Anne Frank ist das vielleicht bekannteste Opfer der Nationalsozialisten - wegen ihres Tagebuchs, das sie in ihrem Amsterdamer Versteck von 1942 bis zu ihrer Verhaftung 1944 führte. Doch bis sie durch ihr Schicksal zu einer traurigen Berühmtheit wurde, vergingen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch Jahre. Dazu beigetragen hat auch ein Theaterstück, das vor genau 70 Jahren - am 1. Oktober 1956 - in Dresden, Zürich und Wien gleichzeitig uraufgeführt wurde.
Frances Goodrich und Albert Hackett, ein US-amerikanisches Ehepaar, sind die Autoren des Dramas. Der Historiker Manfred Kittel bezeichnete das Werk als »meistgespieltes Theaterstück der Bundesrepublik«. Es habe kaum eine Bühne gegeben, die es nicht im Programm hatte.
Doch das Stück ließ einige von Annes Erlebnissen aus. Die Historikerin Katja Heimsatz schrieb in ihrer Doktorarbeit, Goodrich und Hackett hätten Anne Frank mit einem neuen Image versehen, »das dem jüdischen Mädchen aus dem Tagebuch nicht mehr entsprach«.
Verharmlosung von Annes Biografie?
Dieses Image ist positiver, als es im Tagebuch erscheint. Das Stück betone vor allem Anne Franks fröhliche Seite, erklärt Heimsatz. Am Ende spricht sie beispielsweise aus dem Jenseits und sagt: »Trotz allem glaube ich an das Gute im Menschen.« Vom Lager Westerbork und den KZs Bergen-Belsen und Auschwitz, wohin die Nationalsozialisten Anne deportierten, erfahren die Zuschauer dagegen nichts. Mit dieser Darstellung als »Triumphfigur« verringerten die beiden US-Autoren die ernsthaften jüdischen Erfahrungen, so Heimsatz.
Das kritisierte vor 70 Jahren auch schon der jüdische Psychoanalytiker Bruno Bettelheim: »So aber versucht uns das Theaterstück glaubhaft zu machen, dass man, selbst wenn man Jude ist, ein kleines privates Leben fortführen kann - trotz Nazi-Rassismus und Nazi-Tyrannei.«
In dem Theaterstück wird Annes Leben tatsächlich vor allem auf ihr Familienleben reduziert. Es setzt 1942 ein, als Anne Frank, ihre Schwester Margot, ihre Eltern Otto und Edith sowie die Familie van Pels und Fritz Pfeffer in das Hinterhaus in Amsterdam fliehen, um sich vor der Verfolgung durch die NS-Besatzer zu verstecken. Es geht vielfach darum, wie sie sich als junge Erwachsene mit ihren Eltern auseinandersetzt und wie sie sich das erste Mal verliebt.
Ausgangspunkt für Erinnerung
Nichtsdestotrotz trug das Theaterstück zu einer Beschäftigung der breiten Nachkriegsgesellschaft mit ihrer NS-Vergangenheit bei. Es löste eine Debatte aus: Wie begriffen die Deutschen den Krieg im Rückblick - und welche Erklärungen fanden sie für sich selbst? »Indem die Deutschen sich diesen schwierigen Fragen stellten, kam es bei ihnen zu vielschichtigen Gefühlen, die von der Empörung bis zur Scham - und zum Schuldgefühl reichten«, betont Heimsatz.
Tatsächlich bot das Theaterstück mit der Figur Anne Franks einen guten Ausgangspunkt für diese Auseinandersetzung. Denn anders als abstrakte Zahlen bot ihr Erleben im Alltag des Amsterdamer Hinterzimmers einen sehr persönlichen Zugang zum Schicksal einer von den Nationalsozialisten verfolgten Jüdin.
Der großen Verbreitung und Akzeptanz des Theaterstücks kam auch zugute, dass Anne Frank in ihrem Tagebuch die Deutschen nicht verurteilt. Die Anne Frank des Tagebuchs war eine »die das Leben bejahte, und nicht eine, die ihre Verfolger anklagte«, ergänzt Heimsatz.
Gewalt und Antisemitismus wieder aktuell
Die Reaktion der Zuschauer war unterschiedlich. So wurde das Publikum vor einzelnen Aufführungen gebeten, von Beifallsbekundungen Abstand zu nehmen, heißt es in einem Programmheft des Stadttheaters im sächsischen Bautzen aus den Jahren 1957 und 1958.
Die Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide berichtete 1975 davon, dass Menschen nach der Aufführung des Theaterstücks mitunter fassungslos dasaßen und schwiegen. Andere seien unfähig gewesen, sich in die Augen zu schauen.
Die erste Aufführung des Theaterstücks jährt sich zum 70. Mal. Zum Jubiläum wird es am Schauspiel Wuppertal aufgeführt. In einer Zeit, in der das Erleben von Antisemitismus und Gewalt wegen des Jüdischseins wieder aktueller ist denn je.