Nachruf

Neil Sedaka: Der Künstler, der zweimal Karriere machte

Neil Sedaka (1939 - 2026) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Die Popwelt trauert um einen Mann, der wie kaum ein anderer für eingängige Melodien, Teenager-Träume – und ein erstaunliches Comeback stand: Neil Sedaka ist im Alter von 86 Jahren in Los Angeles gestorben. Er war kurz zuvor in ein Krankenhaus eingeliefert worden.

»Unsere Familie ist am Boden zerstört über den plötzlichen Tod unseres geliebten Ehemanns, Vaters und Großvaters, Neil Sedaka«, gab seine Familie bekannt. »Eine wahre Rock’n’Roll-Legende, eine Inspiration für Millionen, aber vor allem – zumindest für uns, die wir das Glück hatten, ihn zu kennen – ein außergewöhnlicher Mensch, der schmerzlich vermisst werden wird.«

Geboren wurde Sedaka am 13. März 1939 in Brooklyn. Sein Vater Mordechai »Mac« Sedaka, ein Taxifahrer libanesisch-jüdischer Herkunft, war als Kind mit seinen Eltern aus Istanbul in die Vereinigten Staaten gekommen. Seine Mutter Eleanor, geborene Appel, stammte aus einer aschkenasisch-jüdischen Familie mit polnisch-russischen Wurzeln. In Brighton Beach wuchs ihr Sohn in bescheidenen Verhältnissen auf.

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Neil Sedaka sang auch auf Hebräisch.
Teenager-Idol der frühen Sechziger

Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent. Als ein Lehrer der Mutter empfahl, dem Jungen Klavierunterricht zu ermöglichen, nahm sie eine zusätzliche Arbeit an, um ein gebrauchtes Instrument zu finanzieren. Mit neun Jahren erhielt Sedaka ein Stipendium für die renommierte Juilliard School.

Eigentlich sollte er Konzertpianist werden. Seine Mutter träumte von einer klassischen Karriere wie die des Virtuosen Van Cliburn. Doch der junge Neil hörte heimlich Popmusik. Später erinnerte er sich: »Musik ist so sehr ein Teil von mir: Meine Eltern erzählten mir, dass ich als Baby nicht essen wollte, wenn im Radio keine Musik lief.«

Mit seinem Schulfreund und Texter Howard »Howie« Greenfield schrieb Sedaka Dutzende Lieder – viele davon im legendären Brill Building in Manhattan. Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre wurde er selbst zum Star. »Calendar Girl«, »Happy Birthday Sweet Sixteen« und vor allem »Breaking Up Is Hard to Do« machten ihn zum Idol einer ganzen Generation. Auch »Oh! Carol«, ein Song, den er für seine Ex-Freundin Carole King schrieb, gehört in diese Kategorie.

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Spanisch, Deutsch und Hebräisch

Zwischen 1959 und 1963 verkaufte Sedaka mehr als 25 Millionen Schallplatten. Seine Melodien waren eingängig, oft verspielt – und nicht frei von Selbstironie. Über die Fließbandproduktion jener Jahre sagte er einmal: »Wenn uns die Texte ausgingen, haben wir eben ein doo-bee-doo eingefügt.«

Und Sedaka schrieb nicht nur für sich selbst. Für Connie Francis komponierte er unter anderem »Stupid Cupid«, später folgten Welthits für andere wie etwa »Love Will Keep Us Together«, das durch Captain & Tennille berühmt wurde, oder »Ring Ring« der schwedischen Gruppe Abba.

International war Sedaka ein Phänomen: In Italien nahm er eigene Versionen seiner Hits auf, sang auf Spanisch, Deutsch, Hebräisch – sogar auf Jiddisch veröffentlichte er ein Album.

Neil Sedaka und seine Frau Leba Strassberg nach einem Restaurantbesuch im Jahr 2019 in Los AngelesFoto: picture alliance/AP Images
Der Absturz – und die britische Invasion

Dann kam 1964. Die Beatles landeten in New York – und veränderten die Musikwelt. Sedaka formulierte es später knapp: »The Beatles – not good!« Noch deutlicher sagte er rückblickend: »Zwischen 1963 und 1975 habe ich sehr wenig gearbeitet. Die Beatles waren nach New York gekommen und haben die Musik verändert – alle Solosänger waren arbeitslos.«

Seine Plattenfirma ließ ihn fallen. Hinzu kam, dass sein Stiefvater und Manager Teile seines Vermögens veruntreut hatte. Sedaka zog sich als Interpret weitgehend zurück, blieb aber als Komponist gefragt.

In dieser Zeit spielte sich auch eine Szene ab, die er später gern erzählte. In England sprach ihn eine Frau auf der Straße an und rief: »Hey! Sie waren mal Neil Sedaka!« Seine Antwort fiel unmissverständlich aus: »Ich bin immer noch Neil Sedaka, Sie Miststück!«

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In den 70er Jahren kam man an »Laughter in the Rain« nicht vorbei.
Das Comeback eines Unverwüstlichen

Anfang der 1970er-Jahre zog Sedaka, der auch für sein konstantes Lächeln bekannt war, mit seiner Familie nach Großbritannien. Dort begann sein erstaunliches Comeback. Unterstützt von jungen Musikern und später auch von Elton John, der ihn auf seinem Label Rocket Records unter Vertrag nahm, fand Sedaka zurück an die Spitze.

1975 gelang ihm mit »Laughter in the Rain« erneut ein Nummer-eins-Hit in den USA. Kurz darauf folgte »Bad Blood«, wiederum ein Chartstürmer. Selbst »Breaking Up Is Hard to Do« nahm er neu auf – diesmal als Ballade – und landete damit erneut in den Top Ten. Kaum ein anderer Künstler schaffte es, denselben Song in zwei völlig unterschiedlichen Versionen zu einem Hit zu machen.

Auch als Songschreiber blieb er erfolgreich. »Solitaire« wurde durch die Carpenters weltbekannt, »(Is This the Way to) Amarillo?« avancierte in Großbritannien Jahrzehnte später zu einer der erfolgreichsten Singles des 21. Jahrhunderts – Sedaka erhielt dafür sogar einen Eintrag im Guinness-Buch der Weltrekorde.

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Stolz auf seine Wurzeln

Seine Herkunft hat er nie versteckt. Er nahm ein jiddisches Album auf, thematisierte mit »The Immigrant« die Erfahrungen von Einwanderern – inspiriert auch vom Schicksal der eigenen Eltern. Seine Karriere war immer auch ein Stück jüdische Aufstiegserzählung in Amerika: vom Sohn eines Taxifahrers aus Brooklyn zum internationalen Star mit Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

1983 wurde er in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen. Bis ins hohe Alter trat er auf, veröffentlichte neue Alben und startete während der Corona-Pandemie Mini-Konzerte in sozialen Netzwerken, um seine Fans zu unterhalten. Bis zuletzt sang er mit seinem Neffen Michael Sedaka und präsentierte die Ergebnisse in sozialen Medien. Erst 2022 zog er sich vom Songschreiben zurück. Er glaube, die Qualität seiner besten Jahre nicht mehr erreichen zu können, sagte er.

Mit Neil Sedaka verliert die Popmusik einen Künstler, der zwei völlig unterschiedliche Karrieren erlebte – und beide Male die Charts eroberte. Er war und bleibt eine Legende, die Millionen inspirierte – und ein Mensch, der seinen Liebsten, aber auch der Welt fehlen wird.

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