Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

Foto: Flash 90

Der Wunsch, man möge leben bis 120, klang lange Zeit wie eine unerreichbare biblische Referenz. Zugegeben, außer Moses scheint es bislang kein Mensch geschafft zu haben. Aber der Hype um »Longevity«, die Optimierung der Langlebigkeit, lässt diese Altersmarke nicht mehr völlig unrealistisch wirken. Ganz so einfach ist es nicht, der Mensch ist schließlich noch keine Maschine. Wäre alles nur vom richtigen Lebensstil abhängig, könnten wir uns nicht erklären, wie Menschen nach extremen körperlichen Entbehrungen trotzdem ein hohes Alter erreichen.

Meine Großmutter überlebte einen sibirischen Gulag und wurde trotz Geburten unter schlimmsten Bedingungen, dem einen oder anderen Medikamentenmissbrauch, lebenslanger körperlicher Arbeit und einer gebrochenen Psyche 97 Jahre alt. Sie aß jeden Tag eine Avocado, nicht, weil es so gesund war, sondern weil es im Israel der 50er-Jahre keine Butter gab und es sie an diese Zeit erinnerte. An den Ort, an dem sie gern geblieben wäre, um zu heilen.

Der aschkenasische Prototyp, frei nach Philip Roth, ist nicht zwingend für seine athletische Physis bekannt.

Der aschkenasische Prototyp, frei nach Philip Roth, ist nicht zwingend für seine athletische Physis bekannt. Es zwickt im Rücken, die Magenschleimhaut ist chronisch entzündet, die Füße sind platt. Nicht zuletzt ist es auch eine alte antisemitische Trope, den Juden als untersetzt zu zeichnen. Und man berief sich darauf, seinen Kopf dringender zu brauchen als seinen Körper. Das Volk des Buches eben. Ob sich Frauen diese Nachlässigkeit jemals leisten konnten? Fraglich.

Max Nordaus Vorstellung vom »Muskeljuden« mündete im 20. Jahrhundert in die Gründung der ersten Makkabi-Sportvereine. Und in Palästina machten die Sonne, der Aufbau des Landes und seine Verteidigung aus den Jeckes und den Schtetljuden einen neuen Prototyp.

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends natürlich nicht spurlos an uns vorbei. Vielleicht gewinnt der Körper gerade deshalb an Bedeutung, weil intellektuelle Fähigkeiten, die lange als menschliches Alleinstellungsmerkmal galten, technisch reproduzierbar erscheinen. Vielleicht denken wir auch wieder mehr darüber nach, was es braucht, um zu überleben.

Die sozialen Medien werden geflutet mit Work-out-Routinen, Spinning, Hyrox und Pilates.

Wahrscheinlich aber gehört es einfach zum Zeitgeist. Die sozialen Medien werden geflutet mit Work-out-Routinen, Spinning, Hyrox und Pilates, und während noch vor einigen Jahren eine vegetarische Ernährung als erstrebenswert galt, vermittelt die Marketingwelt heute, dass wir ohne genügend Proteine nicht lebensfähig sind. Wie, du machst noch kein Krafttraining?

Früher reichte Fußballtraining. Wer aus der Sowjetunion kam, war eventuell im Tischtennis, im Eiskunstlauf oder im Tanzwettkampf etwas kompetitiver. Oder eben im Schach.

Und jetzt? Werden wir in der Diaspora nun doch noch zu Muskeljuden? Körperkult ist nichts Neues und sowieso nicht unproblematisch. Ich will mich davon nicht beherrschen lassen, sage ich mir, während ich meine Wiederholungen am Latzug zähle und prüfe, ob ich heute schon genug Schritte gegangen bin. Lächerlich! Aber in einer Welt, in der alles ungewiss ist, tut es gut, sich auf etwas zu fokussieren, was kontrollierbar scheint. Auch wenn es nur das Gewicht ist, das ich heute gehoben habe.

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