Frau Pollatschek, sind Sie glücklich?
Ja.
Wie gelingt Ihnen das?
Weil ich in der Regel ausgeschlafen, ausgeruht und auch wohlgenährt genug bin, um festzustellen, dass das Leben eine sehr schöne Angelegenheit ist. Und wenn ich das nicht bin, dann bin ich nicht glücklich.
Waren Sie, bevor Sie sich für Ihr Buch »Wie ich so glücklich wurde« mit dem Thema Glück beschäftigt haben, weniger glücklich?
Nein. Das Schreiben eines Buches macht eher nicht glücklich, dafür ist es zu vergrübelt. Das Buch schrieb ich, weil ich plötzlich feststellte, dass ich überraschenderweise glücklich bin und ich die Weichenstellungen, die mich dahin geführt haben, mit anderen teilen wollte. Denn ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch, sondern eher moll als dur. Lange war ich deutlich weniger glücklich. Zum einen war mir gar nicht klar, dass die Welt auch ein sehr schöner Ort ist. Ich dachte irgendwie, dass es unanständig ist, das so zu sehen, weil es Teile der Welt gibt, die gerade nicht wunderschön sind. Es gibt Menschen, deren Leben sehr viel schwieriger ist als meines. Ich dachte deshalb, dass ein anständiger Mensch sich eigentlich nicht über das Leben freuen darf. Das Problem ist natürlich: dass es keinen Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit gibt, wo es wirklich allen gut ging. Und wahrscheinlich wird es den auch nicht geben. Wenn man also sagt, man darf nur glücklich werden, wenn alle es können, darf niemand jemals glücklich werden. Heute denke ich: Es ist völlig in Ordnung, glücklich zu sein, auch wenn in der Welt schreckliche Dinge passieren. Wenn einem diese schrecklichen Dinge gerade nicht selbst zuteilwerden, darf man glücklich sein. Man hilft nicht, indem man mitleidet, sondern indem man hilft. Und manchmal kann man sogar besser helfen, wenn man nicht selbst mitleidet.
Das Glücklichsein hat für Sie also auch eine körperliche Seite?
Auf jeden Fall. Das ist ein ganz banaler Teil, den man aber gerne verdrängt: Bin ich überhaupt körperlich in der Lage, die Welt zu genießen? Das hat sehr viel mit Schlaf, Ernährung und Bewegung zu tun. Man möchte natürlich lieber denken, dass es einem schlecht geht, weil man eine tiefe Seele und eine bedeutsame Vergangenheit hat. Aber manchmal ist die Erklärung einfach: Ich habe fünf Stunden geschlafen. Oder: Ich habe nichts gegessen. Ich hatte beispielsweise zehn Jahre lang Magenschmerzen und war überzeugt, dass sie psychosomatisch sind. Heute sehe ich es teilweise genau andersherum. Wenn mein Magen Probleme macht, ich eine Gastritis habe oder erkältet bin, ist es viel schwerer glücklich zu sein.
Ist es einfach, glücklich zu sein?
Für manche Menschen mehr, für andere weniger. Das hat zum Teil auch einfach genetische Ursachen. Für die meisten gilt: Die Fähigkeit zum Glücklichsein ist leichter, wenn man einigermaßen gut mit seinem Körper umgeht und in einer guten Verfassung ist. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch anders geht. Ich habe mich kürzlich mit einem 80-jährigen ehemaligen Psychoanalytiker unterhalten, der sechs Stunden am Tag meditiert. Er sagt, dass er dadurch seinen Körper manchmal überhaupt nicht mehr wahrnimmt und das ist natürlich, wenn man viele Schmerzen hat, eine unfassbare Erleichterung. Ich glaube trotzdem, dass es Unsinn ist, seinen Körper mutwillig zu ramponieren, nur weil man sich für eine besonders tiefe Seele hält.
In Ihrem Buch beschreiben Sie ein Interview mit der Schoa-Überlebenden Erika Freeman, die auch in den schlimmsten Zeiten einen positiven Blick auf die Welt hatte. Sie schreiben von ihrer »inneren Erika«. Wann holen Sie sie heraus?
Immer dann, wenn ich sie brauche. Das war für mich das Tollste am Schreiben dieses Buches: das Kapitel über Erika. Denn beim Schreiben war sie plötzlich wieder völlig da. Ich hatte an diesem Tag beispielsweise auf einen Hermes-Boten gewartet und war völlig fertig, weil er wieder nicht gekommen war. Und dann dachte ich plötzlich: »Ist das dein Ernst, Nele Pollatschek? Du regst dich jetzt wirklich auf, weil dieser Hermes-Bote nicht kommt? Die Welt ist doch völlig in Ordnung. Dann kommt er eben morgen. Du verschiebst einen Termin. Alles gut.« Das verändert sofort die Perspektive.
Was hat sie an Erika Freeman fasziniert?
Ich kenne keinen Menschen, der so absichtlich, so kunstfertig positiv denkt. Ihr Leben war auf eine Art schwer, wie es viele unserer Groß- und Urgroßeltern erlitten haben, wie es meiner Generation aber fremd ist. Sprich: Eine alte Wiener Jüdin, die als Kind nach Amerika floh, in dem Wissen, dass sie ihre geliebte Mutter nie wieder sehen wird. Wenn sie aber über diese Zeit erzählt, findet sie selbst in den schlimmsten Dingen noch etwas Gutes. Zum Beispiel: Als die Juden keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen durften, musste sie zur Schule laufen. Zwei Stunden Schulweg pro Tag. Und dann sagt sie: davon profitieren meine Beine heute noch. Als ich vor Jahren ein Interview mit ihr in der ZEIT las, dachte ich: Wenn diese Frau es schafft, noch in ihrer Verfolgung Gutes zu finden, dann kann ich doch nicht behaupten, bei mir gäbe es nichts Gutes zu finden. Also versuche ich mehr wie Erika zu denken. Wenn ich beispielsweise wegen einer ausgefallenen Bahn laufen muss, denke ich: Habe ich meine 10.000 Schritte heute schon geschafft! Das ist gut für den Kreislauf. Ich bin aktiviert, statt in ein Nachmittagstief zu fallen.
Kann eine andere Perspektive wirklich die Welt verändern?
Zumindest verändert sie die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Wir simulieren uns einen Teil der Welt gewissermaßen selbst. Wenn ich eine Situation positiv erzähle, nehme ich auch andere Dinge wahr. Dann fällt mir plötzlich auf, dass die Sonne scheint oder dass es eigentlich schön ist, zu Fuß zu gehen, statt in einer vollen Straßenbahn zu sitzen. Wenn ich anfange, mich zu fragen: »Was würde Erika Freeman hier Positives entdecken?«, macht mich das tatsächlich fast süchtig.
Sind Menschen, die eine Religion haben, glücklicher?
Wenn ich der Forschung glaube, würde ich sagen: ja. Beziehungen machen glücklich. Beziehungen zu anderen Menschen sind aber oft schwierig und nicht immer stabil. Eine Beziehung zu Gott kann deshalb eine zusätzliche stabile Beziehung sein. Natürlich muss Gott dafür nicht einmal real existieren. Schon der Gedanke an eine liebevolle Beziehung kann etwas Positives bewirken. Es gibt beispielsweise Studien, die zeigen, dass allein das Foto des Partners bei der Schmerzverarbeitung helfen kann. Außerdem ist Religion extrem gemeinschaftsstiftend. Es geht also nicht nur um die Beziehung zu Gott, sondern auch um die Beziehungen innerhalb einer Gemeinschaft. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass ein guter Geistlicher an der Seite eines Menschen ähnlich hilfreich sein kann wie ein guter Therapeut.
Wir sind Anfang November, dem Monat mit sehr wenigen Sonnenstunden. Was machen der Berliner Herbst und Winter mit Ihrem Glück?
Bei mir sehr viel. Wenn die Sonne scheint, bin ich gut drauf. Wenn sie nicht scheint, bin ich schlecht drauf. Ich habe keine besonders tiefe Erklärung dafür. Berlin im Winter finde ich besonders schwierig. Eine der glücklichsten Sachen, die ich deshalb gemacht habe, war, mit dem Zug nach Marseille zu fahren. In acht Stunden ist man dort, und im November kann man noch ins Meer gehen. Das Meer ist dann vielleicht 16 Grad frisch, aber die Sonne scheint. Mein Naturell sagt mir bei schlechtem Wetter eigentlich: Verbarrikadiere dich zu Hause. Aber das macht es nicht besser. Ich muss mich dann trotzdem dem Tageslicht aussetzen und mich bewegen.
Im Englischen gibt es die Unterscheidung zwischen »Happiness« und »Joy«. Im Deutschen haben wir »Glück« – wo sind da die Feinheiten?
Das deutsche Wort »Glück« ist deshalb interessant, weil es sowohl Glück im Sinne von »luck« als auch Glück im Sinne von »happiness« bedeutet. Im Englischen ist das stärker getrennt. Ich finde deshalb den Satz des Fußballers Christoph Kramer überraschend klug: »Ich danke dem Glück. Du hast mich sehr glücklich gemacht.« Denn ich glaube, dass ich lange nicht die Fähigkeit hatte, mich vom Glück glücklich machen zu lassen. Das ist eine wichtige Voraussetzung: Gute Dinge müssen einem nicht nur passieren. Man muss sie auch wahrnehmen und sich von ihnen glücklich machen lassen. »Joy« ist für mich eher eine kurzfristige Gefühlswallung. »Happiness« kann dagegen auch ein gelingendes Leben beschreiben.
Der Musiker Nick Cave sagte in einem Interview, in dem er über Trauer sprach, dass Freude ein Gefühl sei, das man empfinde, wenn auch ein Verständnis für das Leiden vorhanden sei. Ist die Traurigkeit eine Art Voraussetzung fürs Glücklichsein?
Ich glaube, das denken Menschen, die sich gerne für tiefgründig halten. Wenn man sich Babys anschaut, sieht man, dass sie zu sehr spontaner Freude fähig sind. Der 80-jährige Psychoanalytiker, mit dem ich vor kurzem gesprochen habe, sagte zu mir: »Alles, was ich möchte, ist, wieder so zu sein wie ein Baby.« Ich glaube nicht, dass Babys erst den Blues brauchen, um Freude empfinden zu können. Menschen sind von Natur aus zu großer Freude fähig.
Was hat Sie heute glücklich gemacht?
Sehr viel. Viele verschiedene Menschen haben mich heute glücklich gemacht. Und der Sonnenschein hat mich glücklich gemacht – das muss ich leider zugeben. Außerdem habe ich heute Morgen zum ersten Mal meine Handysperre nicht umgangen. Ich versuche gerade, weniger Zeit mit meinem Smartphone zu verbringen. Normalerweise beginnt mein Tag mit dem Atlantic, dem New Yorker, der Süddeutschen Zeitung und der Zeit. Ich lese wahnsinnig gerne Zeitung, aber manchmal merke ich, dass ich schon morgens viel zu viel Zeit mit irgendwelchen Debatten verbringe. Heute habe ich die Sperre nicht umgangen und nicht als Erstes mein Handy benutzt, sondern zum Wachwerden ein Buch gelesen. Und dadurch war ich schon am Morgen wahnsinnig gut gelaunt.
Nele Pollatschek: Wie ich so glücklich wurde. Ein Buch, das glücklich macht, für alle, die sowas nie lesen würden. Erscheint am 5. November bei Galiani Berlin (Verlagsgruppe Kiepenheuer & Witsch). 224 Seiten. 22,00 €.