner Stillleben, Akte und Porträts folgten.

Die »Zeit« nannte ihn einmal den »neuen Altmeister« und schrieb über seine Bilder: »Es ist vor allem das Gespenstische, das Tragische an Feinsteins Bildwelt, das Gefangensein im ewigen Kreisen um Schuld und Sühne, das diesen Werken Eindringlichkeit verleiht.« Feinstein schaffe schwindelerregende Bilderwelten und nähere sich burlesken Motiven mit altmeisterlicher Technik.

Meisterhafte Stillleben

Seine Arbeiten künstlerisch eindeutig zu verorten, dürfte schwerfallen. Die einen erkannten in seinen Werken eine Orientierung an niederländischen und spanischen Vorbildern des 17. und 18. Jahrhunderts, andere sahen Einflüsse des russischen Realismus oder Anklänge an die Kunst des französischen Malers Paul Cézanne.

In einem Vorwort zu einer Ausstellung hieß es 2012: »Pavel Feinsteins Malerei fasziniert, irritiert und verstört gleichermaßen.« Faszinierend sind sicherlich seine meisterhaften Stillleben, in denen er unter anderem Zitronen und Granatäpfel, Porzellanschüsseln und silberne Teekännchen, Muscheln und Heringe darstellt, meist in ungewöhnlichen Zusammenstellungen, die ebenso irritieren können, wie Bilder von pinselschwingenden Affen. Verstörend wirken könnten etwa Arbeiten, in denen Feinstein ähnlich wie bei Caravaggios »Salome mit dem Haupt Johannes’ des Täufers« auf einem Silbertablett einen abgeschlagenen Kopf präsentiert – unverkennbar seinen eigenen.

Immer wieder widmete er sich biblischen Stoffen: dem Tanz um das Goldene Kalb oder dem Ringen Jakobs mit dem Engel. Auch die Opferung Isaaks kehrt in verschiedenen Arbeiten wieder. Biblische Figuren erscheinen als orthodoxe Juden mit Hut und Schläfenlocken. Bilder mit subtiler Ironie und bisweilen grotesken Elementen. Diese Zeitung bezeichnete ihn einmal als »Meister der Verfremdung« und zitierte ihn mit den Worten: »Beim Malen ein bisschen Schabernack treiben muss schon erlaubt sein. Oder nicht?«

Im Judentum verwurzelt

Eine umfangreiche Schau mit rund 70 seiner Arbeiten zeigte das Jüdische Museum Berlin 2002/3. In einem Text zur Ausstellung heißt es, dass der Inhalt der Gemälde Traditionen unterlaufe und sie neu deute: »Feinsteins Figuren, die mit der Erinnerung an stereotype Judenbilder spielen, bevölkern eine zwischen Witz und Grauen oszillierende Welt.«

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Feinstein war tief im Judentum verwurzelt. Er besuchte sowohl die Gottesdienste der liberalen Synagoge Pestalozzistraße als auch jene der orthodoxen Chabad-Gemeinde. Sein Interesse galt gleichermaßen der griechischen Mythologie wie der chassidischen Literatur. Die Werke der römischen Antike faszinierten ihn ebenso wie klassisch-jüdische Texte.

In seinem Wilmersdorfer Atelier traf sich zeitweise eine kleine Lerngruppe zum wöchentlichen Talmudstudium mit Netanel Olhoeft. Der Rabbiner erinnert sich: »Besonders inspirierend fand Pavel die Aggadot aus dem Traktat Sanhedrin, in denen es um Messias-Vorstellungen und die Auferstehung der Toten geht. Er studierte diese mit derselben humorvollen Lebendigkeit, mit der er malte - mit Zigarette und Linsensuppe, während seine Hündin durchs Atelier lief.«

Pavel Feinstein war verheiratet und Vater von drei Kindern.

Beisetzung in Weißensee

2007 veröffentlichte er ein Buch mit Tierzeichnungen aus dem Berliner Zoo. Im Vorwort bezeichnete Ljudmila Belkin die Bleistiftskizzen als »Meisterstücke zum Genießen«.

2020 erschien der bereits eingangs erwähnte Roman. Geschildert werden darin die Erlebnisse des vagabundierenden Künstlers Shimon ben S. im Nahen Osten gegen Ende des zweiten Jahrhunderts. Am Ende seiner Reise kommt der Protagonist zu der Erkenntnis: »Unsereiner ist an sich bedeutungslos, nur durch diese Teilhabe an der Schöpfung und durch das nagende Gefühl unserer eigenen Unzulänglichkeit … gewinnt unser Leben eine gewisse Bedeutung.«

Pavel Feinstein wurde am Mittwoch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. ddk

Shelly Meyer

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